News: Ukraine, Jewgenij Prigoschin, Luis Rubiales, Reichsbürger, Nessie
Ist Kritik an der Ukraine gerechtfertigt?
Der Tod des Wagner-Chefs hat Wladimir Putins Krieg gegen die Ukraine kurzzeitig in den Hintergrund gerückt. Während die Welt darüber rätselt, ob der Kremlherrscher selbst hinter dem Flugzeugabsturz steckt, bei dem Jewgenij Prigoschin starb (lesen Sie hier die SPIEGEL-Titelgeschichte zum Tod Prigoschins), kämpfen die Truppen Kiews auf dem Schlachtfeld weiter um jeden Meter.
Nach den massiven Waffenlieferungen des Westens waren die Erwartungen an die Gegenoffensive der Ukraine hoch. Doch der Feldzug verläuft schleppend, es gibt Kritik an der militärischen Strategie – im Land selbst, aber auch bei den Unterstützern. Es sei zu früh zu sagen, dass die Offensive gescheitert sei, erklärte Amerikas oberster General Mark Milley jüngst in einem Interview. Es gehe langsamer voran als gedacht. Aber: »Die Ukrainer haben noch eine beträchtliche Menge an Kampfkraft, das ist noch nicht vorbei.« So richtig überzeugt klingt das nicht.
Es ist ein heikler Moment des Krieges für Wolodymyr Selenskyj. Unermüdlich trommelt der Präsident im befreundeten Ausland für mehr Waffen. Aber die Lieferanten wollen auch Erfolge sehen – sonst wird es manche Regierung zu Hause irgendwann schwer haben, immer neue Rüstungsexporte zu erklären.
Dabei gerät hin und wieder in Vergessenheit, dass die Ukraine es nicht mit ein paar Aufständischen zu tun hat, sondern mit einem Aggressor, der zahlenmäßig und militärtechnisch eigentlich überlegen ist. Selenskyj setzt nun große Hoffnungen in die F-16-Kampfjets, die Dänemark, Norwegen und die Niederlande zugesagt haben. Doch auch die werden noch einige Wochen auf sich warten lassen.
Lesen Sie hier die Analyse meines Kollegen Alexander Sarovic über die schleppende Gegenoffensive – und die Vorwürfe des Westens:
-
Ukrainische Gegenoffensive: Der Feldzug stockt, die Partner zanken
Mehr Nachrichten und Hintergründe zum Krieg in der Ukraine und zum Tod von Wagner-Chef Prigoschin finden Sie hier:
-
Die Spuren führen in eine Richtung – in die Ukraine: Es ist ein Agentenkrimi, der das Zeug hat, die Weltpolitik zu verändern: Vor einem Jahr sprengte ein Geheimkommando die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee. Seitdem suchen Ermittler nach den Attentätern. Die Fährte, der sie folgen, ist politisch hochgefährlich.
-
Wohin mit Prigoschins Leiche? Die Beerdigung des mutmaßlich ermordeten Aufrührers stellt den Kreml vor schwierige Fragen: Soll man Putins Herausforderer wie einen Helden beerdigen – oder wie einen Verräter?
-
Die Gefahr der Toten: Fast jeder in der Ukraine betrauert inzwischen Bekannte, Freunde oder Angehörige, die gefallen sind oder verletzt wurden. Wie viel Raum darf es für diesen Schmerz geben, in einem Land, das mitten im Krieg steckt?
Peinlicher Auftritt
Hatten die spanischen Medien falsche Informationen? Wurden sie absichtlich damit gefüttert? Hat Luis Rubiales alle in die Irre geführt? Oder es sich einfach anders überlegt?
Am Donnerstagabend hatte es so ausgesehen, als habe der Boss des spanischen Fußballverbandes nach dem Kuss-Eklat endlich ein Einsehen. Gestern aber folgte die spektakuläre Wende: »Ich werde nicht zurücktreten.« Fünfmal brüllte Rubiales diesen Satz bei der Krisensitzung des Verbandes vom Rednerpult.
Rubiales hatte die Spielerin Jennifer Hermoso nach dem Gewinn des WM-Titels ungefragt auf den Mund geküsst und sie anschließend auch noch bedrängt, ihn in Schutz zu nehmen. Jetzt sieht er sich allen Ernstes als Opfer einer »öffentlichen Hinrichtung« und eines »falschen Feminismus«.
Da hat jemand etwas nicht verstanden. Rubiales glaubt, dass gedankenlose Übergriffigkeit schon okay ist, wenn man nur besoffen genug von Euphorie ist. Beim WM-Sieg griff sich der Fußballboss auf der Ehrentribüne, nur wenige Meter neben Spaniens Königin Letizia, auch noch jubelnd in den Schritt. Sorry, rechtfertigt sich Rubiales, die Emotionen, Sie wissen schon! Es sei eine Geste an Trainer Jorge Vilda gewesen: »Olé, deine Eier.«
Peinlicher geht es nicht.
Rubiales wagt die Machtprobe, gestützt von Verbandsfunktionären, die sein anachronistisches Macho-Gehabe offenbar in Ordnung finden und Hermoso nun sogar mit einer Klage drohen. Er geht auf Konfrontationskurs zur Politik und zu weiten Teilen der Gesellschaft, die seinen Rücktritt fordern, zu den Spielerinnen und anderen Sportlern, die sich mit Hermoso solidarisieren. Er macht sein persönliches Fehlverhalten zum Teil eines Kulturkampfes.
Und jetzt? Spaniens Regierung setzt nun auf den Sportgerichtshof, der Rubiales möglichst rasch suspendieren soll. Und die Weltmeisterinnen wollen so lange streiken, bis der Verbandschef weg ist. Sie hätten eine würdevollere Titelfeier verdient.
