Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

News des Tages: Alkoholkonsum und Ampel-Beschlüsse, Ukrainische Drohnen gegen Russland, E-Scooter und E-Roller

August 30
20:27 2023

1. Stammtisch & Kabinettstisch

Eins der letzten ungelösten Rätsel der Menschheit: Kann man sich seine Mitmenschen schöntrinken? An Stammtischen und Kneipentresen lautet die Antwort wahrscheinlich: Klar, wir nehmen noch zwei Bier! Aber die tatsächliche Studienlage ist deutlich diffuser, wie meine Kollegin Julia Merlot (!) aus unserem Wissenschaftsressort berichtet. Komplett klären konnte auch eine neue Untersuchung die Frage nicht. »Ein wichtiger Faktor ist aber wohl, dass Alkohol als soziales Schmiermittel wirkt, Hemmungen abbaut und den Mut steigert, andere Leute anzusprechen«, sagt Julia. Damit wäre die Antwort ein klares Jein. Überrascht hat sie, dass man sich nicht nur Menschen, sondern womöglich auch Landschaften schöntrinken kann. (Hier mehr dazu .)

Eins der aktuellen politischen Rätsel: Muss man sich die Ampel-Beschlüsse schöntrinken? Die Koalitionäre von SPD, Grünen und FDP haben sich auf Schloss Meseberg getroffen, um vor eindrucksvoller Kulisse die Botschaft zur Halbzeit dieser Legislaturperiode zu senden: Wir packen es wieder an, vorbei mit den gegenseitigen Blockaden, vorbei mit ewigem Streit. Es ging um die Konjunktur, um Bürokratieabbau, um die digitale Patientenakte (hier die Übersicht).

Mein Kollege Martin Knobbe aus unserem Hauptstadtbüro berichtet von vor Ort. In manchen Fragen verlaufen die Fronten kreuz und quer durch die Ampel, etwa beim Industriestrompreis: »Die Liberalen sind dagegen. Die SPD ist dafür, aber ihr Kanzler nicht. Die Grünen kämpfen dafür, doch ihr Wirtschaftsminister scheint zu ahnen, dass der Kampf aussichtslos sein könnte.« Martins Prognose: »Der Streit dürfte weitergehen.« Na dann, Prost!

  • Lesen Sie hier die ganze Analyse: Streiten mit Schalldämpfer

2. Biberschwarm

In der Nacht zum Mittwoch fielen Schwärme von Drohnen über sechs russische Provinzen her. Wohl nie zuvor habe die Ukraine diese Waffen in so großer Zahl auf einen Schlag eingesetzt, berichtet mein Kollege Oliver Imhof. »Bober« – Biber – heißen die Kamikazedrohnen. Die Ukraine kann sie offenbar jetzt in Massen und billig herstellen.

Die Schläge richteten sich demnach gegen mehrere strategisch wichtige Ziele, etwa einen Flughafen nahe der estnischen Grenze oder eine Produktionsanlage für Mikroelektronik, die unter anderem in Flugabwehrsystemen verbaut wird.

»Schon länger bastelt die Ukraine an der Fähigkeit, die russischen Luftangriffe auf Bevölkerungszentren zu kontern«, berichtet Oliver. »Im ganzen Land schießen Drohnen-Start-ups aus dem Boden.« Mit dem Bober sei es offenbar gelungen, ein Gegenstück zur iranischen Schahed zu konstruieren, die Russland als Franchisenehmer produziert, um damit ukrainische Städte zu terrorisieren.

Die Idee der Kriegsführung mit Billigdrohnen: Die schiere Menge der anfliegenden Maschinen soll die gegnerische Luftverteidigung überfordern. »Russland ist zwar relativ gut gegen Angriffe mit einzelnen Raketen geschützt, tut sich aber mit Schwärmen kleiner Flugobjekte schwer«, so Oliver.

  • Lesen Sie hier mehr: Der Biber, der den Russen Angst macht

Und hier weitere Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine:

  • Rüstungskonzerne sollen Ersatzteile mitliefern: Den Streitkräften der Ukraine fehlen Ersatzteile für erhaltenes Kriegsgerät und Handbücher für die Wartung. Haushaltspolitiker der Ampel machen nun Druck – und rufen die Waffenhersteller zu Hilfe bei Reparaturen auf.

