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Gegenwehr statt Ohnmachtsgefühl: “Trump hat gesehen: Die Europäer schrecken nicht zurück”

January 31
20:27 2026

Politik

Gegenwehr statt Ohnmachtsgefühl"Trump hat gesehen: Die Europäer schrecken nicht zurück"

31.01.2026, 15:41 Uhr Artikel anhören(11:47 min)00:00 / 11:47

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"Trump hat in den Augen europäischer Staats- und Regierungschefs rote Linien überschritten", sagt Puglierin. (Foto: AP)

Die USA hätten Europa bewusst in militärischer Abhängigkeit gehalten, schreibt Politologin Jana Puglierin in ihrem neuen Buch. Sie sieht aber keinen Grund, zu verzweifeln. Falls die Bundesregierung mit ihren Partnern jetzt richtig entscheide, könne sie den schlimmsten Fall verhindern.

ntv.de: Zu Beginn Ihres Buches beschreiben Sie ein Szenario für den Sommer 2029: Die AfD wurde stärkste Partei bei der Bundestagswahl. In Frankreich hat der Rassemblement National die Wahl gewonnen. Schwarz-Rot ist nur noch geschäftsführend im Amt und muss Moskaus Drohgebärden an der Nato-Ostflanke ohne die USA Paroli bieten. Haben genug Verantwortliche in Europa verstanden, wie realistisch dieses Szenario ist?

Jana Puglierin: Viele Politiker und Politikerinnen in Europa verstehen das, insbesondere an der Nato-Ostflanke, in den baltischen Staaten, Polen und den nordischen Ländern, aber zunehmend auch in Deutschland. Die zentrale Frage ist, wie man dieses Szenario so kommuniziert, dass es die Menschen nicht überfordert. Ich muss betonen: Es handelt sich dabei nicht um eine selbsterfüllende Prophezeiung: die Entscheidungen im Kreml können beeinflusst werden. Dafür müssen wir verstehen, wie die Verantwortlichen in Moskau denken. Hilflos sind wir nicht.

Photo Jana Puglierin ECFR
Jana Puglierin leitet das Berliner Büro der Denkfabrik European Council on Foreign Relations (ECFR). Zuvor führte sie von 2015 bis 2019 das Alfred-von-Oppenheim-Zentrum für Europäische Politikstudien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). In ihrem neuen Buch "Wer verteidigt Europa?" schreibt sie, was europäische Politiker tun müssen, damit der Kontinent wehrhaft wird. (Foto: https://seesaw-foto.com/)

Es wird also nicht so schlimm kommen, wenn die Bundesregierung in den kommenden Jahren alles richtig macht?

Genau. Die Eingangsszene soll nicht nur die Problematik des Buches beschreiben, sondern auch die allgemeine Unsicherheit. Denn die Leute im Kanzleramt, die in dem Szenario um den Tisch sitzen, wissen auch nicht genau, was passiert. Wir müssen jetzt damit leben, uns durch eine unsichere Welt zu navigieren – ohne dass die Leute aufhören, Nachrichten zu lesen, weil sie sagen: Ach, es ist alles nur noch schrecklich. Stattdessen sollten sich die Europäer gemeinsam dazu entschließen, alles Nötige zu tun, um das Worst-Case-Szenario zu vermeiden. Dazu soll mein Buch motivieren.

Sie betonen an vielen Stellen, dass Vertrauen fehle – einerseits unter den europäischen Staaten, andererseits zwischen den Regierungen und den EU-Institutionen. Wie lässt sich das ändern?

Die Grönland-Episode war eine unschöne Angelegenheit, aber sie hat mir und dem Anliegen meines Buches geholfen. Denn die Europäer haben die Erfahrung gemacht, etwas bewegen zu können, wenn sie ihre Karten richtig ausspielen. US-Präsident Donald Trump hat erstmals gesehen: Die Europäer schrecken nicht zurück. Es wurde sogar mit der sogenannten Handels-Bazooka gedroht, mit der sich die EU gegen handelspolitischen Druck durch allerlei Gegenmaßnahmen wehren kann. Bei den Zoll-Verhandlungen im Sommer 2025 waren die Europäer noch davor zurückgeschreckt. Damals war die Sorge zu groß, die Amerikaner könnten ihrerseits ihre Sicherheitszusagen für Europa zurückziehen.

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Was hat sich geändert?

