Wasserknappheit in Uruguay: Wie der Millionenstadt Montevideo das Trinkwasser ausging
José Santelláns Schatz liegt in seinem Hinterhof, zwischen Stapeln von Brennholz, umherlaufenden Hühnern und einem rostigen Fahrrad: Aus dem Boden ragt ein Schlauch, der durch den Gartenzaun bis auf die Straße reicht. »Wasser gratis«, steht straßenseitig auf einem Schild, »ohne Salz«. Santellán, 61, nimmt einen Schluck aus dem Schlauch, »Mmhm«, macht er.
An diesem Nachmittag im Juli herrscht Hochbetrieb an der improvisierten Wasserstelle in Marindia, rund 40 Kilometer östlich von Uruguays Hauptstadt Montevideo: Alte, Familien mit Kindern, junge Paare füllen Plastikflaschen und große Sechs-Liter-Kanister. Das Wasser wird aus 20 Metern Tiefe heraufgepumpt und ist sauber, wie eine Analyse bestätigt, die Santellán am Gartenzaun aufgehängt hat.
»Wertvoller als Gold, Diamanten und Öl«, sagt der Ex-Polizist. Dass der alte Brunnen in seinem Garten einmal so existenziell werden würde, hätte er sich nicht ausmalen können: Eigentlich war in Uruguay sicheres, sauberes Wasser aus dem Hahn eine Selbstverständlichkeit – doch das ist Vergangenheit.
Spätestens seit April war in Montevideo das Trinkwasser knapp. Die Süßwasserreserven des Paso-Severino-Stausees, wichtigste Wasserquelle der Millionenstadt, sanken auf einen historischen Tiefstand, zeitweise bis auf rund ein Prozent ihrer Kapazität. Die Metropolregion erlebt die größte Dürre seit mehr als hundert Jahren. Es gilt der Wassernotstand.
Dem Leitungswasser wurde monatelang salziges Wasser aus dem Rio de la Plata beigemischt; dies führt zu einer höheren Konzentration von Natrium und Chlor. Die Regierung hatte die zulässigen Höchstwerte angehoben. Was, mitunter nach einem ausgedehnten Röcheln, aus dem Hahn kam, schmeckte bis vor Kurzem nach Salz, Schlamm und Chlor. Vor längerem Duschen wurde wegen der Dämpfe gewarnt. Offiziell gilt das Wasser als trinkbar für die allgemeine Bevölkerung. Zuletzt hat sich die Wasserqualität aufgrund von Regenfällen wieder verbessert – doch wer es sich leisten kann, kauft Plastikflaschen.
Uruguay ist das Vorzeigeland Südamerikas: Es hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Region und eine relativ egalitäre Gesellschaft, verfügt über ein recht gutes Schulsystem und gewinnt mehr als 80 Prozent seines Stroms aus Erneuerbaren. Das Land gilt als eine der modernsten und stabilsten Demokratien der Welt. Es war das Erste, welches das Menschenrecht auf sauberes Wasser in seiner Verfassung festschrieb.
Und dann? Wo einst Millionen Liter Wasser gestaut waren, mäanderte zeitweise nur noch eine Lache, sah die Erde aus wie knorrige Baumrinde. Priester beteten für Regen; der Präsident erklärte den Kampf für noch längst nicht beendet. Wie konnte es so weit kommen in einem Land wie Uruguay? Und was bedeutet das Beispiel Montevideo für den Rest der Welt?
Die Suche nach Antworten führt nach Maldonado, rund zwei Autostunden östlich von Montevideo. Auf dem Weg zu Mariana Meerhoffs Büro kommt man an Laboren vorbei, stapeln sich kleine und große Kanister und Röhrchen für Wasserproben. Meerhoff, 48, ist Limnologin, sie erforscht Binnenwassersysteme und lehrt an der Universität der Republik.
»Wasser ist die Voraussetzung für Leben«, erklärt sie, »und eine Frage nationaler Sicherheit.« Eine Krise hat sie seit Langem erwartet. Die Ursache sieht sie in einer Mischung aus klimatischer Variabilität, Klimawandel und politischem Versagen.
Das Wetterphänomen La Niña führt in der Region seit rund zwei bis drei Jahren zu einer schweren Dürre, seit vergangenem Oktober gilt der Wassernotstand für die Landwirtschaft. »Verschärft wird die Situation durch extreme Hitzewellen, die dem Klimawandel zuzuordnen sind und zu mehr Verdunstung, weniger Wasser und schlechterer Wasserqualität führen.«
Hinzu käme eine inadäquate staatliche Infrastruktur. In Montevideo gingen rund 50 Prozent desTrinkwassers durch Mängel wie undichte Rohre verloren oder würden illegal abgezweigt. Die Stadt und die Metropolregion gewinnen ihr Wasser außerdem fast nur aus einer einzigen Quelle – ein viel zu hohes Risiko.
