Drohnen und KI statt Korruption: Der Jungspund Fedorow krempelt die Ukraine um
Politik
Drohnen und KI statt KorruptionDer Jungspund Fedorow krempelt die Ukraine um
24.05.2026, 10:19 Uhr
Von Denis Trubetskoy, KiewArtikel anhören(09:30 min)00:00 / 09:30
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Als Digitalminister besorgte er eine technische Revolution. Den 35-jährigen Mychajlo Fedorow zum Verteidigungsminister zu machen, war dennoch ein Wagnis Wolodymyr Selenskyjs. Nach vier Monaten Amtszeit sind Fedorows Erfolge beachtlich – und sein Gestaltungsanspruch ist nicht kleiner geworden.
In der ukrainischen Politik gibt es aktuell nur wenige Figuren, die spannender erscheinen als der 35-jährige Shootingstar und Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Seit etwas mehr als vier Monaten ist der bisher jüngste Leiter des im Verteidigungskrieg gegen Russland wohl wichtigsten Ressorts im Amt. In dieser Zeit setzte Fedorow bereits das um, wofür er vom Präsidenten Wolodymyr Selenskyj eingesetzt wurde: für eine Revolution im überbürokratisierten, oft überforderten und chaotischen Ministerium zu sorgen. Die erste Zwischenbilanz ist durchaus beeindruckend, doch Fedorows weiter Weg ist so ungewiss wie die Zukunft des Landes.
Vor der Präsidentschaftswahl 2019 holte Selenskyj den damals noch extrem jungen Fedorow als Leiter seines digitalen Wahlkampfes ins Team. Die Ergebnisse konnten sich sehen lassen: Es war nicht zuletzt Fedorows Verdienst, dass im Superwahljahr 2019 sowohl Selenskyj als auch seine Partei Diener des Volkes fulminant bei der jüngeren Wählerschaft abräumten. Er ist seitdem das einzige Regierungsmitglied, welches im ukrainischen Ministerkabinett seit Tag eins ununterbrochen dabei ist. Als Vizepremier und Digitalminister feierte der in einem von Russland inzwischen besetzten Gebiet der Region Saporischschja geborene Fedorow große Erfolge: Die allermeisten Staatsdienstleistungen sind digitalisiert. Dafür schuf er mit seinen Mitarbeitern die staatliche Dienstleistungsapp Dija ("Aktion"), die als eines der Vorzeigeprojekte in der Geschichte des Landes gilt.
Effiziente Verteidigung auf Datenbasis
Dass Fedorow einmal ins Verteidigungsressort wechseln könnte, war eigentlich spätestens seit dem russischen Großüberfall im Februar 2022 naheliegend. Denn ab diesem Zeitpunkt konzentrierte sich das Digitalministerium verstärkt auf militärische Angelegenheiten. So wird Mychajlo Fedorow nicht grundlos als Vater des ukrainischen Drohnenprogramms und als Hauptverantwortlicher für die bemerkenswerte Digitalisierung der Armee bezeichnet. Das ukrainische Digitalministerium wurde zum ersten zivilen Ressort der Welt, das über eine eigene Kampfeinheit verfügte. Deren Aufgabe ist das Testen von neuen Produkten unter Kampfbedingungen. Außerdem stand Fedorow im direkten Kontakt mit US-Milliardär Elon Musk: Dessen Starlink-Terminals, die mit dem satellitengestützten Internet verbinden, sind an der Front überlebenswichtig für die Ukraine.
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Kurzum: Mychajlo Fedorow war in Fragen der militärischen Produktion bestens eingebunden. Daher ist es keine Überraschung, dass seine Ernennung von der Öffentlichkeit bestens angenommen wurde. Dennoch haben sich viele Menschen gefragt, ob die Personalie nicht allzu riskant ist. Denn die Ausgangslage im Verteidigungsministerium sah folgendermaßen aus: Die Riesenbehörde galt viele Jahre als "Chaosministerium". Es war der langjährige Ex-Ministerpräsident Denys Schmyhal, der dort endlich für Ordnung sorgte. Schmyhal ist allerdings ein ausgesprochener Technokrat, der mit einem Bürokratieriesen bestens umgehen kann. Fedorow ist das komplette Gegenteil. Selenskyj hatte sich bewusst für dieses Risiko entschieden: Im asymmetrischen Ringen mit Russland sollten innovative Ansätze einen Unterschied ausmachen.
Dass solche neuen Ansätze funktionieren können, hat der junge Minister bereits mit der von ihm vorangetriebenen Flugabwehrreform bewiesen. Er war der Initiator der sogenannten "kleinen Flugabwehr". Diese wird nun auf Fedorows Wunsch vom ehemaligen Fernsehproduzenten Pawlo Jelisarow angeführt, der vom Kommandeur einer Kampfdrohneneinheit zum Vizechef der ukrainischen Luftstreitkräfte befördert wurde. Vor 2022 war er noch der wichtigste Kopf hinter der beliebtesten politischen Talkshow des Landes.