Trump hat in den Augen europäischer Staats- und Regierungschefs rote Linien überschritten, als er mit der Annexion Grönlands drohte. Deshalb hat man sich zusammenraufen können. Die Lehre daraus: Europa ist stärker, als es sich wahrnimmt. Hoffentlich haben das alle verstanden. Denn die Spaltung Europas wäre das Schlimmste, was passieren kann. Weder Trump noch der russische Präsident Wladimir Putin oder der chinesische Präsident Xi Jinping haben ein Interesse an einem starken Europa. Sie wollen einzelne europäische Staaten, die dann viel schwächer und formbarer wären.

Trump, Putin und Xi wollen die internationale Ordnung ihren eigenen Regeln unterwerfen. Lohnt sich da das Festhalten der Europäer an ihren alten Werten – am Völkerrecht zum Beispiel?

Das Völkerrecht ist kein Wert an sich, sondern vor allem ein Vehikel unserer europäischen Interessen, da es gerade kleine Staaten vor Willkür schützt. In der neuen Welt der Autokraten soll es so laufen: Die großen Staaten tun, was sie möchten – und die kleinen Staaten, was sie müssen. Trotzdem sollten wir unser Denken über internationale Beziehungen ändern. Trump, Putin und Xi betrachten die alte Ordnung als feindlich und wollen sie abschaffen. Wir sollten nicht zu viel Energie darauf verwenden, einer Welt von gestern hinterherzutrauern, statt die Welt von morgen zu gestalten. Dabei sollten wir unsere Stärken kennen, aber auch die Grenzen unseres Einflusses.

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Wo liegen unsere Grenzen?

Nehmen wir als Beispiel das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten, das von einigen Parteien im EU-Parlament blockiert wird. Diese Parteien sollten sich die Frage stellen, ob es wichtig ist, an Prinzipien festzuhalten, wenn sich trotzdem nichts ändert. Falls die Europäer nicht mehr Handel mit den Mercosur-Staaten treiben, wird China in die Lücke stoßen. Das Abkommen der EU mit Indien ist ein Beispiel für eine geopolitische Zusammenarbeit, die pragmatisch ist. Die Regierung in Neu Delhi ist sicherlich kein "lupenreiner" Wertepartner, weil sie geprägt ist vom aggressiven Hindunationalismus von Ministerpräsident Narendra Modi. Trotzdem ist das Abkommen sinnvoll, wenn man den Nutzen betrachtet.

In Ihrem Buch beschreiben sie auch, wie skeptisch Länder wie Brasilien auf die träge internationale Ordnung des Westens schauen. Was denken diese Länder jetzt angesichts der Mercosur-Blockade im EU-Parlament?

Die Brasilianer stellen sich nicht etwa gegen eine regelbasierte Ordnung – sie werfen der EU doppelte Standards und Heuchelei vor. Sie sagen: Wenn ihr Europäer kommt, dann habt ihr jede Menge Vorschriften und Papiere dabei – wenn die Chinesen kommen, dann haben wir nach drei Tagen einen Flughafen. Das muss man sich in Europa vor Augen führen. Allerdings gibt es einen sogenannten China-Kater in vielen Ländern des globalen Südens. Diese Länder merken: Chinesische Investitionen sind oft mit einer Verschuldungsfalle verbunden. Der Profit fließt nach China ab, es werden weder Arbeitsplätze noch eine Infrastruktur aufgebaut.

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Und die Europäer sind da zuvorkommender?

Ja, wir haben wesentlich mehr anzubieten. Aber wir sind nicht automatisch der Partner der Wahl, nur weil wir Interesse zeigen. Es ist ein umkämpftes Feld. Diese Länder kennen ihren eigenen Wert und wissen, was sie anzubieten haben. Wir sollten diese Länder wertschätzen, statt sie zu bevormunden. Bei den Verhandlungen um das Mercosur-Abkommen wurde die EU in Brasilien als arrogant wahrgenommen, dabei ging es gar nicht um das Abkommen an sich, sondern um ein Klima-Zusatzprotokoll. Am besten wäre also, wir Europäer stünden aufrecht da, übten uns in Verhandlungen jedoch in Bescheidenheit.

Auch Xi und Putin sind nicht immer Wertepartner, die angeblich "grenzenlose Freundschaft" ihrer Länder hat sehr wohl Grenzen. Wo liegen diese Grenzen – und wie nützlich sind sie für die Europäer?

