Eitelkeit und Transhumanismus: Was wollte Epstein von Wissenschaftlern?
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Eitelkeit und TranshumanismusWas wollte Epstein von Wissenschaftlern?
11.02.2026, 19:52 Uhr
Von Solveig BachArtikel anhören(07:59 min)00:00 / 07:59
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Jeffrey Epstein schmückt sich viele Jahre damit, ein Förderer der Wissenschaften zu sein. Tatsächlich tauchen in den veröffentlichten Akten die Namen einiger bekannter Wissenschaftler auf. Was wollte Epstein von ihnen und was wussten sie?
In den Millionen mittlerweile veröffentlichten Epstein-Files tauchen unzählige Namen auf: Politiker, Mitglieder europäischer Königshäuser und auch immer wieder Wissenschaftler, sogar Nobelpreisträger. Über Jahre suchte der verurteilte Sexualstraftäter und wohlhabende Finanzier Kontakt in die wissenschaftliche Welt, umgekehrt wandten sich Wissenschaftler an Epstein – oft in der Hoffnung auf die Finanzierung von Projekten.
Epstein, der selbst Mathematik und Physik studiert hatte, ohne einen Abschluss zu erreichen, inszenierte sich gern als Gönner der Wissenschaften. Das Wissenschaftsmagazin "Science" überschlug jedoch nach Epsteins Suizid 2019 die Höhe seiner wissenschaftlichen Spenden und kam zu dem Schluss, dass sie in einem Zeitraum von etwa 20 Jahren "kaum einige zehn Millionen Dollar überstiegen haben". Im Vergleich zu den neun- oder zehnstelligen Spenden vieler Superreicher war Epstein damit eher ein Kleinspender, der allerdings den Eindruck erweckte, er halte mit seinem Geld wichtige Forschungsvorhaben in Harvard, am MIT oder am Santa Fe Institute am Laufen.
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Dem "Science"-Magazin sagte Epstein 2017, seine Motivation für die Spenden sei es, die Kürzungen der Grundlagenforschung durch die Trump-Regierung auszugleichen. Tatsächlich gab er weniger Geld für Grundlagenforschung und mehr für Themen, die seine eigenen elitären Auffassungen berührten oder zu belegen schienen.
Elite-Idee vom verbesserten Menschen
Sein Interesse lag vor allem bei Gen-Editing-Firmen und Projekten, bei denen es um die Verbindung von KI und Genetik ging. Experten sehen zumindest Indizien dafür, dass Epstein Vorstellungen teilte, die üblicherweise mit Transhumanismus also der technikgestützten "Verbesserung" des Menschen verbunden werden.
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Dem "Science"-Magazin sagte Epstein, er suche "kluge Köpfe mit einer potenziell großartigen Idee". Ganz offensichtlich suchte Epstein systematisch den Kontakt zu prominenten Wissenschaftlern, Tech-Figuren und KI-Forschenden und fütterte damit. wie auch in anderen Bereichen seine Netzwerke und seine Eitelkeit. Er setze darauf, "dass einige wenige Menschen Großartiges leisten können, wenn man ihnen einfach die Freiheit zum Nachdenken gibt und sie von der Beantragung von Fördermitteln und den Sorgen um den Lebensunterhalt befreit". Ausdrücklich distanzierte er sich von großen Stiftungen, die ihre Mittel in Auswahlverfahren größerer Kommissionen vergeben. Seiner Meinung nach legten diese Institutionen zu viel Wert auf Diversität. Anders als andere Philantrophen habe er auch kein Interesse, zur naturwissenschaftlichen Allgemeinbildung oder Verbesserung der Lebensumstände der Menschheit beizutragen.
Die Wissenschaftshistorikerin Naomi Oreskes beklagte 2020 in der Zeitschrift "Scientific American", dass Epsteins Finanzgebaren in einem wissenschaftlichen Umfeld "die Integrität der Forschung" untergrabe, "wenn Einzelpersonen sich die Forschungsthemen aussuchen können, die ihnen zusagen, nur weil sie dafür bezahlen können".
