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Todesspirale bei Washington Post: Jeff Bezos tanzt Trumps Tanz der Oligarchen

February 09
00:46 2026

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Todesspirale bei Washington PostJeff Bezos tanzt Trumps Tanz der Oligarchen

08.02.2026, 22:05 Uhr rpeters_foto1x1Ein Kommentar von Roland Peters, New York

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Ums Geld geht es wohl nur im Großen und Ganzen: Der Superreiche Jeff Bezos legt sich lieber nicht mit US-Präsident Donald Trump an. (Foto: picture alliance/dpa/EPA/dpa)

Fast ein Drittel der Beschäftigten müssen gehen, der Herausgeber ebenfalls, die Gewerkschaft möchte Besitzer Jeff Bezos loswerden. Bei der "Washington Post" zeigt sich eine weitere Folge von Trumps Patronage-System.

Nachdem er 250 Millionen Dollar für die "Washington Post" gezahlt hatte, kam Jeff Bezos im September 2013 in die Redaktion. Der Name der Zeitung war angestaubt, die großen Momente wie die legendären Enthüllungen des Watergate-Skandals lange vorbei. Was wollte der "Amazon"-Milliardär aus dem Online-Kosmos mit einem altbackenen Nachrichtenmedium auf dem absteigenden Ast?

Bob Woodward, einer der beiden Reporter, die den Skandal ausgelöst hatten und in dessen Zuge Präsident Richard Nixon 1974 zurücktrat, fragte Bezos, warum er die "Post" gekauft habe. "Man kann zwar profitabel sein und gleichzeitig schrumpfen", antwortete Bezos laut einem Ex-Mitarbeiter: "Das ist eine Überlebensstrategie, führt aber letztlich bestenfalls zur Bedeutungslosigkeit und schlimmstenfalls zum Untergang." Er könne finanzielle Spielräume schaffen, so Bezos. Der Zeitung stehe eine "neue goldene Ära" bevor.

Die gab es – in Trumps erster Amtszeit als journalistische Stimme der Opposition. Aber sie war nicht von Dauer. Das hat auch mit der (Medien)Welt unter Donald Trump zu tun, in der sich seit November 2024 zwei Regeln herauskristallisiert haben. Erstens, lege Dich nicht mit ihm an. Zweitens, gehe oft und tief genug vor ihm auf die Knie, da es sich auszahlen könnte. Das klingt simpel. Aber die Auswirkungen dieses Patronage-Systems auf die USA sind enorm; vielschichtig, tiefgreifend, antidemokratisch. Es ist ein Tanz der Oligarchen um das innen vergoldete Weiße Haus.

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Wo liegt das Problem?

Der Kahlschlag bei der traditionsreichen "Washington Post", die fast ein Drittel ihrer Angestellten entlässt, was ganze Ressorts verwaisen lässt und die eigene internationale Berichterstattung eindampft – wen interessiert schon die Ukraine? – gehört allem Anschein nach dazu. "Wenn sie finanzielle Mittel brauchen, bin ich da", hatte Bezos noch im Dezember 2024 behauptet. Und ja, Geld, so viel ist sicher, wäre für den zum Jahreswechsel etwa 230 Milliarden Dollar schweren Superreichen nicht das Problem. Was ist es dann?

Hinweise darauf gab es am Freitag, wenige Tage nach der Massenentlassung, als der höchst umstrittene Herausgeber und Geschäftsführer Will Lewis seinen Rücktritt verkündete. Besitzer Bezos äußerte sich am Samstag das erste Mal. Die Leser würden "den Fahrplan zum Erfolg" aufzeigen und die Daten "was wertvoll ist und worauf wir uns fokussieren sollten". Details nannte er nicht. Aber offenbar möchte er nicht noch mehr Geld dafür ausgeben, was seine Journalisten bislang veröffentlichten.

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Marty Baron, von 2012 bis zu seiner Verrentung 2021 Chefredakteur der Zeitung, ist sicher: "Bezos priorisiert seine anderen Unternehmungen", sagte er dem "Guardian". Da der Besitzer befürchten müsse, keine staatlichen Aufträge mehr für Amazon und sein Raumfahrtunternehmen Blue Origin – Hauptkonkurrent ist Elon Musks SpaceX – zu erhalten, sieht Baron Trumps Rückkehr ins Weiße Haus als wichtigsten Grund. Bezos sei "nicht mehr der Besitzer ist, der er war". Würde der Milliardär sich als Gegner Trumps positionieren, "würde er auf jeden Fall Rache gegen seine politischen Feinde wollen", so Baron.

Der Ex-Chefredakteur hatte Bezos noch 2023 gelobt, als er schon länger nicht mehr für ihn arbeitete. Nun warnte Baron vor den Folgen des Kniefalls vor Trump. "Ich denke, es wird zu weniger Abonnenten führen. Ich hoffe, es ist keine Todesspirale, aber ich bin besorgt, dass es eine sein könnte."

Anti-Trump-Sprachrohr

Im Sommer 2017, Trump war in seinem ersten Amtsjahr, waren die Büros renoviert worden, Bezos' Investitionen deutlich sichtbar, der angestaubte Name erstrahlte auch für die Leser in neuem, innovativem Glanz. Der Redaktion hatte der neue Besitzer versichert, sie sei nur ihren Lesern verpflichtet, könne auch kritisch über ihn und Amazon schreiben, hatte den Newsroom im Wahljahr 2016 gelobt. Sein Engagement bezeichnete er als Beitrag zur Demokratie. Die "Washington Post", so Bezos, werde im Alter sein ganzer Stolz sein.

