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Corona: Verzerrte Erinnerung an die Pandemie spaltet die Gesellschaft

November 02
05:26 2023

Wer sich stark mit seinem Impfstatus identifiziert, also etwa der Aussage zustimmt, »stolz« darauf zu sein, geimpft oder ungeimpft zu sein, neigt dazu, sich systematisch falsch an die Pandemie zu erinnern. Vor allem die Rückschau auf die eigene Haltung zu den Maßnahmen oder zur Gefährlichkeit einer Infektion ist vernebelt. Dieses starke Zugehörigkeitsgefühl zur Gruppe der Geimpften respektive Ungeimpften trägt zur anhaltenden Spaltung der Gesellschaft bei. Das ist das Ergebnis mehrerer Untersuchungen von Forschern der Universitäten Erfurt, Bamberg, Chicago und Wien, die jetzt in der renommierten Fachzeitschrift »Nature« veröffentlicht wurden.

In einer der Studien verglichen die Forscher unter Leitung der Psychologen Cornelia Betsch und Robert Böhm frühere und aktuelle Aussagen von rund 1600 Studienteilnehmern, die sowohl Ende 2022 als auch 2020 oder 2021 zur Pandemie befragt worden waren. Zum zweiten Befragungszeitpunkt sollten sie sich an ihre Antworten aus der ersten Befragung erinnern. Dabei ging es beispielsweise um die Einschätzung des Infektionsrisikos und der Schwere einer Coronainfektion oder um die Fragen, wie häufig die Teilnehmer Masken trugen und ob sie die Coronamaßnahmen als angemessen oder übertrieben empfanden. Dabei kam heraus, dass sich der überwiegende Teil der Befragten nicht korrekt an seine früheren Aussagen erinnern konnte.

Es habe sich jedoch nicht um einfaches Vergessen gehandelt, so die Wissenschaftler, sondern um das psychologisch motivierte Phänomen einer verzerrten Rückschau in die Vergangenheit. »Geimpfte und Ungeimpfte haben sich in unterschiedliche Richtungen falsch erinnert«, sagt Cornelia Betsch von der Universität Erfurt auf Anfrage des SPIEGEL: »Wir haben uns in unseren Erinnerungen noch weiter voneinander wegbewegt, als wir eigentlich waren.« So dachten Geimpfte eher, dass sie die Infektion zum ersten Befragungszeitpunkt 2020 oder 2021 für gefährlicher gehalten und die Maßnahmen für angemessener, als sie damals tatsächlich darüber befunden hatten.

Ungeimpfte glaubten jeweils das Gegenteil, dass sie das Virus also als weniger riskant und die Maßnahmen bei der ersten Befragung als übertriebener eingeschätzt hatten. Die Untersuchung ergab sogar eine klare Korrelation: Je stärker die Identifikation mit dem eigenen Impfstatus, desto positiver – oder, bei Ungeimpften, negativer – wurde die Angemessenheit der politischen Maßnahmen rückwirkend bewertet. »Die Menschen haben viel mitgemacht in der Pandemie, und in der Erinnerung verfestigt sich dies und wird extremer«, sagt Betsch. »Und das erschwert heute das Sprechen über die Coronazeit, die Aufarbeitung.«

In einer weiteren, jetzt in »Nature« veröffentlichten Untersuchung befragten die Forscher rund 5100 Personen in zehn verschiedenen Ländern nach ihrer postpandemischen Wut auf Politiker, Wissenschaftler und das politische System als Ganzes. Die Ergebnisse waren erschreckend: In Deutschland wünschten sich 29 Prozent der Befragten, dass Politiker dafür bestraft werden sollten, wie sie mit der Coronapandemie umgegangen sind. 19 Prozent wünschten sich eine Bestrafung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sechs Prozent sogar eine Zerschlagung des politischen Systems.

»Diese Zahlen fanden wir schon krass«, sagt Cornelia Betsch. Andererseits passten sie zum Erleben vieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. »Sie bekommen immer noch Hassnachrichten. Zwar weniger als in der Pandemie, aber das hat mitnichten aufgehört.«

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