Senegal: »Wir müssen uns vom Würgegriff Frankreichs lösen«
In vielen Ländern Westafrikas verschwanden in den vergangenen drei Jahren Regierungen, die Frankreich wohl gesonnen waren wie in Mali, Burkina Faso oder Niger. Stattdessen: antifranzösische Demonstrationen, Angriffe auf Botschaften, Hass in den sozialen Medien. Das System Françafrique scheint am Ende. So nennen Kritiker die fortwährende Einflussnahme Frankreichs in den ehemaligen Kolonien Afrikas, politisch, kulturell und wirtschaftlich.
Inzwischen richten sich immer mehr Augen auf den Senegal, den wichtigsten verbliebenen Partner Frankreichs in der Region. Doch auch dort schwindet die alte Freundschaft, vor allem unter jungen Menschen.
Die Bäckerin
Es riecht nach frischen Baguettes, an den pinkfarbenen Shirts der Verkäuferinnen hängt weißer Mehlstaub. Hinten, in der Backstube, wird gerade neuer Teig geknetet. Auf dem grauen Fliesenboden stehen mehrere durchsichtige Plastikboxen: eine mit importiertem Weizenmehl, eine mit dem lokalen Getreide Sorghum und eine mit Moringapulver, einer Art Superfood aus den Samen des tropischen Moringabaums. Frankreich oder Senegal, Import oder lokale Produktion, selbst Brot ist hier politisch. Gerade ist die Box aus Frankreich dran, der Bäcker vermischt Weizenmehl, Wasser und Hefe. Immerhin ein wenig Moringa kommt noch dazu.
Ja, die Mehrheit bestelle die klassischen französischen Baguettes aus Weizenmehl, sagt Isseu Sakho, Inhaberin der Bäckerei Mburu in Senegals Hauptstadt Dakar. »Auch das ist Françafrique«, ärgert sie sich, »wir müssen uns vom Würgegriff Frankreichs lösen!«
Dennzwar ist der Senegal seit 1960 unabhängig, doch noch immer gehört das Baguette zum Alltag in Dakar wie in Paris. Noch immer dominiert die französische Supermarktkette Auchan das Lebensmittelbusiness, zumindest in der Mittelschicht. Wer aus der Stadt herausfahren will, nutzt die Autobahn und zahlt Maut an Eiffage, den französischen Konzernriesen. Das Brot bezahlt man mit Franc-CFA, einer Währung, die an den Euro gekoppelt ist. Frankreichs Einfluss ist im Senegal allgegenwärtig.
Isseu Sakho will das ändern, Schritt für Schritt. Sie backt Brot und Kuchen immer häufiger aus einheimischen Zutaten statt mit importiertem Weizen, vierzig Prozent der Waren sind bereits aus lokalem Getreide. »Die Nachfrage ist da, und das hat auch mit der politischen Diskussion zu tun«, erzählt die Gründerin. »Vor allem die jungen Leute wollen einen eigenständigen Senegal.«
Der Influencer
Zehn Meter laufen, dann stopp. Posieren für ein Gruppenselfie, schnelles Lächeln, Daumen hoch. Dann wieder laufen, bis die nächsten Fans sich in den Weg stellen, Hände schütteln, Handy zücken, grüßen. Sogar Polizisten wollen ein Foto. Wer in diesen Tagen mit Guy Marius Sagna unterwegs ist, der bekommt den Eindruck, hier flaniere ein Popstar. »Mach weiter so«, ruft ein Passant.
Doch Sagna ist kein Musiker, er ist Politiker, Parlamentsabgeordneter und Gründer der Bewegung FRAPP – France Degage. Übersetzt heißt das ziemlich sperrig: »Front für eine populäre panafrikanische, antiimperialistische Revolution – Frankreich, haut ab!« Auf Französisch heißt »frapper« aber auch: schlagen. Das Wortspiel ist Absicht.
