Mali: Vor Bundeswehr-Abzug fordern Ampel-Politiker besseren Schutz für lokale Helfer
Es sind schockierende Bilder, mit der sich eine Terrorgruppe aus der Sahelregion dieser Tage im Internet brüstet. Auf dem Foto ist ein junger Mann zu sehen, der offenbar vor seinem eigenen Grab kauert. Die Augen wurden ihm mit einem staubigen Tuch verbunden. Hinter ihm steht eine ganze Gruppe von bewaffneten Vermummten. In dem Text, den ein Ableger der Terrormiliz »Islamischer Staat« kürzlich veröffentlichte, wird der junge Malier als »Helfer der Kreuzzügler« diffamiert. Weil er mit der Bundeswehr in Mali kooperiert habe, so das Pamphlet, habe man ihn in der Wüste hingerichtet und dann verscharrt.
Für die Behauptung, dass das Opfer tatsächlich für die Deutschen, die in Gao seit Jahren für die Uno-Mission »Minusma« im Einsatz sind, gearbeitet hatte, fügten die Propagandisten der Terrorgruppe einen Beweis hinzu. Neben dem Foto des verängstigten jungen Manns ist ein weiterer Schnappschuss zu sehen, den sie wahrscheinlich auf dem Handy des späteren Opfers gefunden hatten. Darauf steht der junge Malier neben einem Bundeswehrsoldaten, beide lächeln in die Kamera. Im Hintergrund sind recht deutlich Hallen des deutschen Camps Castor im nordmalischen Gao zu sehen.
Der Bericht über die Ermordung eines lokalen Helfers der Bundeswehr sorgt seit seiner Veröffentlichung intern für Aufregung. Bisher hatte die Bundeswehr und auch das Ministerium von Boris Pistorius, SPD, stets die Linie vertreten, anders als in Afghanistan seien die sogenannten Ortskräfte in Mali nach dem geplanten Abzug der Truppe Endes des Jahres nicht in Gefahr. Diese Haltung hatte auch das Einsatzführungskommandos erst kürzlich wiederholt. »Nach derzeitigem Erkenntnisstand unterliegen lokal Beschäftigte in Mali keiner individuellen oder systematischen Gefährdung aufgrund ihrer Tätigkeit«, sagte ein Sprecher.
Der Propagandabericht indes erzählt nun eine ganz andere Geschichte. Demnach hatte eine kleine Einheit der in Nordmali vagabundierenden Terrorgruppen den jungen Mann an einem Checkpoint zwischen Gao und Niamey kontrolliert, auf seinem Telefon fand man offenbar die Bilder mit einem Bundeswehrsoldaten. Andere Beschäftigte der Bundeswehr bestätigten der »Zeit« mittlerweile, dass es sich bei dem Opfer tatsächlich um einen Helfer der Bundeswehr handelt. Der junge Mann auf dem Foto, dessen Name mit Kevin angegeben wurde, habe tatsächlich für längere Zeit im deutschen Camp gearbeitet.
Die Bundeswehr bestätigte auf Nachfrage, dass das mutmaßliche Opfer im Bundeswehrcamp tätig war – allerdings nicht direkt bei der Truppe, sondern für den Subunternehmer Ecolog, der sich um die Wäsche und die Abwasserentsorgung der Bundeswehr kümmert. Bei internen Recherchen wurde das Foto aus dem Camp mittlerweile verifiziert, es stammt aus der Zeit der Coronapandemie.
Kurz danach wurde der Malier von Ecolog gekündigt. Versuche, ihn am Wochenende telefonisch zu erreichen, scheiterten. Auch in seinem Dorf hat man Kevin schon länger nicht mehr gesehen.
Trotz der Hinweise gab sich die Truppe mit einer Bewertung sehr zurückhaltend. So sei nicht abschließend geklärt, ob der junge Mann tatsächlich getötet worden sei und ob die mögliche Tat etwas mit seiner Tätigkeit im Camp Castor zu tun habe. An der grundsätzlichen Haltung, dass für die rund 60 direkt bei der Bundeswehr angestellten malischen Ortskräfte keine konkrete Gefahr bestehe, hält die Truppe dennoch fest.
Die schreckliche Geschichte des jungen Maliers erinnert frappierend an die Ereignisse in Afghanistan kurz vor dem Abzug der Bundeswehr und anderer Nato-Truppen. Auch damals gab sich die Bundesregierung lange sicher, für die lokalen Helfer der Bundeswehr und von staatlichen Entwicklungshilfe-Projekten bestehe keine konkrete Gefahr. Man prüfte, wartete ab, verzögerte die Ausstellung von Visa für die Afghanen. Am Ende dann, als die Taliban das Land wie im Sturm übernahmen, holte die Bundeswehr noch ein paar Hundert Ortskräfte raus. Viele, vor allem Helfer von deutschen Hilfsprojekten, schafften es nicht.
SPD will Humanität statt Bürokratie
Folglich sorgt der Fall von Kevin bei den Sicherheitspolitkern im Bundestag für Empörung. »Wenn es eine Lehre aus Afghanistan gibt, dann die, dass die unselige deutsche Tradition, im Zweifel für Bürokratie, statt für Humanität zu entscheiden, bei den lokalen Helfern umgekehrt werden muss«, fordert zum Beispiel Ralf Stegner. Der SPD-Politiker sitzt dem Untersuchungsausschuss vor, der das Debakel beim Abzug vom Hindukusch aufklären soll. Seine Haltung ist klar: »Humanitäre Spielräume können und müssen genutzt werden, erst recht, wenn das Menschen sind, die für Deutschland ihr Leben riskiert haben«.
Ähnlich deutlich appelliert die grüne Verteidigungsexpertin Sara Nanni an die Bundesregierung. Die Berichte über die Ermordung seien »erschütternd«, deswegen sei Umdenken notwendig. »Davon zu reden, dass Mali nicht Afghanistan ist, wird der Lage nicht gerecht«, sagte Nanni dem SPIEGEL, »nach dem Abzug der ausländischen Truppen steigt auch in Mali die Gefährdung für die lokalen Beschäftigten«. Folglich müsse man nicht nur den Rückzug der Bundeswehr, sondern auch den Schutz der Ortskräfte umgehend angehen. Nanni will den Fall deswegen umgehend im Verteidigungsausschuss thematisieren.
Viel Zeit bleibt der Bundeswehr nicht mehr. Bis spätestens Ende des Jahres sollen alle Soldatinnen und Soldaten das Camp in Gao verlassen haben. Schon jetzt sind die rund 700 Männer und Frauen nur noch mit dem Rückbau des Lagers und der Verschickung von Material beschäftigt. Nach Angaben der Truppe beschäftigt die Bundeswehr direkt rund 60 Malier, die meisten als Dolmetscher. Daneben aber sind noch gut 300 lokale Helfer über Subunternehmen angestellt, sie kümmern sich um die Logistik im Lager. Erst kürzlich hatten viele von ihnen einen verzweifelten Hilferuf an die Bundesregierung abgesetzt.

