Mailand ignoriert Tutberidse: Eiskunstlauf-Gott Malinin plumpst überraschend vom Olymp
Olympia
Mailand ignoriert TutberidseEiskunstlauf-Gott Malinin plumpst überraschend vom Olymp
08.02.2026, 00:04 Uhr Von Tobias Nordmann, Mailand

Der amerikanische Eiskunstläufer Ilia Malinin gilt als unschlagbar. Doch im Kurzprogramm des olympischen Teamwettbewerbs erlebt der Superstar einen seltenen Dämpfer. Er lächelt danach alle Sorgen weg.
Ilia Malinin hat gerade erst seine überraschend niedrige Wertung bekommen, da brach auf der Medientribüne eine gigantische Welle los. Sie riss alle mit. Journalisten aus den USA (natürlich), aus Japan, aus Italien und auch die Deutschen. Sie spülte alle in die Mixed Zone, in den Bereich, wo die Interviews geführt werden dürfen. Eine knappe halbe Runde ums Stadion gehastet, zack, stand er schon bereit, der amerikanische Eiskunstlauf-Superstar, der "Vierfach"-Gott, der am Samstagabend im Teamwettbewerb gegen alle Erwartungen vom Olymp geplumst war. Der individuell zweite Platz nach dem Kurzprogramm kam einer Sensation gleich.
Erster Halt von Malinin, die TV-Stationen. Ein nervöser US-Zeitungskollege wollte kurz dazwischen funken, aber "no", bitte warten. Dann weiter zu den Presseagenturen. Wieder ein Zwischenruf. Wieder "no". Dann ist Malinin endlich frei zu greifen. Eine Heerschar tummelt sich um ihn. Ein kaum zu dechiffrierender Fragenhagel prasselt auf ihn nieder. Fragen werden hier angeboten wie Super-Sonderpreise auf dem Wochenmarkt. Malinin versucht alles zu irgendwie zu beantworten und vor allem versucht er, die große Aufregung ein wenig runterzukochen. Noch ist doch nichts passiert. Noch führen die USA im Teamwettbewerb und noch hat er sich mit seinem fehlerhaften Kurzprogramm keine Hypothek für den spektakulären Einzelwettkampf nächste Woche aufgeladen.
Kagiyama liefert die perfekte Eisshow
Malinin ist ein Gigant, ein Grenzenverschieber, ein Unschlagbarer. Wenn er das Eis betritt, kapitulieren sogar die Naturgesetze. Der 21-Jährige kann Dinge auf Schlittenschuhen, die sonst niemand kann. Vor wenigen Wochen hat er einen Kür-Weltrekord aufgestellt. Wenn Amerikaner auf die sicherste Goldmedaille der Spiele hätten wetten sollen, Malinin wäre der Top-Kandidat gewesen. Er ist einer aus der Kategorie Lindsey Vonn. Doch nun hat Gott gepatzt. Nicht mal 100 Punkte hat er für sein Kurzprogramm bekommen (98,00). Er war damit immer noch der Zweitbeste, hinter dem magischen Japaner Yuma Kagiyama, der Eiskunstlaufen in Perfektion bot (108,67). Wie man's sonst nur von Malinin kennt. Den Rest der Welt ließ er trotzdem, trotz aller Unsauberkeiten, hinter sich. Der Amerikaner sprang dieses Mal den Axel nur dreifach, was er sonst als einziger vierfach tut. Er wackelte trotzdem bei der Landung und zeigte ungewohnte Rotationsfehler. Plötzlich wirkte der Unangreifbare gar nicht mehr so stabil.
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"Ihr tut alle so, als wäre etwas Schlimmes passiert", parlierte Malinin im Kreise der aufgeschreckten US-Medien. "Ich bin so aufgeregt, hier zu sein. Kommt schon Leute, es sind die Olympischen Spiele", strahlte er. "Um ehrlich zu sein, das ist schon eine Lebensleistung." Gesprochen von Malinin wirken diese Worte irgendwie fremd, deplatziert. Er ist ein Magier, einer, der die Menschen verzaubert, wenn sie ihn nur sehen. Schon bei der Präsentation der Athleten wurde es gigantisch laut in der längst nicht ausverkauften Milano Ice Skating Arena. Beim Warmlaufen konnten sich die Zuschauer gar nicht satt sehen, an den Vierfachsprüngen, die er in absurder Höhe vollführte und mit einer faszinierenden Hingabe zurück aufs Eis brachte. Sanfter kann man nicht landen.