Sagna ist Populist, das kann man so sagen. Er liefert zuverlässig Slogans, kann stundenlang über die mutmaßlichen Missetaten der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich sprechen. Vieles ist polemisch, grob vereinfacht, er kann gut schimpfen, doch ausgearbeitete Konzepte kommen selten. Am Ende spielt das aber keine Rolle. Denn seine Sprüche verfangen. Auch, weil Frankreich in Westafrika über Jahrzehnte oft überheblich aufgetreten ist, weil aus Paris belehrende Worte kamen, während die ungeliebten lokalen Eliten vom Élysée hofiert und protegiert wurden.
Sagna ist einer der prominentesten Köpfe der Opposition im Senegal. Nächstes Jahr wird gewählt, und schon jetzt geht es um die Frage: Verliert der Westen den letzten verlässlichen Partner in der Sahelzone. »Die Leute wachen endlich auf und befreien sich aus ihrem neokolonialen Gefängnis«, sagt Sagna.
Vor allem die Jugend wendet sich ab vom System Françafrique, hängt an den Lippen von Menschen wie Guy Marius Sagna. Viele haben die Nase voll von der Clique um Präsident Macky Sall, der im kommenden Jahr nicht wieder antritt. Sall gilt als Marionette Frankreichs, als Teil von Françafrique. Früher hat ein enger Draht nach Paris den Kandidaten zum Sieg verholfen, heute ist er in Westafrika Garant für eine Wahlniederlage.
Seit Juni mobilisiert die Opposition zu Massenprotesten, vor allem gegen die strafrechtliche Verfolgung ihres Anführers Ousmane Sonko, tausende gingen in den vergangenen Wochen auf die Straße, es kam zu Ausschreitungen, zu Toten. Ziel der Proteste waren aber auch die französischen Supermärkte von Auchan und Tankstellen des französischen Mineralölkonzerns Total. Inzwischen stehen Lkw voller schwer bewaffneter Sicherheitskräfte vor einigen Filialen. Landespolitik vermischt sich mit der Wut gegen den »imperialistischen Gegner«.
»Wir unterstützen keinen Staatsstreich, aber wenn ein friedlicher politischer Übergang nicht möglich ist, dann säen die Mächtigen damit Gewalt«, droht Sagna.
Vor Kurzem äußerte sich der französische Botschafter im Senegal zu FRAPP. Seine Aussagen zeigen, wie hilflos Paris der Kritik gegenübersteht, wie entkoppelt Frankreich teils von der Stimmung vor Ort ist. »So etwas könnte ich mir in Frankreich nicht vorstellen«, sagt Philipe Lalliot, der französische Topdiplomat im Senegal. Eine Bewegung gegen die Einmischung Senegals in Paris, das würde ja wohl verboten werden. Nur hat er offenbar vergessen, dass der Senegal Frankreich nie kolonialisiert hat.
Selbst im Kreise europäischerDiplomaten äußert man sich inzwischen verwundert über die französischen Kollegen. »Kaum was begriffen« heißt es; es fehle ein Konzept, um mit der aktuellen Ablehnung umzugehen. Als es zu Ausschreitungen im Land kam, war eigentlich ein einheitliches Statement der EU angedacht. Am Ende kam es nicht zustande – man konnte sich wohl nicht auf eine Position einigen.
Die Strandgäste
Über dem Strand prangen die rostigen Metallgestänge vom Magic Land, dem in die Jahre gekommenen Vergnügungspark mit Riesenrad und Achterbahn. Unten, im Sand, sitzen Amadou, Dickel und Miriam, alle Mitte 20, auf weißen Plastikstühlen, schauen aufs Meer und trinken Limo. Auf dem Tisch, ebenfalls weiß und aus Plastik, liegen eine schicke Lederhandtasche und Micky-Maus-Kopfhörer. Dickel und Miriam studieren in Dakar, die eine Data Science, die andere Bankenwesen. Amadou arbeitet als Fotograf. Sie wollen hier mit ihren Vornamen genannt werden.
