Angriff der Hamas: »Es geht darum, die schlimmsten Ängste jedes Menschen wahrzumachen«
Warnung: Dieser Artikel enthält Beschreibungen sexueller Gewalt
Was genau geschah am 7. Oktober in Israel? Diese Frage wird trotz vieler Videoaufnahmen wohl niemals in allen Einzelheiten beantwortet werden können. Israelische Amtsträger und Politiker, darunter auch Premierminister Benjamin Netanyahu, haben öffentlich erklärt, dass es beim Angriff der Hamas auch zu sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen gekommen ist. Und offenbar mehren sich dafür die Beweise.
Ermittler der Polizei sowie einer Zivilkommission sammeln derzeit Material, um die Verbrechen aufzuklären. Doch mehrere Faktoren erschweren den Prozess, vor allem wohl die Tatsache, dass bei der Bergung der Leichen die Identifikation der Toten im Vordergrund stand – und eben nicht der Nachweis sexueller Gewalt. Dementsprechend hat es keine systematische Entnahme von DNA-Proben und nur in Einzelfällen forensischen Untersuchungen gegeben, wie die Tageszeitung Haaretz berichtet. Der Zustand und die schiere Menge der Leichen, ein Mangel an Fachpersonal sowie teilweise bei der Bergung noch andauernde Kämpfe haben dies offenbar zusätzlich behindert. Das Ergebnis: Beweismaterial wurde mit den Körpern der Toten begraben.
Polizei und Ermittelnde fokussieren sich daher auf andere Beweismittel, also etwa auf Augenzeugenberichte und Aussagen von gefangenen Hamas-Kämpfern. (Anmerkung der Redaktion: DER SPIEGEL hat keinen Einblick unter welchen Umständen diese Aussagen zustande gekommen sind). Die israelische Rechtsprofessorin und Frauenrechtlerin Ruth Halperin-Kaddari recherchiert zu den Vorfällen sexueller Gewalt, um darüber an die Uno zu berichten. Sie kooperiert dabei mit der israelischen Polizei und den Geheimdiensten.
SPIEGEL: Frau Halperin-Kaddari, was wissen Sie über sexuelle Gewalt beim Hamas-Terrorangriff auf Israel am 7. Oktober?
Ruth Halperin-Kaddari: Es gibt inzwischen Augenzeugenberichte von Ersthelfern, von Leuten, die die Leichen versorgt haben, und auch von Überlebenden. Es war bei vielen Leichen sehr klar, dass sie vergewaltigt worden waren. Ich werde jetzt auf zwei Quellen eingehen, die eingehend geprüft wurden und von der Polizei verifiziert sind. Es gibt den Augenzeugenbericht einer Überlebenden des Supernova-Festivals, die sich im Gebüsch versteckte und sah, wie ihre Freundin vergewaltigt wurde und dann an den nächsten Terroristen weitergereicht wurde, der sie ebenfalls vergewaltigte, ihre Brust abschnitt, als sie noch lebte, und sie wie einen Ball warf. Dann vergewaltigte er sie weiter und schoss ihr dabei in den Kopf. Dieselbe Augenzeugin berichtete auch, wie Männer eine andere nackte Frauenleiche davontrugen. Ich habe selbst mit einem Sanitäter gesprochen, einem der Ersten, die auf dem Festivalgelände ankamen. Er behandelte dort eine Überlebende in zerrissener Unterhose, die unter starken vaginalen Blutungen litt. Sie gab an von vier Männer vergewaltigt worden zu sein. Sie schwebte in akuter Lebensgefahr. Ihr Zustand habe jenem von Opfern von Schusswunden geglichen aufgrund des hohen Blutverlustes. Der Sanitäter sagte, er habe sich nicht vorstellen können, dass es möglich sei, Frauen zu Tode zu vergewaltigen.
SPIEGEL: Es gibt Überlebende der Vergewaltigungen?
Halperin-Kaddari: Was diese Frau betrifft, wissen wir nicht, ob sie überlebt hat. Es gibt Überlebende. Ich weiß von zehn verschiedenen Fällen. Sie reden nicht über das, was passiert ist, und werden es vielleicht nie tun. Sie werden derzeit in Hilfszentren für sexuelle Gewalt behandelt, haben sich aber noch nicht an die Polizei gewandt. Ich habe mit Verantwortlichen in den Hilfszentren gesprochen.
SPIEGEL: Würden Sie sagen, die sexuelle Gewalt war systematisch?
Halperin-Kaddari: Ich habe Videos von Aussagen gefangener Hamas-Terroristen gesehen, die der Inlandsgeheimdienst Schin Bet verhört hat. Ich kann dazu sagen, dass es für mich nicht so aussah, als seien diese Aussagen erzwungen worden. Ein Angreifer erklärt darin, dass die Angreifer die klare und eindeutige Anweisung erhalten haben, zu töten, Geiseln zu nehmen und zu vergewaltigen. Die Morde und die sexuelle Gewalt waren also systematisch. Es gibt auch die Aussage, dass es von religiösen Autoritäten eine generelle Erlaubnis gegeben hat, zu vergewaltigen und mit Zivilisten zu tun, was immer man wollte. Der Gefangene erklärt auch, dass der Befehl lautete, keine Beweise für die Vergewaltigungen zu hinterlassen, also keine Frauen, die darüber sprechen könnten. Das passt zu der Tatsache, dass die allermeisten der Opfer sexueller Gewalt ermordet wurden.
