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Ukraine als Testfeld für Drohnen: “Die deutsche Seite darf den Kontakt zur Frontlinie nicht verlieren”

February 22
21:06 2026

Politik

Ukraine als Testfeld für Drohnen"Die deutsche Seite darf den Kontakt zur Frontlinie nicht verlieren"

22.02.2026, 18:09 Uhr Artikel anhören(08:37 min)00:00 / 08:37

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"Die Entwicklung jeder Drohne, die heute von großen Unternehmen gebaut wird, begann mit einer Handvoll Ingenieuren in kleinen Werkstätten", sagt Lomikovskyi. (Foto: picture alliance/dpa)

Mut und Erfindungsreichtum ist für die Ukrainer der Schlüssel zum Erfolg. Durch Innovationen können sie den Russen seit vier Jahren die Stirn bieten. Wenn die Bundesregierung wichtige Schritt beachte, könne sie von Kiews Drohnentechnik profitieren, sagt Rüstungsexperte Lomikovskyi

ntv.de: Nach vier Jahren Krieg halten die Ukrainer den russischen Vormarsch immer noch auf. Liegt der Grund dafür in der Innovationskraft der Ukraine im Bereich der Drohnentechnologie?

Yurii Lomikovskyi: Der wichtigste Grund ist der Mut der Ukrainer und die Fähigkeiten der ukrainischen Soldaten im Krieg. Aber auch der technologische Fortschritt ist entscheidend, um dem russischen Aggressor entgegenzutreten. Anfang 2023 begannen Drohnen eine Schlüsselrolle im Krieg zu spielen. Damals entstand die gesamte Drohnenindustrie, weil Artilleriegeschosse knapp waren. First-Person-View-Drohnen, kurz FPV-Drohnen, wurden von den Ukrainern bereits vor der groß angelegten Invasion im Jahr 2022 eingesetzt, als sie gegen die Russen im Donbass kämpften. Heute greifen die Ukrainer 80 bis 85 Prozent ihrer Ziele mit Drohnen an.

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Yurii Lomikovskyi ist Mitbegründer von Iron, einem Netzwerk für die Rüstungs- und Tech-Industrie mit Sitz in Lwiw. Seit 2023 beteiligen sich mehr als 80 Unternehmen, Startups und 2.500 Fachkräfte an dem Netzwerk, um Innovationen voranzutreiben. Lomikovskyi leitet den Bereich Regierungsbeziehungen.

Wie kam es dazu?

Drohnen können kostengünstig eingesetzt werden. Eine FPV-Drohne im Wert von etwa 500 Euro kann einen russischen Panzer zerstören, der Millionen kostet. Bodendrohnen tragen auch dazu bei, das Leben ukrainischer Soldaten zu retten. Ihr Einsatz ist besonders wichtig in der sogenannten Todeszone, dem umkämpften Gebiet zwischen den Stellungen der Kriegsparteien, das sich manchmal über einen 20 Kilometer breiten Streifen erstreckt. Hier gibt es keine Null-Linie wie im Zweiten Weltkrieg. Es werden so viele Drohnen eingesetzt, dass sich eine Linie bildet, in der niemand lange unentdeckt überleben kann. In dieser Zone wollen wir uns noch stärker auf Technologie verlassen, damit Roboter und autonome Drohnen bald alle gefährlichen Aufgaben übernehmen.

Die Russen holen den technischen Vorsprung der Ukraine meist schnell auf, indem sie abgeschossene Drohnen untersuchen und kopieren. Wie ist der aktuelle Stand Russlands in der Drohnenproduktion im Vergleich zur Ukraine?

Die Ukrainer sind aufgrund ihrer dezentralen, horizontalen Entscheidungsfindung weitaus innovativer als die Russen. Für mich ist das der Kern der Widerstandsfähigkeit der Ukraine gegenüber der russischen Aggression. Jede innovative Lösung wurde in Laboren der Streitkräfte selbst entwickelt und dann von den Akteuren der Industrie skaliert. Die Entwicklung jeder Drohne, die heute von großen Unternehmen gebaut wird, begann mit einer Handvoll Ingenieuren in kleinen Werkstätten. Der Vorteil der Russen: Sie kopieren unsere Ideen und skalieren viel schneller. Das liegt an der zentralisierten Drohnenfertigung, die eine Massenproduktion ermöglicht.

Kann die Ukraine das nicht auch?

Der ukrainische Drohnenmarkt ist mit bis zu 900 konkurrierenden Unternehmen nur teilweise für die Massenproduktion geeignet. Die Russen haben diese große, schnelle Skalierung, die Ukrainer haben Innovation. Beides hat sich während der Kämpfe im Jahr 2025 ausgeglichen. Der ukrainische Staat hat im letzten Jahr drei Millionen Drohnen beschafft. In diesem Jahr braucht die Ukraine mindestens sieben Millionen Drohnen für den Krieg.

Hoffen die Ukrainer auf Unterstützung aus anderen europäischen Ländern?