»In Zeiten wie diesen, in denen der Klimawandel extreme Wetterereignisse verstärkt, müssen wir klüger sein, auf das Unerwartete vorbereitet, brauchen wir immer einen Plan B und C«, sagt Meerhoff. Sie erwartetfür die Zukunft ähnliche Szenarien, nicht nur in ihrer Heimat, sondern weltweit. »In Europa ist die Mittelmeerregion sehr vulnerabel«, sagt sie, »und auch in Teilen Deutschlands herrscht seit drei Jahren eine Dürre und die hohen Temperaturen brechen Rekorde.«
Uruguay hat, wie viele Länder in der Region, den Schutz natürlicher Ressourcen wie Wasser preisgegeben, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Die exzessive Nutzung durch Industrien wurde erlaubt, etwa durch die Ansiedlung ausländischer Papierfabriken. Auch die Produktion von Rindfleisch und der Anbau von Eukalyptus, Soja und Reis verbrauchen enorme Mengen an Wasser. Zuletzt habe laut der Forscherin eine Gesetzesänderung sogar dazu geführt, dass landwirtschaftliche Betriebe darin gefördert werden, eigene Stauseen für die Bewässerung anzulegen.
Meerhoff hält das für fatal. »Was passiert, wenn wir die natürlichen Wasserkreisläufe stoppen? Wenn wir bewegtes Wasser durch Staudämme anhalten? Wir schwächen es, seine Fähigkeit, sich zu regenerieren.« Das stehende Wasser werde quasi überfüttert. »All die Nährstoffe, die durch Düngemittel, die Ablösung von Sedimenten aus dem Boden oder auch durch Überschwemmungen in das Wasser gelangen, sind wie eine Art Buffet für bestimmte Organismen im Wasser, an dem sich das Wasser überfrisst.« Irgendwann sei dessen »Immunsystem« überfordert, es werde sozusagen krank, was man Eutrophierung nennt.
In der Vergangenheit sei es bereits zu mehreren Wasserkrisen in Uruguay gekommen, ausgelöst durch die Verseuchung mit Cyanobakterien. »Wärmeres, stehendes Wasser mit zu vielen Nährstoffen – das sind die perfekten Bedingungen für die Vermehrung solcher Organismen, die toxische Stoffe produzieren.« Und man solle sich keine Illusionen machen: Keine Aufbereitungsanlage der Welt könne alle Schadstoffe und Gifte aus Wasser entfernen. Meerhoff hofft nun, dass die schwere Krise wie ein Warnschuss wirkt, nicht nur für Uruguay, sondern für die ganze Welt.
Die uruguayische Regierung setzt unterdessen auf ökonomische Maßnahmen: Sie hat die Steuer auf Wasser in Flaschen gesenkt. Schwangere und andere Risikogruppen erhalten Zuschüsse für den Kauf von zwei Litern pro Tag und Person.Nur sechs Prozent der Bevölkerung von Montevideo trinken laut einer Umfrage noch Wasser aus dem Hahn – obwohl die Regierung stur behauptet, das Wasser sei sicher. Auf Anfrage verweist ein Sprecher des Präsidenten auf Aussagen der Gesundheitsministerin vor dem Parlament: »Auf dem Niveau, auf dem wir uns heute befinden, ist das Wasser trinkbar, aber es gibt einige Menschen mit bestimmten Geschmäckern, die es nicht mögen oder nicht trinken wollen.« Die Definition von trinkbarem Wasser sei teilweise subjektiv und hänge von jedem Einzelnen ab. Sie selbst trinke das Wasser.
Die sechs Prozent, witzelt man in der Stadt, müssten wohl die Politiker sein.
Die Stadtverwaltung hat in öffentlichen Parks Löcher bohren lassen, um etwa Krankenhäuser mit Grundwasser zu versorgen. Der Müll durch Plastikflaschen sei um das Fünffache angestiegen, erklärt Ignacio Lorenzo Arana, Direktor für Müll- und Umweltmanagement, der seit Neuestem auch für die Kommunikation in Sachen Wasser zuständig ist. Ob er Wasser aus dem Hahn trinkt? Er windet sich ein wenig, schwierige Frage, dann gibt er zu: nur zum Duschen.