SPIEGEL: Gibt es Klarheit über die Zahl der Fälle sexueller Gewalt?
Halperin-Kaddari: Wir haben keine Zahlen und werden sie auch nie haben. Und es ist auch nicht entscheidend. Wer sich mit den weltweiten Konflikten beschäftigt, der denkt an Bosnien, Ruanda, Äthiopien und die Ukraine – und an riesige Zahlen. Ich möchte noch mal betonen, dass alles, was in Israel passiert ist, in sehr kurzer Zeit geschehen ist, innerhalb weniger als eines Tages, bis die Sicherheitskräfte ankamen. Aber sogar innerhalb dieser sehr kurzen Zeitspanne haben die Terroristen Dinge getan, die über die menschliche Vorstellungskraft hinausreichen. Das Extreme dieser Taten, das Ausmaß der Grausamkeit ist jenseits dessen, was wir etwa beim »Islamischen Staat« gesehen haben.
SPIEGEL: Wir wissen, dass der »Islamische Staat« systematisch gemordet, vergewaltigt und Frauen und Mädchen sexuell versklavt und dabei schwer verletzt hat.
Halperin-Kaddari: Wahrscheinlich wissen wir nicht von allen Taten, die der »Islamische Staat« begangen hat. Aber meiner Ansicht nach geht die systemische Grausamkeit beim Angriff der Hamas über das hinaus, was wir im Bereich von geschlechtsspezifischer Gewalt in anderen Konflikten gesehen haben.
SPIEGEL: Die Frau des israelischen Präsidenten, Michal Herzog, erwähnte in einem Beitrag für die Newsweek den Fall einer schwangeren Frau, der man den Fötus aus dem Bauch herausgeschnitten haben soll.
Halperin-Kaddari: Ich kann diesen Fall nicht bestätigen, was nicht heißt, dass er nicht passiert ist.
SPIEGEL: Was ist das Ziel solcher Gewalt?
Halperin-Kaddari: Es geht nicht mehr nur ums Töten. Es geht darum, den größtmöglichen Horror in der Bevölkerung auszulösen, die schlimmsten Ängste jedes Menschen wahrzumachen, jede Sicherheit zu zerstören. Der Feind dringt ein in das eigene Haus, tötet die Kinder in ihren Betten, vergewaltigt Frauen. Die Familie als gesellschaftlicher Nukleus wird zerstört. Der Körper der Frau wird zum Symbol für die Nation, die man verletzt. Es ist eine Demütigung für die Männer, die die Frauen nicht schützen können. Daher erkennt das Internationale Recht sexuelle Gewalt als Kriegswaffe an, und, wenn sie absichtlich, strategisch und systematisch eingesetzt wird wie am 7. Oktober, wird sie als Verbrechen gegen die Menschlichkeit und sogar als genozidal bewertet.
SPIEGEL: Sie haben früher selbst im Bereich Frauenrechte für die Vereinten Nationen gearbeitet. Heute werfen Sie der Internationalen Gemeinschaft und der Uno vor, die Hamas-Verbrechen bisher nicht ausreichend anerkannt zu haben.
Halperin-Kaddari: Ich habe bereits drei Tage nach dem 7. Oktober an verschiedene Uno-Organisationen geschrieben, um die Verurteilung der Taten gegen Frauen und Kinder und die extreme sexuelle Gewalt, die stattgefunden hat, anzuerkennen. Ich habe an UN Women geschrieben, an das Komitee zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau der Vereinten Nationen, an die Uno-Sonderbeauftragte für Gewalt gegen Frauen und an weitere Uno-Institutionen und internationale Frauenrechtsorganisationen. Die Reaktion war erschütternd: Viele antworteten gar nicht. Nur wenige veröffentlichten Statements, die dann aber sehr generell die Eskalation der Gewalt im Nahen Osten bemängelten. Keine der Erklärungen erwähnte die sexuelle Gewalt. Das ist enttäuschend, gerade von UN Women, eine Organisation, die geschaffen wurde, um sich genau um solche Vorfälle zu kümmern. Als damals klar wurde, dass Frauen im Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine Opfer sexueller Gewalt wurden, hat UN Women zügig reagiert und eine umfassende Untersuchung gefordert. Ich sehe hier einen Doppelstandard.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?
Halperin Kaddari: Es gibt schon einen generellen Mangel an Empathie Israel gegenüber vonseiten der linken Community weltweit. Die Vorfälle widersprechen dem konventionellen Framing von Israel als Aggressor und den Palästinensern als Opfern – und ich möchte hier ausdrücklich das große Leid der palästinensischen Frauen und Kinder anerkennen. Aber beim Angriff der Hamas waren israelische Frauen und Kinder die Opfer. Ich denke, es fällt vielen Menschen und Institutionen schwer, damit umzugehen, wenn die Realität sehr viel komplexer ist als das einfache Narrativ vom Unterdrücker und vom Unterdrückten. Manche streiten sie einfach ab. Ich hatte allerdings erwartet, dass internationale Anwälte für Menschenrechte diese rigide Denkstruktur durchbrechen und anerkennen, dass das, was am 7. Oktober passiert ist, über Szenen konventioneller Kriege hinausgeht, dass wir an diesem Tag eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesehen haben, das in den vergangenen Jahren passiert sind. Dass das nicht geschehen ist, halte ich für eine Form von Antisemitismus, von dem ich mein Leben lang glauben wollte, dass er der Vergangenheit angehörte.