Ja, Hilfe wird dringend benötigt. Ukrainische Unternehmen und Fabriken sind ständig von russischen Angriffen bedroht. In Europa wird oft darüber gesprochen, dass Russland zivile Infrastruktur ins Visier nimmt. Das stimmt, besonders im Winter. Aber von Sommer bis Herbst sind militärisch-industrielle Komplexe die Hauptziele. Joint Ventures im Ausland bieten Sicherheit und Vorteile. Ukrainische Drohnen, die mit der Kapazität und Qualität der deutschen Industrie hergestellt werden, markieren einen echten Wendepunkt. Denn der Krieg führt zu Arbeitskräftemangel in der Ukraine. Nato-Mitglieder bieten einen leichteren Zugang zu Kapital und fortschrittlicher Technologie.

Die Drohnenproduktion für die Ukraine hat in Deutschland bereits begonnen. Was genau wird hierzulande hergestellt und in welchem Umfang?

Es handelt sich um eine Partnerschaft zwischen dem ukrainischen Unternehmen Frontline Robotics und dem deutschen Unternehmen Quantum Systems zur Herstellung von Linza-Drohnen. Eine Linza-Drohne ist eine Quadcopter-Drohne, die beispielsweise als Bomber eingesetzt wird. Alle produzierten Drohnen gehen in die Ukraine und werden von Deutschland finanziert. Das ukrainische Unternehmen Airlogix plant ebenfalls eine Zusammenarbeit mit dem Auterion, einem multinationalen Unternehmen mit Hauptsitzen in den USA und München. Gemeinsam wollen die Firmen für Deutschland und die Ukraine KI-Lösung entwickeln für Streikdrohnen mit mit starren Tragflächen, die besonders präzise Angriffe durchführen.. Insgesamt werden Tausende von Angriffsdrohnen in Deutschland hergestellt, dazu kommen Aufklärungsdrohnen mit starren Tragflächen und unbemannte Bodenfahrzeuge

Wie kann die deutsche Drohnenindustrie innovativer werden?

Deutschland könnte vom Aufbau der ukrainischen Drohnenindustrie lernen. Quantum Systems hat vieles richtig gemacht: Das Unternehmen schickte ein Forschungsteam an die ukrainische Front, um die Produkte an die örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Die Kenntnis der Bedürfnisse der Soldaten macht ihre Drohnen wettbewerbsfähig. Deutsche Unternehmen müssen von den ukrainischen Truppen lernen und Produkte an der Front testen, um Innovationszyklen zu verkürzen. Die deutsche Seite darf unter keinen Umständen den direkten Kontakt zur Front verlieren, da nur dort die Qualität und Wirksamkeit der in ihren Werken hergestellten Produkte wirklich überprüft werden kann.

Gibt es noch weitere Tipps?

Die deutsche Bundesregierung sollte die Finanzierung und Beschaffung flexibler machen. Deutsche Rüstungsverträge dauern oft Jahre und sind dann für zehn Jahre festgelegt – wie etwa bei der Panzerproduktion. Drohnen haben in der Ukraine jedoch Innovationszyklen von 3 bis 6 Monaten. Produkte müssen dann angepasst oder erneuert werden. Milliardenaufträge helfen da nicht weiter. Zudem sollte die Bundesregierung kleinere Aufträge an Start-ups vergeben und dafür Mittel aus öffentlichen und privaten Quellen nutzen.

Die Ukraine ist bei der Drohnenproduktion auf China angewiesen. Peking hat einst Komponenten zurückgehalten, um Druck auf Kiew auszuüben. Ist das immer noch so?

Offiziell propagiert China eine Friedensnarrative und bestreitet, Russland im Krieg zu unterstützen. Aber Peking liefert sowohl an Russland als auch an die Ukraine Güter mit doppeltem Verwendungszweck – zivile Produkte für militärische Zwecke, wie Drohnenteile. Die Exportbeschränkungen für chinesische Güter mit doppeltem Verwendungszweck in die Ukraine bestehen weiterhin. Die ukrainische Industrie verbessert aber bereits die Komponentenproduktion und baut sogar benötigte Elektromotoren, die zuvor aus China stammten. Unsere Industrie arbeitet derzeit intensiv daran, die Bedingungen für ukrainische Komponentenhersteller zu vereinfachen und zu vereinheitlichen sowie den Grad der Lokalisierung zu erhöhen.

Hoffen Sie auch hierbei auf europäische Hilfe?

Die Hilfe der deutschen Industrie ist entscheidend – sie ist die größte in Europa und verfügt über volle Kapazitäten. Aber die Produktion muss kostengünstig sein. Die Ukraine kann sich keine teuren Drohnen leisten. Die Deutschen sind bisher auf komplexe, kostspielige Lösungen spezialisiert. Drohnenmotoren sollten aber nicht mehr als 100 Euro kosten. Kompromisse bei der Qualität ermöglichen eine kostengünstigere Produktion.

Mit Yurii Lomikovskyi sprach Lea Verstl

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