  • Hier finden Sie alle aktuellen Entwicklungen zum Krieg in der Ukraine: Das News-Update

3. Rollerkonflikt

»In wheel danger« – an der verspielten Überschrift bleibe ich hängen, als ich durch die Newsletter-Halde scrolle, die einmal mein Mail-Posteingang war. Ein Kollege von »Monocle« schreibt über E-Scooter, sie seien die Antwort auf die ungestellte Frage: »Wie könnte man das Leben der Fußgänger auf effiziente Weise bestenfalls miserabel, schlimmstenfalls gefährlich machen?« Er verdammt die Roller: eine Plage, wo sie auftauchen! Eine Bedrohung, wenn sie fahren! Ein Hindernis, wenn sie herumstehen! Hässlich, ärgerlich, unnötig!

Im zweiten Absatz nimmt seine Polemik die Kurve zur Hymne, einer Hymne auf Paris. Die französische Hauptstadt zieht die Scooter diese Woche aus dem Verkehr, offenbar als erste Metropole Europas. Im Frühjahr gab es ein Referendum, an dem zwar nur wenige Bürgerinnen und Bürger teilnahmen, von denen aber 90 Prozent für die Abschaffung stimmten. Morgen sollen die letzten eingesammelt werden, ab Freitag soll die Stadt rollerfrei sein.

Mir fällt es schwer, in den Lobgesang einzustimmen. Ein Teil der ausrangierten Scooter soll nämlich in meiner Heimatstadt Berlin landen: Ihr seid hier nicht wheelkommen!

  • Lesen Sie hier mehr über Scooter-Unfälle: Endstation Bordstein

Was heute sonst noch wichtig ist

  • Habeck hält Aiwangers Umgang mit seiner Flugblattaffäre für »unaufrichtig«: Die Flugblattaffäre von Bayerns Vize Aiwanger sorgte bisher vor allem im Freistaat für Wirbel. Nun äußerten sich auch die Ampelspitzen zu dem antisemitischen Pamphlet. Am deutlichsten wurde dabei Vizekanzler Habeck.

  • Sommer in Deutschland war zu warm – zum 27. Mal in Folge: 2,3 Grad Celsius über der Referenzperiode: Der Sommer 2023 war geprägt von großen Schwankungen – von tropischer Hitze bis frühherbstlicher Frische. Insgesamt reiht er sich in einen langjährigen Trend ein.

  • Militär entmachtet neue Regierung in Gabun: Die Familie Bongo herrscht seit mehr als 50 Jahren in Gabun. Nach der jüngsten Wahl machte sie mit Ausgangssperren und Sendeverboten die Opposition mundtot. Doch nun haben Soldaten gegen das Regime geputscht.

Meine Lieblingsmeldung heute: Keiler & Kernfragen

Obelix würde strahlen – das hätten wir fast über diese Meldung geschrieben, haben uns dann aber doch dagegen entschieden: Die teils hohe radioaktive Belastung von Wildschweinen vor allem in Bayern geht einer neuen Studie zufolge zu einem hohen Teil auf Atomwaffenversuche zurück – und nicht nur auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Der sogenannte Fallout der Tests habe sich weltweit verteilt, eben auch in Bayern, erläutern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachmagazin »Environmental Science & Technology«. Geschrieben hat die Meldung mein Kollege Jörg Römer (!). Obelix würde sich die Hände reiben.

  • Lesen Sie hier mehr: Wildschweine durch Atomwaffentests bis heute stark belastet

Was wir heute bei SPIEGEL+ empfehlen

  • Diese Bundesländer schneiden beim Bildungsmonitor am besten ab: Gut 20 Jahre nach dem Pisa-Schock sind Bildungsforscher ernüchtert: Die Probleme haben sogar »erheblich zugenommen« – das gilt selbst für die Spitzenreiter unter den Ländern. Überraschungen gibt es bei den Schlusslichtern .

  • Die Amerikaner mögen weder Trump noch Biden. Aber wen dann? Der eine ist zu alt, der andere verrufen: Die Amerikaner wollen weder von Donald Trump noch von Joe Biden regiert werden. Bei der Wahl 2024 könnte es noch zu einem ganz anderen Duell kommen .

