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Strafjustiz vor dem Kollaps: Warum Täter in Deutschland immer öfter straffrei davonkommen

May 23
12:36 2026

Panorama

Strafjustiz vor dem KollapsWarum Täter in Deutschland immer öfter straffrei davonkommen

23.05.2026, 10:08 Uhr IMG-7408Von Sarah PlatzArtikel anhören(09:47 min)00:00 / 09:47

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Rund 50 Tatverdächtige mussten 2025 aus der Untersuchungshaft entlassen werden, weil sich ihre Verfahren zu lange hinzogen. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Staatsanwaltschaften melden einen alarmierenden Rekord: Nie zuvor gab es in Deutschland mehr unbearbeitete Strafverfahren. Tatverdächtige profitieren zunehmend von der Überlastung des Systems – mit fatalen Folgen.

Im Juni 2025 spaziert ein Angeklagter aus der JVA Vechta, dem die Staatsanwaltschaft 100 Taten vorwirft und Fluchtgefahr attestiert. Wenige Wochen später dürfen zwei Drogendealer die Untersuchungshaft in Wuppertal verlassen, obwohl sie zu mehr als zehn Jahren Haft verurteilt wurden. In Hamm wird ein mutmaßlicher Schwerverbrecher aus der U-Haft entlassen – laut Anklage gehen Raub, Körperverletzung und versuchte Vergewaltigung auf sein Konto. Auf freien Fuß kamen die vier Verdächtigen aus nur einem Grund: Die Gerichte und Staatsanwaltschaften haben es schlicht nicht rechtzeitig geschafft, sich mit ihren Fällen zu beschäftigen.

Ein wachsendes Dilemma in der Strafjustiz, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt: Rund 50 dringend Tatverdächtige wurden 2025 in Deutschland aus der Untersuchungshaft entlassen – fast ein mutmaßlicher Verbrecher pro Woche. Die Dunkelziffer dürfte nach einer Recherche des "Spiegel" sogar noch deutlich höher liegen. "Dabei reden wir von schweren Delikten wie Mord, Totschlag oder Vergewaltigung", stellt Sven Rebehn, Geschäftsführer des Deutschen Richterbundes, im Gespräch mit ntv.de klar. Die Verdächtigen durften also keineswegs gehen, weil die Behörden sie schließlich für ungefährlich oder weniger tatverdächtig hielten. Sie mussten freigelassen werden.

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Denn sie saßen bereits mindestens ein halbes Jahr in Untersuchungshaft. Abgesehen von Ausnahmen ist das die gesetzliche Obergrenze. Sowohl das Grundgesetz als auch die Europäische Menschenrechtskonvention verlangen aufgrund des starken Eingriffs in die Freiheitsrechte ein zügiges Verfahren gegen Untersuchungshäftlinge. Damit sind die Freilassungen gerade Ausdruck eines funktionierenden Rechtsstaats, an ihnen selbst gibt es nichts zu rütteln. Wohl aber sind sie Symptom eines Problems, das deutlich tiefgreifender ist – und wächst: Die Strafjustiz ist heillos überlastet.

"Strafverfolgung nach Kassenlage"

Mehr als eine Million unerledigte Strafverfahren lagen Ende 2025 bei den Staatsanwaltschaften – so viele wie noch nie zuvor. Ende 2020 waren es noch rund 700.000 offene Fälle. Ein Anstieg um 50 Prozent innerhalb von nur fünf Jahren. Anfang des Jahres machte Rebehn daher unmissverständlich klar: Die Politik muss diesen Trend stoppen. Der Justiz in Deutschland drohe der Kollaps.

"Seitdem hat sich die Lage nicht grundlegend verbessert", sagt Rebehn rund sechs Monate später. Bundesweit fehlen etwa ein Viertel Staatsanwältinnen und Staatsanwälte. "Oder anders ausgedrückt: Drei Staatsanwälte machen den Job von vier." Auf diese Weise gebe es keine Chance, dem riesigen Verfahrensrückstau Herr zu werden. "Faktisch betreiben wir Strafverfolgung nach Kassenlage." Mit dem Bild des drohenden Kollapses sei daher weniger der plötzliche Zusammenbruch als vielmehr ein Dauerzustand gemeint.

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Ein systematisches Kapazitätsdefizit, das sich durch alle Ebenen der Strafjustiz zieht, wie Richter in der "Zeit" ergänzen. Neben Staatsanwälten mangele es etwa an forensischen Sachverständigen und sogar dem Wachpersonal, das Verdächtige ins Gericht bringt. Ganz abgesehen von der schleppenden Digitalisierung der Justiz selbst. Die Folgen: Überlange Verfahren sowie Überstunden und eine Dauerbelastung unter den Mitarbeitenden.

Politik treibt Zahl der Fälle nach oben

Das Strafsystem ächzt – und werde zunehmend zum "Flaschenhals der Kriminalitätsbekämpfung", fährt Rebehn fort. Denn: Die Zahl an neuen Fällen steigt und steigt. Während "früher jährlich etwa 4,5 Millionen neue Fälle hinzukamen, sind es inzwischen rund 5,5 Millionen". Der Aktenberg bei den Staatsanwaltschaften wächst also deutlich schneller, als dass er schrumpft. Und eine Umkehr dieses Trends ist mit Blick auf die Gründe gerade nicht abzusehen.