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In diesen Jahren entwickelte sich die Zeitung zu einer Art Anti-Trump-Sprachrohr. Sie berichtete über Widerstand und die Demokraten, moralisierte viel, legte ihre Finger in die Wunden und führte einen Lügen-Ticker, der alle Aussagen Trumps prüfte und kategorisierte. Die Journalisten kamen in vier Jahren auf 30.573 mindestens irreführende Angaben des Präsidenten, im Schnitt 21 täglich. Allein 503 waren es am Tag vor seiner Wahlniederlage gegen den Demokraten Joe Biden. Während dessen Präsidentschaft verlor die "Post" ihren Rebellenstatus und fing an, Verluste einzufahren. 77 Millionen im Jahr 2023, 100 Millionen im Wahljahr 2024.

Dafür war Bezos mitverantwortlich. Der neu installierte Herausgeber Will Lewis brachte viel dreckige Wäsche von konservativen Medien Rupert Murdochs mit auf seinen Posten, versuchte bei der "Post", bestimmte Berichterstattung zu unterdrücken, heißt es; der Newsroom misstraute ihm. Die Top-Journalisten der Zeitung machten ihrem Unmut öffentlich Luft. Im Oktober 2024 verpasste Bezos der Zeitung einen Maulkorb. Sie durfte sich nicht wie geplant für die Demokratin Kamala Harris als Präsidentschaftskandidatin aussprechen. In den USA sind Wahlempfehlungen der großen Leitmedien üblich. Mehr als 10 Prozent der Abonnenten kündigten.

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Facebook-Chef Mark Zuckerberg (links), Jeff Bezos' Partnerin Lauren Sánchez, "Washington Post" und Amazon-Chef Jeff Bezos, Google-Chef Sundar Pichai und X-Besitzer Elon Musk bei Trumps Vereidigung am 20. Januar 2025. (Foto: via REUTERS)

Trump gewann die Wahl, und Bezos zeigte sich im Dezember "sehr optimistisch" über dessen zweite Amtszeit: "Er ist ruhiger als beim ersten Mal, selbstsicherer und gefasster", behauptete er. Bezos ging zu Trumps Vereidigung im Januar 2025, stand in der ersten Reihe mit anderen Tech-Oligarchen. Der neue Präsident begann seine Amtszeit wie mit einem antidemokratischen Bulldozer mit Doppelturbo.

Einen Monat später wurde auch das Meinungsressort von höchster Stelle neu eingenordet: keine Artikel mehr gegen den freien Markt, keine gegen freie Meinungsäußerung. In weniger als zwei Tagen kündigten 75.000 Leser ihr Abo. Jeder, der Trump und die Vorhaben der neuen Regierung im Blick hatte, wusste, was diese Anordnung bedeutete: weniger kritische Berichterstattung über das Weiße Haus und seinen Feldzug gegen "woke", über das Ende der Gleichstellungs- und antirassistischen Maßnahmen sowie den Auswirkungen.

Druck, Drohungen und Klagen

Kurz danach äußerte sich Trump. "Die Medien haben sich nicht geändert", sagte Trump in einem Interview, aber sie "respektierten ihn" mehr als in seiner ersten Amtszeit. Der US-Präsident nannte Facebook und Google, und explizit Bezos. "Er macht einen sehr guten Job mit der Washington Post", lobte Trump. Die Superreichen fielen mit dem neuen starken Mann im Weißen Haus in Gleichschritt.

Facebook feuerte sein Faktenprüfer-Team, X wurde zu einer noch hasserfüllteren Lügenschleuder, Sender setzten Sendungen wegen Kritik an Trump ab, Journalisten schmissen wegen Drucks und inhaltlicher Einmischung hin. Trumps Verbündeter sowie Oracle-Chef Larry Ellison und dessen Sohn David übernahmen Paramount inklusive des Nachrichtensenders CBS, sie steuern die neue Version von TikTok mit und versuchen derzeit mit Unterstützung des Weißen Hauses eine feindliche Übernahme von Warner Bros. Discovery. Zu dem Konzern gehört auch der kritisch berichtende Nachrichtensender CNN. Die Regierung kappte in Trumps erstem Amtsjahr den öffentlich-rechtlichen Medien PBS und NPR einen Teil ihrer Finanzierung, was zu Entlassungen führte.

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Zugleich hat Trump immer wieder Medien wegen unliebsamer Berichterstattung von Veranstaltungen ausgeschlossen, bestimmte Journalisten und Medienhäuser beschimpft, ihnen Klagen angedroht oder sie eingereicht. Mehrere zwang er aus hanebüchenen Gründen zu Ausgleichszahlungen und nahm damit mindestens indirekt redaktionellen Einfluss. Man könnte das alles aufdröseln, aber deutlich ist: Es geht bei den Medienhäusern in Zeiten Trumps noch mehr um Vermeidung möglicher Rache, um Nähe zur Macht und Egos. Eine Redaktion wie die "Washington Post" wird zum Spielball.

Die Gewerkschaft, die bei der "Washington Post" die meisten Mitarbeiter der Zeitung vertritt, hat jedenfalls genug von ihrem Besitzer. "Wenn Jeff Bezos nicht mehr bereit ist, in die Aufgabe zu investieren, die diese Zeitung seit Generationen prägt", teilte sie mit, "und den Millionen von Menschen zu dienen, die auf den Journalismus der 'Post' angewiesen sind, dann verdient sie einen Verwalter, der dazu bereit ist."

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