Amadou: »FRAPP ist sehr einflussreich in unserer Generation, die meisten unterstützen sie, ich auch. Aber wir sollten nicht im Auchan randalieren, die Franzosen sollen uns als Intellektuelle ansehen, nicht als Chaoten, dann nehmen sie uns auch ernst.«
Dickel: »Ich finde gut, dass es in Niger und Mali einen Putsch gab. Das ist brutal, aber nötig. Die Jugend macht endlich die Augen auf.«
Miriam: »Die Generation unserer Eltern hat die Realität nicht begriffen. In unserer Generation gibt es eine Massenbewegung, auch wenn es schwierig sein wird, die Abhängigkeit von Frankreich zu beenden.«
Die Sprayer
»Sie plündern unser Land, sie bauen Festungen. Wir dürfen nicht zulassen, zu Märtyrern zu werden!«
Aus den Boxen dröhnt der eingängige Rap des togolesischen Sängers Elom 20ce, die Luft riecht nach Farbe und ein paar halb verflogenen Joints. Auf einer tiefschwarzen Wand lassen sich langsam die Umrisse einer Frau erkennen, daneben entstehen gerade ein Mund und eine Nase. Die Sprayer der Radikl Bomb Shot Crew, kurz RBS, dem größten Graffiti-Kollektiv in Dakar, tragen Atemmasken, während sie ihm Hinterhof ihres Treffpunkts zwei Gesichter an die Wand sprühen, »politische Häftlinge«, wie sie sagen. Es soll ein Statement fürderen Freilassung sein.
Jede Einwohnerin, jeder Einwohner in Dakar kennt die Graffiti von RBS. Serigne Mansour Fall, alias Madzoo, der Gründer des Kollektivs, fährtheraus zu einer Hauptverkehrsstraße. Er ist bullig, breite Schultern und fester Blick, muss sich in das klapprige, gelbe Taxi quetschen. Dann bittet er den Fahrer zu stoppen, überquert schnellen Schrittes die mehrspurige Straße.
Er deutet auf eine Mauer; sie ist auf etwa zwanzig Meter Breite besprüht. Ein Bild zeigt einen dicken weißen Mann; er wird vom senegalesischen Präsidenten Macky Sall mit einem Löffel gefüttert, ein Sinnbild für die Ausbeutung des Kontinents. Daneben drei Gestalten mit Ku-Klux-Klan-Masken, sie tragen Schals mit den Flaggen Frankreichs und der USA, darüber steht »Frankreich tötet Senegal«.Madzoo lacht: »Ich bin überrascht, dass sie das nicht übermalt haben.« Denn andere Graffiti würden sofort überpinselt, manchmal stehe die Polizei direkt neben den Sprühern und warte nur, bis sie fertig seien. Illegal sind die gesprayten Gemälde offiziell nicht.
»Wir sind noch nicht frei, der Senegal ist noch nicht frei«, sagt der Graffiti-Künstler. »Wir wollen dazu beitragen, dass die jungen Leute aufwachen.« Die Jugend interessiere sich nicht mehr für die alten, in Frankreich ausgebildeten Eliten, sie wolle ein Afrika auf Augenhöhe. Madzoo hat Philosophie studiert, lehrt an Hochschulen in den USA.
»Das ist die schwarze Wiedergeburt«, singt der togolesische Rapper aus den Boxen.
Die Russen
»Kultur ist Soft Power«, sagt Oumy Sene. Die Senegalesin ist groß gewachsen, ihre Haare oben am Kopfrot gefärbt, sie spricht mit lauter Stimme, selbstbewusst. Sene steht auf einer frisch gepflasterten Straße, zeigt auf eine freie Fläche zwischen den mehrstöckigen Häusern, ein paar Männer hocken auf Eimern, sie verdienen ihr Geld mit Autowäsche. Doch bald müssen sie weichen, hier soll das russische Kulturzentrum Kalinka stehen, zunächst aus Containern errichtet, »bis wir ein größeres Grundstück finden«, sagt Sene. Sie gehört zum Leitungsteam des Zentrums.