Da sei zum einen die allgemeine Kriminalitätsentwicklung, so Rebehn. Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt etwa, dass Fälle von Kinderpornografie zunehmen und mehr Sexualstraftaten wie etwa Vergewaltigungen angezeigt werden – schwere Delikte, die mit viel Ermittlungsarbeit verbunden sind. Überhaupt habe sich das Beweismaterial durch die Digitalisierung vervielfacht. Nicht selten müssen Ermittler in großen Fällen von Kindesmissbrauch oder organisierter Kriminalität Millionen Handyfotos und Chats untersuchen.

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Zum anderen treibe der Gesetzgeber selbst die Zahl der neuen Fälle nach oben. Hintergrund sei ein häufiger politischer Reflex, erklärt Rebehn. "Nach einzelnen, oftmals erschütternden Fällen wird das Strafrecht verschärft, um Handlungsstärke zu demonstrieren." So gibt es etwa neue Paragrafen zu Geldwäsche, Hasskriminalität, Kinderpornografie und künftig wohl auch zu sexualisierten Deepfakes, wie Justizministerin Stefanie Hubig nach dem Fall Collien Fernandes jüngst ankündigte.

"Wirkung neuer Gesetze wird verpuffen"

Viele dieser Strafverschärfungen mögen rechtspolitisch gut zu begründen sein, sagt Rebehn. Der Gesetzgeber vergesse jedoch oft ein essenzielles Detail: die hinreichende personelle Unterlegung. "Mehr Straftatbestände können nur dann zu mehr Verurteilungen führen, wenn es auch mehr Ermittlungen gibt." Dafür brauche es aber mehr Personal. Andernfalls, so Rebehn, "wird die Wirkung dieser neuen Gesetze verpuffen".

Gravierend sei auch eine weitere Folge der personellen Klemme, fährt Rebehn fort. So greifen die Staatsanwaltschaften bei einfacher und mittlerer Kriminalität zunehmend auf die Möglichkeit zur Verfahrenseinstellung zurück. Zum Beispiel bei einfachen Diebstählen, einfacher Körperverletzung oder kleineren Drogendelikten kommt es heute deutlich seltener zu einer Anklage als noch vor einigen Jahren. "Inzwischen endet nur jedes 16. Strafverfahren mit einer Anklage. 2014 war es noch jedes zehnte."

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Wer Unrecht begeht, erfährt also nicht mehr zwingend eine spürbare Konsequenz. Ein fatales Signal des Rechtsstaats, denn: Die abschreckende Wirkung des Strafrechts schwindet. Zudem sinke langfristig das Vertrauen der Bevölkerung in Polizei und Justiz, sagt Rebehn. "Die Menschen erwarten, dass der Staat zügig und konsequent auf Straftaten reagiert." Tatsächlich kritisieren laut dem Roland Rechtsreport des Allenbach-Instituts vier von fünf Deutschen, dass Prozesse in Deutschland zu lange dauern und die Justiz überlastet ist. In einer in europäischen Staaten und den USA durchgeführten Umfrage zum Vertrauen in den Rechtsstaat landete Deutschland zuletzt nur in der unteren Hälfte des Rankings.

"Pakt für den Rechtsstaat" – aber wann?

Um das zu ändern, kündigte Ministerin Hubig im vergangenen Juli den sogenannten Pakt für den Rechtsstaat an. Der Plan: Die Länder erhalten bis 2029 rund 450 Millionen Euro vom Bund, um Personal aufzubauen und die Digitalisierung voranzutreiben. Gerade noch rechtzeitig mit Blick auf die Prognose, dass bis 2031 bundesweit rund 11.000 der etwa 28.000 Richter und Staatsanwälte (rund 40 Prozent) in den Ruhestand gehen.

Die Zeit drückte also bereits im vergangenen Sommer – doch nach Hubigs Ankündigung wurde es ruhig um den Pakt, den sich Union und SPD bereits im Koalitionsvertrag versprochen hatten. Im vergangenen Dezember platzte schließlich die geplante Einigung zwischen Bund und Ländern. Berichten zufolge ringen einige der Länder mit ihrer Zustimmung, da es sich bei den Investitionen des Bundes in neue Stellen lediglich um eine Anschubfinanzierung handelt. Man befinde sich weiterhin in konstruktiven Gesprächen, teilte das BMJV nun auf Anfrage von ntv.de mit. "Eine zeitnahe Einigung wird angestrebt." Ob das noch in diesem Jahr der Fall sein könnte, bleibt offen.

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Rebehn geht trotz der anfänglichen Blockade einiger Länder davon aus, dass der Pakt bis zum Sommer beschlossen wird. Zum einen, weil die Politik das enorme Problem erkannt habe. Zum anderen, weil sie unter Handlungsdruck stehe: Dutzende mutmaßliche Verbrecher, die aus Untersuchungsgefängnissen spazieren, jahrelange Ermittlungsverfahren und Kleinkriminelle, die ungestraft davonkommen, stehen nicht gerade für gelungene Kriminalitätsbekämpfung. Innere Sicherheit bleibt allerdings eines der Hauptanliegen der Bevölkerung. "Auch deshalb kann es sich die Politik nicht leisten, hier zu scheitern."

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