Elena Saravia, 47, hat diese Wahl nicht. »Wasserflaschen? Wer soll das bezahlen?«, fragt sie. Die rundliche Frau wohnt am Rande von Montevideo in einem Slum namens Nuevo Comienzo, was so viel wie Neubeginn heißt, zweimal die Woche geht sie putzen.
Sie steht an einem Vormittag im Juli in ihrer kleinen Hütte, zusammengeschustert aus Holzbalken und Wellblech, kocht einen Linseneintopf mit Gemüse. Das Wasser, erzählt sie, habe einen »furchtbaren Geschmack«. Beim ersten Mal habe sie es direkt wieder ausgespuckt. Inzwischen trinkt sie es nur noch in Form von Tee oder Kaffee mit viel Zucker. Manchmal, sagt sie, werde ihr schlecht. Ihre Nachbarin sagt: »Vom Trinken bekommt man mehr Durst.«
Saravia leidet unter Bluthochdruck, gehört also eigentlich zur Risikogruppe, die nicht aus dem Hahn trinken soll. Doch der Arzt habe ihr gesagt, ihre Krankheit sei nicht chronisch, daher komme sie für das staatliche Zuschussprogramm nicht infrage. Saravia zuckt die Achseln: »Wenn ich morgen sterben soll, dann sterbe ich, aus diesem Grund oder einem anderen.«
Kürzlich rügten gar unabhängige Experten der Vereinten Nationen die Regierung: Ein Gremium forderte, das Land müsse »den menschlichen Konsum« von Trinkwasser priorisieren. Der Verbrauch der Bevölkerung mache gerade mal fünf Prozent der gesamten Versorgung aus – es sei nicht akzeptabel, diesen nicht an erste Stelle zu setzen.
Das Spiel der politischen Schuldzuweisungen hat längst begonnen. Die linksregierte Stadt schiebt die Krise auf die konservative Nationalregierung. Doch in 15 Jahren an der Macht haben auch die Progressiven die Ausbeutung von Wasser ermöglicht und keine sichere Infrastruktur entwickelt. Uruguays legendärer Ex-Präsident José Mujica gab kürzlich zu: »Wir haben alle geschlafen.«
Der international renommierte Umweltwissenschaftler Eduardo Gudynas sieht das genauso: »Regierung wie Opposition sind unfähig, in ökologischen Zusammenhängen zu denken«, moniert er. Die Krise sei nicht zuletzt eine Frage der politischen und gesellschaftlichen Mentalität, die sich ändern müsse. Gudynas, 63, gestreifter Wollpulli, sitzt im Außenbereich der Cafeteria einer Bibliothek im Viertel Cordón. Bestellen will er nichts.
»Was wir erleben, ist ein einmaliges Experiment. Es ist das erste Mal, dass einer Stadt das Trinkwasser ausgegangen ist und es durch salziges Wasser ersetzt wurde«, sagt er. Anders als etwa bei der Wasserkrise im südafrikanischen Kapstadt adressiere man die Frage des Konsums erst gar nicht. Eine Rationierung von Wasser sei nicht versucht worden. Stattdessen zwinge man die Leute, Wasser im Supermarkt zu kaufen.
»De facto findet damit eine Privatisierung von Trinkwasser statt«, erklärt er. Diese passiere auf eine neue Art – ohne dass man die Infrastruktur dafür privatisieren müsste. Stattdessen werde einfach das Wasser selbst auf den Markt transferiert. Die natürliche Ressource würde somit vom Gemeinschaftsgut zur Ware. Gudynas betrachtet das als verfassungswidrig, schließlich sei der uruguayische Staat zur Versorgung der Menschen mit Trinkwasser verpflichtet.
Solcherlei Vorwürfe hätten »keinerlei Bezug zur Realität«, wie ein Sprecher des Präsidenten dem SPIEGEL mitteilt. Das nach Montevideo und in die Metropolregion gelieferte Wasser sei trinkbar.
Tatsächlich verheißen aber auch die jüngsten Pläne seiner Regierung nichts Gutes: Eine neue Trinkwasseraufbereitungsanlage am Rio de la Plata soll gebaut werden, um die Stadt zu versorgen – in einer Region, in der es in dem Fluss immer wieder Probleme mit zu salzigem Wasser gebe, wie Experten warnen. Eine Entsalzungsanlage sei bisher nicht geplant.
Salziges Wasser in den Leitungen führe zu mehr Ungleichheit, erklärt Gudynas. Das Vertrauen schwinde, wer könne, kaufe Flaschen. Und so wiederum sinke der Druck, allen qualitativ hochwertiges, sauberes Wasser zur Verfügung zu stellen. Er glaubt: »Wenn das hier passieren kann, dann überall.«