Sene spricht Englisch mit britischem Akzent, französisch mit senegalesischem Akzent, und perfektes Russisch.Sie hat lange in Moskau gelebt, ihre Mutter ist Ukrainerin, ihr Vater Senegalese, im Krieg steht sie klar auf Putins Seite. »Die Abkehr Westafrikas von Frankreich hätte schon viel früher passieren müssen«, sagt sie.
Vor Kurzem war die Leiterin des Kalinka-Zentrums in Sankt Petersburg, zum Russland-Afrika-Gipfel, an einem Stand hat sie den Senegal präsentiert. Ihr Geld verdient sie mit der Beratung russischer Firmen. »Ich bin ihre Türöffnerin hier«, sagt Sene. Auch»Russia Today« könnte bald im Senegal aufschlagen; das wird im Gespräch deutlich. »Ich kann mich erst äußern, wenn was unterschrieben ist«, sagt Sene grinsend. Die Geschäfte laufen offenbar gut.
Nun soll die Senegalesin in Dakar ein russisches Zentrum aufbauen, angeblich unabhängig von der Botschaft, zumindest finanziell. Das Geld komme von Spendern, vor allem Unternehmen, der verstorbene Wagner-Chef Jewgenij Prigoschin sei aber nicht dabei gewesen, versichert sie.
Die Pläne sind groß: Hunderte Stipendien für senegalesische Schülerinnen und Schüler soll es geben, um nach Russland zu reisen. Sie wollen ein Netzwerk aus lokalen Journalisten aufbauen, kleine NGOs vor Ort unterstützen. In anderen Ländern Westafrikas heizen solche Netzwerke die antifranzösische Stimmung bereits kräftig an, verbreiten Desinformation, damit will das Zentrum aber nichts zu tun haben. Im Mai hat das Kalinka-Team eine Prozession durch Dakar zu Ehren der sowjetischen Gefallenen im Zweiten Weltkrieg organisiert, am Vormittag wurden russische Kriegsfilme gezeigt.
»Das Interesse an Russland wächst«, sagt Oumy Sene, und deswegen wachse auch ihr Zentrum. Irgendwann wollen sie ein richtiges Institut sein, so wie das deutsche Goethe-Institut oder das französische Institut français, ein Instrument der Soft Power eben. »Wir wollen ein wichtiger Player sein«, meint Sene, und will es nicht als Drohung verstanden wissen. Im Westen nimmt man es aber durchaus so wahr.
Der Rapper
Didier Awadis Tonstudio ziert eine bizarre Zusammenstellung von Porträts und Urkunden. Hinter dem Pult, im Sichtfeld des Musikers: Fotos von Thomas Sankara, dem ehemaligen Präsidenten von Burkina Faso, Idol und Held vieler Panafrikanisten, ein Vorkämpfer für die Unabhängigkeit des Kontinents. Auf der anderen Seite: drei Urkunden. Zweimal wurde Didier Awadi zum »Ritter des Ordens der Kunst und der Schrift« ernannt: 2002 in Paris, 2003 in Dakar. Darüber eine Urkunde der Uno: »Botschafter der Wahrheit«, 2005.
DJ Awadi, wie er sich nennt, lehnt sich im Drehstuhl zurück, seine langen Dreadlocks hängen über die Lehne, sein T-Shirt spannt am Bauch.Er lächelt selten, redet langsam, mit Bedacht. Awadi startet ein Video, seine neueste Botschaft der Wahrheit. Er hat in diesem Jahr den Song »Quand on refuse, on dit non« herausgebracht: »Wenn man sich weigert, sagt man nein.« Das Video zum Lied hat er zu einem Kurzfilm ausgebaut. Die Szenen sind schwer zu ertragen. Erst platzt ein weißer Mann in die Kabinettssitzung eines offenkundig afrikanischen Landes: Rohstoffe, Daten und Infrastruktur sollen verscherbelt werden, wohl an Europa. Ein Minister weigert sich, er wird erschossen.