Plötzlich taucht Tutberidse
Im Kurzprogramm verlor er sich. Kagiyama, so oft vom Amerikaner schon deutlich geschlagen, hatte vorgelegt und die Halle mit seiner Raffinesse, seinen technischen Höchstleistungen und seiner Eleganz angezündet. Was für ein Showdown. Japan hatte den USA den Fehdehandschuh im Kampf um Gold noch einmal hingeworfen. Malinins Außergewöhnlichkeit habe ihn immer inspiriert, habe ihn angetrieben, noch besser zu werden. Aber sollte das reichen? Niemand in der Halle zweifelte daran, dass Malinin den Fehdehandschuh so mühelos aufheben würde, wie die kleinen Nachwuchsläuferinnen die Kuscheltiere, die nach jeder Performance aufs Eis flogen. Doch Malinin kam nie so richtig rein. Nie so richtig in den Flow. Auch der spektakuläre Rückwärtssalto rettete sein Programm nur bedingt. Erstmals seit 1976 wurde er von Malinin wieder in einem offiziellen Programm gezeigt. Für Reporter-Legende Snoop Dogg, eng an eng mit den US-Giganten, hatte er in Mailand bei der Privataudienz schon eine Ausnahme gemacht.
Malinin spürt nun, was die Olympischen Spiele mit einem machen. Dass sie den Druck verändern, die Erwartungen. Eine, die daran zerbrochen war, ist Kamila Waljewa. Vor vier Jahren konnte sie die Last eines positiven Dopingstests nicht stemmen, ihre Kür ging komplett in die Brüche. Von ihrer Trainerin Eteri Tutberidse bekam sie danach einen Einlauf, der um die Welt ging. Tutberidse wurde zur neuen Eis-Hexe, zur König der Unbarmherzigkeit. Während Waljewa nach ihrer gerade verbüßten Dopingsperre wieder um ein Comeback kämpft, taucht Tutberidse auf der olympischen Bühne wieder auf.
"Es waren nur 50 Prozent meines vollen Potenzials"
WADA-Boss Witold Banka missfällt das sehr. In Mailand coacht die 51-Jährige Europameister Nika Egadse aus Georgien. Er fühle sich "natürlich nicht wohl mit ihrer Anwesenheit hier bei den Olympischen Spielen", sagte Banka. Die Untersuchung des bei den Spielen in China aufgedeckten Dopingfalls um Walijewa aber "ergab keine Beweise dafür, dass diese Person an diesem Doping beteiligt war, daher gibt es keine rechtliche Grundlage, sie auszuschließen", so der Chef der Aufsichtsbehörde. Nun betrat die knallharte Trainerin, über deren arg fragwürdige Methoden nach dem Waljewa-Skandal viel berichtet wurde, wieder die große Bühne.
Bei Egadses Programm kam sie plötzlich wie aus dem Nichts in die Halle. Häme, Pfiffe, Wut? Nichts dergleichen. Mailand ignorierte die Anwesenheit von Tutberidse, die die Wertung des wackeligen Laufs ihres Schützlings mit einem Kopfschütteln bedachte und direkt wieder aus dem Sichtfeld der Hallenbesucher verschwand. Keine Emotionen, keine Zuneigung. Tutberdise halt.
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Die Russin war eine Randerscheinung, im Schlaglicht stand Malinin. "Ich hatte nicht erwartet, hier herzulaufen und den Wettbewerb zu gewinnen. Das war nicht mein Ziel beim Teamwettbewerb", betonte und rechtfertigte er sich im Meer der alles aufzeichnenden Handys: "Ich bin recht zufrieden mit dem, was ich erreicht habe, denn es waren nur 50 Prozent meines vollen Potenzials." Auf die Frage, ob er womöglich großen Druck spüre, sagte er: "Es ist olympisches Eis. Ich bin sicher, viele Leute würden das fühlen." Aber im Grunde sei es so: "Ich muss mir meine Kräfte gut einteilen, mich mental darauf einstellen, nicht an den Druck zu denken, und einfach rausgehen und mein Bestes geben." Die erste Goldmedaille dürfte er indes so gut wie sicher haben.
Nachdem die hoch favorisierten Amerikaner, die nun ihren Gold-Erfolg von Peking 2022 wiederholen wollen, am späten Abend auch die Eistanz-Kür dominierten, liegen sie in der Gesamtwertung mit nun 44 Punkten deutlich vorne. Im Finale der besten fünf Nationen stehen zudem Japan (39), Italien (37), Kanada (35) und Georgien (32). Die Medaillen werden am späten Sonntagabend nach der Männer-Kür (ab 21.55 Uhr/ZDF und Eurosport) vergeben. Mit Malinin. Während der in der Mixed Zone sprach, kam auch Kagiyama im Bereich der Presseagenturen an. Drei Leute stellten ihm Fragen.
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