-
Rubiales-Auftritt nach Kuss-Affäre: Spaniens #MeToo-Moment
Gefährliche Antidemokraten
Am 29. August 2020 demonstrierten in Berlin Zehntausende Menschen gegen die damalige Coronapolitik der Regierung. Einige Hundert, darunter viele Rechtsextremisten und sogenannte »Reichsbürger«, durchbrachen Polizeiabsperrungen und besetzten kurzzeitig die Treppe des Reichstagsgebäudes.
Fast auf den Tag drei Jahre danach will sich die »Reichsbürger«-Szene heute wieder auf dem Platz der Republik versammeln. Die Kundgebung ist unter einem ellenlangen Thema aus Versatzstücken typischer Verschwörungserzählungen angemeldet, dessen vollständige Wiedergabe ich Ihnen hier erspare. Nur so viel: Es geht um »Freiheit und Volksherrschaft«, »fehlende Friedensverträge« und »die dauerhafte Beendigung des bis zum heutigen Tage … weiter geführten Zweiten Welt-Krieges«.
Dass die Reichsbürger mitnichten als arme Spinner abzutun sind, wurde allerspätestens klar, als Ermittler im vergangenen Dezember eine Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß ausgehoben haben, die offenbar das demokratische System in Deutschland stürzen wollte.
Nun haben meine Kollegen Sven Röbel und Wolf Wiedmann-Schmidt herausgefunden, dass die Sicherheitsbehörden bei den Reuß-Anhängern mehr als 360 Schusswaffen, fast genau so viele Hieb- und Stichwaffen sowie 17 Sprengmittel gefunden haben.
Man muss diese Leute ernst nehmen. Wenn Sie in Berlin wohnen und heute Zeit haben, schauen Sie doch bei der Gegendemo vorbei.
-
Mutmaßliche Umstürzler um Heinrich XIII. Prinz Reuß: Mehr als 360 Schusswaffen bei »Reichsbürgern« gefunden
Hier geht’s zum aktuellen Tagesquiz
Die Startfrage heute: Welches Museum befindet sich in einem ehemaligen Ölkraftwerk?
Gewinner des Tages …
… ist Drumnadrochit. Das Örtchen in den schottischen Highlands liegt am weltberühmten See Loch Ness, ist Heimat des Loch Ness Centre und Zentrum des Nessie-Tourismus. Als solches wird es an diesem Wochenende einen neuen Schub erhalten.
Zwei Tage lang wollen Forschende und Freiwillige systematisch nach Hinweisen auf das sagenhafte Seeungeheuer Nessie suchen. Es ist die größte Aktion dieser Art seit 1972. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollen Drohnen mit Wärmebildkameras einsetzen, im See soll ein Unterwassermikrofon akustische Signale aufzeichnen, vom Ufer aus sollen Menschen aus aller Welt Loch Ness beobachten.
Dass sie das Wassermonster aufspüren, ist eher unwahrscheinlich. Macht aber nichts. Der Mythos um Nessie lebt weiter – und lockt die Fans nach Drumnadrochit.
-
Größte Suche seit Jahrzehnten im Loch Ness geplant: Nessie, bist du da?
Die jüngsten Meldungen aus der Nacht
-
Noch 388 Menschen nach tödlichen Bränden vermisst: Mehr als hundert Menschen starben durch die verheerenden Buschfeuer auf Maui, fast 400 werden auch nach zwei Wochen noch vermisst. Helfende durchsuchen weiter die Ruinen, Angehörige sollen mit DNA-Proben helfen.
-
Mindestens zwölf Menschen sterben bei Massengedränge vor Stadion: Madagaskar wollte eine große Party zur Eröffnung der Inselspiele feiern, stattdessen kam es in der Hauptstadt Antananarivo zur Tragödie. Es ist nicht der erste tödliche Vorfall vor dem Mahamasina-Stadion.
-
US-Countrymusiker wehrt sich gegen Vereinnahmung durch republikanische Politiker: Mit einem elitenkritischen Song stürmte Oliver Anthony die US-Charts. Dass nun ausgerechnet jene, die er kritisiert, »so tun, als wären wir Kumpel«, scheint ihn gewaltig zu ärgern.
Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute
-
Hat sich ein namhafter Diabetologe über Jahre mit Millionen schmieren lassen? Ein Berater für künstliche Ernährung soll Patienten Arzneimittel und Produkte zahlungsfreudiger Pharmafirmen empfohlen haben. Recherchen offenbaren nun eine fragwürdige Nähe, Krankenkassen vermuten einen immensen Schaden .
-
Wer hat Angst vor trans? Bei Geschlechterdebatten geht es den Menschen an die Wäsche. Das zeigt der Streit über das Selbstbestimmungsgesetz, das direkt nur sehr wenige betrifft – aber sehr viele berührt. Warum diese Aufregung?
-
Wie der Atomfonds die Rente sichern soll: Kenfo? Nie gehört? Das dürfte sich bald ändern. Deutschlands größter Staatsfonds, einst gegründet für den Atomausstieg, soll künftig Hunderte Milliarden verwalten – für die neue Aktienrente. Ein Ortsbesuch bei der Chefin .
-
»Wenn ihr Rentiere seht, setzt euch hin und trinkt Kaffee«: Vier Tage lang von Hütte zu Hütte, durch Moore und Birkenurwald, vorbei an Rentieren und Polarfüchsen: In der Mitte Schwedens lockt der Weitwanderweg Vålådalsfyrkanten – und am Abend die Sauna an der Hütte .
Ich wünsche Ihnen ein wunderbares Wochenende.
Herzlich,
Ihr Philipp Wittrock, Chef vom Dienst in Los Angeles