China und Russland sind völlig unterschiedliche Länder mit verschiedenen Traditionen, die miteinander oft Rivalitäten ausgetragen haben. Zwar möchten beide die liberale internationale Ordnung so verändern, dass es ihren eigenen Interessen dient. Ansonsten verfolgen sie jedoch unterschiedliche Ziele. Dennoch wird ihre Allianz nur schwer zu brechen sein. Es ist eine Fehleinschätzung der Trump-Regierung, durch die Ukraine-Politik könnte Russland aus dem Block mit China gelöst werden. Daraus können die Europäer ihre Schlüsse ziehen. Sie sollten diese Allianz genau beobachten und die Schwächen analysieren. Russland ist durch den Krieg in der Ukraine abhängiger von China geworden.

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Sie beschreiben detailliert, warum die schleppende Aufrüstung Europas nicht nur auf Eigenverschulden zurückzuführen ist. Inwiefern haben die USA den Aufbau einer europäischen Verteidigung absichtlich verhindert?

Wir dürfen nicht in die Falle gehen, Trump zu glauben, wenn er behauptet, die Amerikaner hätten aus reiner Wohltätigkeit in die Nato investiert. Das stimmt so nicht. Durch die Präsenz in Europa haben die Amerikaner neue militärische Möglichkeiten bekommen. Da geht es um Überflugrechte, Militärbasen oder ein großes Militärkrankenhaus in Deutschland. Das alles hat den Amerikanern strategisch gedient, um ihre Macht in die ganze Welt zu projizieren. In der Beziehung zwischen den USA und Europa gibt es seit den 90er Jahren eine toxische Dynamik.

Warum?

Wann immer die Europäer von mehr Eigenständigkeit sprachen, gab es in Washington sofort Reflexe, die das kritisch gesehen haben. Strategische Autonomie wurde in den USA immer wieder scharf kritisiert als Begriff. Einerseits wurde den Europäern dann immer gleich unterstellt, sie wollten die Scheidung. Andererseits haben die Amerikaner von den Europäern gefordert, mehr für ihre Verteidigung zu tun. Das sollte dann aber immer konkret nach amerikanischen Vorstellungen ablaufen und mit Waffenkäufen aus den USA einhergehen. Die Europäer haben aber auch Fehler gemacht. Sie haben sich bequem zurückgelehnt und bekamen nach Russlands Einmarsch in die Ukraine die Quittung dafür, sich bereitwillig immer abhängiger von den USA gemacht zu haben.

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Welche Rolle muss Deutschland für Europas Verteidigung spielen – abseits derjenigen des Geldgebers für hochverschuldete Länder?

Vor allem die Länder an der Nato-Ostflanke haben große Erwartungen an die Bundesregierung. Die baltischen und nordischen Staaten, die früher stark transatlantisch orientiert waren, sind jetzt auch zunehmend verunsichert und suchen nach Rückversicherung bei Partnern. Sie orientieren sich vor allem an Deutschland, weil die innenpolitische Situation in Frankreich und Großbritannien instabil ist. Deutschland ist dabei nicht nur Zahlmeister, sondern auch Anbieter von Sicherheit. Deutschland sollte im europäischen Pfeiler der Nato eine Führungsrolle übernehmen. Bislang haben die Amerikaner die Nato zusammengehalten.

Also wird der US-General an der Spitze der Nato einfach durch einen aus Deutschland ersetzt?

Kein europäischer Staat kann die frühere Rolle der USA in der Nato im Alleingang ausfüllen. Das müssen die europäischen Staaten gemeinsam machen, insbesondere die sogenannten E5: Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen. Aber Deutschland trägt besondere Verantwortung, das habe ich während meiner Reise durch Litauen vergangenes Jahr gesehen. Ich war überrascht, wie positiv die Präsenz deutscher Soldaten dort wahrgenommen wird.

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Überrascht?

Das ist für Deutschland ein großes Kompliment, 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs in einem baltischen Staat, der von Nationalsozialisten überfallen wurde. Zugleich hat Deutschland ein Interesse daran, seine neue Rolle europäisch einzubetten, weil Nachbarn wie Frankreich oder Polen skeptisch auf seine Wiederaufrüstung blicken. Es darf nicht um ein Wiedererstarken von deutschem Nationalismus gehen, sondern um ein starkes Deutschland, das Europa noch stärker macht.

Mit Jana Puglierin sprach Lea Verstl

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