  • Der private Pkw verliert drastisch an Bedeutung: Der Autoverkehr in deutschen Städten nimmt deutlich ab – das zeigt sich unter anderem in Berlin, Hamburg und München. Vielerorts müssen Autofahrer wohl noch mehr Platz an Räder und Busse abgeben .

  • Das sind Deutschlands heimliche Immobilienkönige: Im Gegensatz zu Großvermietern wie Vonovia wirken Deutschlands Privatvermieter im Verborgenen. Manche von ihnen haben goldene Jahrzehnte hinter sich – jetzt wackeln zum ersten Mal ihre Imperien .

Was heute weniger wichtig ist

Blitzlichtgetwitter: Harald Schmidt, 66, hat sich zu dem Foto vom Sommerfest der »Weltwoche« geäußert, auf dem er mit dem Autor Matthias Matussek, 69, und Ex-Bundesverfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen, 60, zu sehen ist – und das zu einiger Empörung in sozialen Netzwerken geführt hatte. Der »Zeit« sagte er laut einer Vorabmeldung: »Natürlich kann ich mir die Aufregung ausrechnen, die ich ernte, wenn ich da hingehe. Aber es ist mir egal.« Bei dem Besuch sei es ihm aber nicht um Provokation gegangen: »Letzten Endes bin ich Autor. Ich verwerte das, was ich erlebe, auf der Bühne. Ich gehe dorthin, wo ich Material erwarte.«

Mini-Hohlspiegel

Von der Website der »Stuttgarter Nachrichten«: »Mehr als 100 Kisten Bier – so viele hat ein Lastwagen auf Höhe der Auffahrt Ravensburg-Nord zur Bundesstraße 30 verloren. Wie geht es dem Fahrer? Und waren die Falschen voll?«

Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.

Cartoon des Tages

Und heute Abend?

Da könnten Sie anfangen, den neuen »Millennium«-Krimi zu lesen, der in der vergangenen Woche erschienen ist. Die Autorin Karin Smirnoff schreibt Stieg Larssons Reihe um die Hackerin Lisbeth Salander und den Journalisten Mikael Blomkvist fort.

»Millennium« ist für die Krimi-Literatur, was »Star Wars« fürs Sci-Fi-Kino war: ein in Trilogien erzählter, unfassbarer Blockbuster. Mehr als 100 Millionen Mal verkauften sich die bisherigen Bände, die im Deutschen – es lebe die Alliteration – »Verblendung«, »Verdammnis«, »Vergebung«, »Verschwörung«, »Verfolgung« und »Vernichtung« heißen. Die ersten drei davon hatte Larsson noch selbst geschrieben, veröffentlicht wurden sie posthum. Die zweite Trilogie bestritt dann der schwedische Journalist David Lagercrantz, der dafür viel Kritik einstecken musste.

Jetzt hat Smirnoff also übernommen, das »Ver«-Play geht natürlich weiter; der siebte Teil heißt – »Verderben«. Ihre Lisbeth Salander wolle sie weniger als Superheldin darstellen, sagt die Autorin im Interview mit meinem Kollegen Marcus Müntefering: »Deshalb habe ich ihr mit ihrer Nichte einen Teenager an die Hand gegeben, um den sie sich kümmern muss. So konnte ich Lisbeth, der einsamen Rächerin, neue Nuancen geben, sie ein bisschen menschlicher zeigen.« (Hier das ganze Interview .)

Lohnt sich die Fortsetzung? Ich bin auf Seite 100 und finde, Smirnoff kommt zwar nicht an Larsson ran, ist aber besser in Form als Lagercrantz – schneller, düsterer, spannender. Und bei »Star Wars« haben Sie schließlich auch alle neun Episoden und dazu die Spin-offs geguckt, obwohl Schöpfer George Lucas mit den neuesten nichts mehr zu tun hat. Haben Sie nicht? Dann haben Sie heute Abend ja noch was vor sich.

Möge die Nacht mit Ihnen sein. Herzlich

Ihr Oliver Trenkamp, Blattmacher in der Chefredaktion

Neueste Beiträge

9:27 Powell spricht von “Vorwand”: US-Regierung droht Fed-Chef mit strafrechtlicher Anklage

0 comment Read Full Article