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Die Aufgabe der von Jelisarow angeführten "kleinen Flugabwehr" ist, die ununterbrochen steigende Anzahl der vergleichsweise billigen russischen Langstreckendrohnen effektiver und kosteneffizienter abzufangen. Dafür musste ein System geschaffen werden, in dem mobile Abfangtruppen die kleinen Flugabwehrsysteme wie die deutschen Geparden und moderne Abfangdrohnen mithilfe digitaler Lösungen bei der Zielerkennung koordinieren. Das Projekt gilt als großer Erfolg: Im April holten sie mehr als die Hälfte der von Russland eingesetzten Drohnen vom Himmel.
Die KI soll Russlands Vorgehen prognostizieren
Überdies hat Fedorow das wegen seiner riesigen Budgets für Einkäufe und Aufträge besonders korruptionsanfällige Verteidigungsministerium derart radikal umstrukturiert, dass die Behörde kaum wiederzuerkennen ist. Die Anzahl der bisher elf stellvertretenden Minister wurde halbiert. Die Stellen bekamen hochrangige Ex-Mitarbeiter des Digitalministeriums, die mit Fedorow gewechselt sind, prominente Figuren aus dem Wirtschaftsumfeld sowie erfahrene Militärs mit guter Reputation. Der 35-Jährige hat zudem bekannte Vertreter der Zivilgesellschaft mit Bezug zum Militär als Berater ins Ressort geholt und eine gründliche Überprüfung der Verteidigungsbranche angeordnet.
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Zwar ist die Effektivität von Fedorows Maßnahmen nach vier Monaten bis jetzt nicht vollständig einzuschätzen, die ersten Anzeichen sind jedoch positiv. Vor allem gibt es bemerkenswerte Fortschritte bei der Beschaffung von qualitativ hochwertigen Drohnen. Seit Fedorows Übernahme wird der Bedarf der Armee automatisch und KI-gestützt auf der Grundlage von Gefechtsdaten ermittelt. Dies sorgte nicht zuletzt dafür, dass im ersten Quartal 2026 bereits doppelt so viele qualitative Abfangdrohnen wie im Vorjahr eingekauft wurden. Fedorow ist auch für die Gründung eines KI-Zentrums innerhalb des Ministeriums verantwortlich, welches die Gefechtsdaten analysiert und die Aktionen der russischen Truppen prognostiziert. Sein persönlicher Sieg ist zudem, dass noch im Januar die nach Russland geschmuggelten Starlink-Terminals für die russischen Truppen blockiert wurden. Dafür stand er wieder persönlich mit Musk im Kontakt.
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Die Zwischenbilanz von Mychajlo Fedorow kann sich sehen lassen. Doch er agiert permanent auf einem Minenfeld, anders als im Digitalministerium, das bei Weitem nicht so viel Angriffsfläche für seine Gegner bot. So wurde Fedorow von Selenskyj öffentlich mit der Lösung des Problems der sogenannten "Bussifizierung" beauftragt. So werden in der Ukraine Fälle gewaltsamer Mobilisierung genannt, bei denen Wehrpflichtige von der Straße gezerrt werden. Deswegen arbeitet das Ministerium seit Monaten an einer gründlichen Mobilisierungsreform. Die ursprüngliche Frist für dieses Vorhaben ist allerdings längst um. Und es ist davon auszugehen, dass das sensible Mobilisierungsthema unabhängig von Fedorows finalen Vorschlägen ein großes Problem bleiben wird.
Fedorow spricht ganz oben mit
Wie der junge Politiker mit der unvermeidlichen öffentlichen Kritik umgehen wird, ist der erste große Test für Fedorow, dem langfristig vielleicht noch höhere Posten winken. Ein anderer Risikofaktor – auch für das Land und seine Verteidigungsfähigkeit – sind mögliche Konflikte mit dem Generalstab. Denn die Beziehung zwischen dem Verteidigungsministerium und der Armeeführung hat sich stark verändert. Während zuvor die Wünsche des Generalstabs etwa bei der Beschaffung möglichst geräuschlos umgesetzt wurden, hat Fedorow eigene Vorstellungen und sogar seinen eigenen strategischen "Kriegsplan".
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Kein Wunder also, dass das Verhältnis zwischen Fedorow und dem Armee-Befehlshaber Oleksandr Syrskyj als ausbaufähig gilt. Mit der Arbeit des Letzteren scheint Präsident Selenskyj jedoch zufrieden zu sein. Dass der 35-Jährige trotzdem mit der Zeit versuchen könnte, Syrskyj Absetzung voranzutreiben, ist jedoch wahrscheinlich. Beispielhaft ist die Entlassung der mächtigen rechten Hand Selenskyjs, Andrij Jermak, im letzten November nach Durchsuchungen der Antikorruptionsbehörden. Selenskyjs Liebling Fedorow gehörte dem Vernehmen nach zu den wichtigsten Stimmen, die Selenskyj zu einer Trennung drängten von seinem einflussreichen und inzwischen wegen Geldwäschevorwürfen angeklagten Kanzleichef. Auch das kann wie eine Art interne Revolution betrachtet werden.