Namen als Schmuck
Wie auch in vielen anderen Zusammenhängen genoss Epstein offenbar den Zugang zu wissenschaftlichen Superstars, um sich mit von ihm als Eliten wahrgenommenen Menschen zu umgeben. Dazu gehörten der Physiker und Bestsellerautor Stephen Hawking, der Paläontologe und Evolutionsbiologe Stephen Jay Gould, der Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks, der Molekularingenieur George M. Church, MIT-Theoretiker und Nobelpreisträger Frank Wilczek, der Leiter des weltberühmten Media Lab des MIT, Joi Ito, der Begründer der künstlichen Intelligenz, Marvin Minsky oder der Sprachwissenschaftler und Publizist Noam Chomsky.
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Das reine Auftauchen in den Epstein-Files ist bekanntermaßen kein Beweis dafür, dass die genannten Personen in die Epstein vorgeworfenen Taten verwickelt waren oder auch nur Kenntnis davon hatten. Hawking beispielsweise nahm lediglich 2006 an einem von Epstein finanzierten Physiker-Treffen über Gravitation teil und besuchte in diesem Zusammenhang zusammen mit anderen Wissenschaftlern auch Epsteins Privatinsel Little Saint James.
Joi Ito hingegen kostete die Verbindung zu Epstein alle Jobs, die er im US-Wissenschaftsbetrieb innehatte. Epstein hatte sowohl 525.000 US-Dollar direkt an das Media Lab gespendet, aber auch zusätzlich etwa 1,2 Millionen US-Dollar in Itos private Investmentfonds und Start-ups investiert. Als das im Zuge der Ermittlungen gegen Epstein 2019 bekannt wurde, trat Ito vom MIT zurück und in der Folge von seinen Rollen bei Harvard, der MacArthur Foundation, der Knight Foundation, bei PureTech Health und im Aufsichtsrat der New York Times Company. Er übernahm die volle Verantwortung für seinen "Fehltritt" und äußerte Mitgefühl mit den Epstein-"Überlebenden". Seitdem hüllt er sich zu Epstein in Schweigen.
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Nähe oder Mitwisserschaft?
Im Fall des bereits verstorbenen Marvin Minsky sagte Virginia Giuffre, eine der wenigen namentlich bekannten Epstein-Anklägerinnen, 2015 in einer eidesstattlichen Aussage, Ghislaine Maxwell habe sie "angewiesen", mit Minsky Sex zu haben, als dieser auf Epsteins Insel war. Der Vorwurf wurde wegen Minskys Tod im Januar 2016 nie in einem Strafverfahren gegen ihn überprüft. Seine Witwe erklärte später, er könne keinen Sex mit Frauen gehabt haben, da sie gemeinsam bei allen Epstein-Besuchen gewesen seien. Die Epstein-Akten belegen einen intensiven E-Mail-Austausch, sowohl zu beruflichen wie privaten Themen.
Das gilt auch für Noam Chomsky, der erwiesenermaßen auch noch nach Epsteins Verurteilung 2008 an dem teils freundschaftlichen Kontakt zu Epstein festhielt. Noch 2019 bat Epstein Chomsky um Rat, wie er mit den immer lauter werdenden Vorwürfen in der Presse gegen ihn umgehen solle. In seiner Antwort äußerte Chomsky Mitgefühl mit der "schrecklichen" Behandlung Epsteins in den Medien und sprach von einer "Hysterie" über den Missbrauch von Frauen, wobei er ihm riet, die negative Berichterstattung eher zu ignorieren. Chomsky bat Epstein auch um Rat, als er sich mit seinen Kindern aus erster Ehe zerstritten hatte.
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Inzwischen ist Chomsky hochbetagt und nach einem Schlaganfall Medienberichten zufolge nicht mehr in der Lage, sich selbst zu äußern. Seine Frau Valeria sprach Anfang Februar in einer Erklärung auch im Namen ihres Mannes von einem "schwerwiegenden Fehler" und einer "Fehleinschätzung". Epstein habe sie getäuscht und sie seien nachlässig gewesen, seine Vergangenheit nicht gründlicher zu prüfen. Vijay Prashad, Direktor des Tricontinental Institute for Social Research, der zusammen mit Chomsky zwei Bücher geschrieben hat, schrieb in einem offenen Brief, er sei "angewidert von Epsteins Pädophilie und damit auch von Noams Freundschaft zu ihm".

