Warum Ingenieure SMR ablehnen : “Minireaktoren sind technisch gesehen zu klein, ineffizient und teuer”
Wirtschaft
Warum Ingenieure SMR ablehnen "Minireaktoren sind technisch gesehen zu klein, ineffizient und teuer"
22.03.2026, 10:08 Uhr Artikel anhören(06:59 min)00:00 / 06:59
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Ursula von der Leyen setzt auf moderne Mini-Atomreaktoren. Markus Söder auch. Die USA ohnehin. Die Politik möchte etliche Milliarden Euro und Dollar in SMR investieren. Tatsache bleibt: Auch nach jahrzehntelanger Forschung sind effiziente Minireaktoren nur Wunschtraum, keine Realität. "Das hat technische Gründe", sagt Leonhard Gandhi vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) im "Klima-Labor" von ntv. "Kleine Reaktoren brennen Kernbrennstoff schlechter ab. Deswegen sind SMR per se deutlich teurer als große Anlagen." Die Branche weiß ihm zufolge um ihre Ineffizienz, aber "scheitert krachend" mit allen Alternativen.
ntv.de: Was ist der Reiz an modernen Minireaktoren, den Small Modular Reactors oder auch SMR?
Leonhard Gandhi: Für günstige Kernkraft muss man standardisieren. Das ist lange bekannt. Das war in Deutschland mit der Konvoi-Baureihe geplant. Beim französischen Atomkraft-Hochlauf in den 1970er und 1980er Jahren hat das mit dem Messmer-Plan auch funktioniert. Selbst in Frankreich ist inzwischen aber nicht mehr vorstellbar, viele identische Atomkraftwerke zu bauen. Aktuell sind sechs neue AKW bis 2040 geplant.
Das reicht nicht für Kostensenkungen?
Die Anzahl ist zu gering. Man hofft, dass man die Kraftwerke als SMR kleiner bauen kann. Dann könnte man mehr gleiche Einheiten bauen und somit früher Kostensenkungspotenziale erreichen. Es gibt allerdings einen Grund dafür, warum bisher Großkraftwerke gebaut wurden. Das älteste, laufende Kernkraftwerk der Welt ist Beznau in Schweiz. Das wurde 1969 in Betrieb genommen und hat eine elektrische Leistung von 365 Megawatt pro Reaktorblock. Die Grenze von SMR und konventionellen Großreaktoren wird häufig bei 300 Megawatt gezogen. Einige neuere Konzepte überschreiten diese Grenze allerdings bewusst, weil größere Einheiten wirtschaftliche Vorteile bieten.
Nämlich?
In kleinen Anlagen ist das Verhältnis von Oberfläche zu Volumen aufgrund des kleineren Reaktorkerns größer. Das führt zu höheren Neutronenverlusten, der sogenannten Leckage. Diese Neutronen stehen nicht mehr für die Kettenreaktion zur Verfügung. Dadurch ist die Neutronenökonomie schlechter als bei großen Reaktoren.
Kleine Reaktoren sind ineffizienter als große?
Ja, die Brennstoffausnutzung ist schlechter. Das kann man ausgleichen, indem man zum Beispiel höher angereicherten Brennstoff verwendet. Die Branche möchte diese zusätzlichen Kosten durch die Serienfertigung kleinerer Reaktoren überkompensieren. Bisher gibt es kein Indiz dafür, dass diese Serienfertigung funktioniert. Das ist schiere Hoffnung.
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Deswegen werden die geplanten Minireaktoren im Verlauf der Planung immer größer und größer?
Genau. Teilweise sind die geplanten SMR inzwischen größer als das Kernkraftwerk Beznau. Der Grund ist derselbe: Aus technischer Sicht sind sie zu klein. In der Regel benötigt man höher angereichertes Uran für den Betrieb. Das ist teurer. Das höher angereicherte Uran kann man inzwischen sogar energieeffizienter und somit günstiger herstellen als früher. Die Zentrifugen sind seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch im Westen verfügbar. Trotzdem ist es unwirtschaftlicher, kleine Reaktoren zu fahren.
Weil das Uran schlechter verbrannt wird?
Ungleichmäßiger. Das ist die Herausforderung. Man muss den Brennstoff gleichmäßig aufbrauchen. Aber je kleiner man den Reaktor plant, desto stärker nehmen Randeffekte zu und umso herausfordernder wird es. Deswegen sind SMR per se deutlich teurer als große Anlagen. Die Brennstoffausnutzung ist aber auch in großen heutigen Reaktoren sehr gering.
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Das bedeutet?
Durch den geringen Ausnutzungsgrad ist die Verfügbarkeit von Natur-Uran ein Riesenproblem für die Atomindustrie. Das kann nicht skaliert werden. Wenn alle Länder auf Kernenergie setzen, kommt man schnell ans Limit.
Dafür gibt es keine Lösung?
Der kerntechnischen Industrie ist das Problem natürlich bekannt. Sie hat deshalb in den 1980er und 1990er Jahren an Brutreaktoren geforscht. Deutschland hat sogar den Schnellen Brüter von Kalkar gebaut, Frankreich den Superphénix und Japan das Kernkraftwerk Monju. Das waren technische Sackgassen. Alle Projekte in westlichen Ländern sind krachend gescheitert, auch in den USA. Die geringe Brennstoffausnutzung besteht nach wie vor. Aktuell versucht sich China an einer Lösung. Bleibt die aus, wird eine große Skalierung schwierig.
Auf der Weltklimakonferenz 2023 haben 22 Nationen angekündigt, dass sie die weltweiten Atomkapazitäten bis 2050 verdreifachen wollen. Das wären 1000 neue Atomkraftwerke. Dieser Plan scheitert allein deshalb, weil das vorhandene Uran nicht ausreicht?
Man landet an der Grenze des Verfügbaren zu akzeptablen Preisen und Umweltauswirkungen. Würde sich die Welt vornehmen, 80 Prozent ihres Stroms aus Kernenergie herzustellen, wäre es mit der bisherigen Technologie nicht darstellbar. Die Uranvorräte sind endlich. Ohne technologische Fortschritte wird sich daran nichts ändern. Deshalb wird inzwischen an der Wiederaufbereitung von Brennstoffen gearbeitet, aber das funktioniert bisher auch nicht wirtschaftlich.
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Die nukleare Wiederaufbereitung ist ein Thema für sich. Das sind bisher wirklich nur Konzepte. Daran haben sich alle Länder die Finger verbrannt. Das wird im großen Maßstab nicht mehr gemacht, weil es viel zu teuer ist und die Umweltbelastungen zu groß sind. Man hat in der Vergangenheit mehrfach versucht, Kernenergie zu skalieren. Bisher war kein Versuch erfolgreich.
Mit Leonhard Gandhi sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast "Das Klima-Labor von ntv" anhören.
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