Nachrichten in der Welt


Nachrichten der Welt

Klimakrise in Afrika: Jetzt merkt ihr’s auch

July 14
23:24 2023

Plötzlich reden alle in Deutschland über den Klimawandel. »Dürre«, »Rekordtrockenheit«, »Unwetter«. Nicht mehr abstrakt sei er, dieser Klimawandel, sondern ganz konkret. Das merke man jetzt auch in Deutschland. Ich habe seit meiner Ankunft vor einer Woche viele solcher Diskussionen gehört und gelesen. Und das gelbe Gras gesehen, das einfach nicht mehr grün werden will. Oder nicht mehr bewässert werden darf, weil das Wasser knapp wird. Die Tage in Hessen haben mich ein wenig an Namibia erinnert, nur dass dort gerade Winter ist.

Ich lebe in Kenia und berichte von dort über den afrikanischen Kontinent. Das gelbe Gras kommt mir sehr bekannt vor. Ende 2021 war ich in Madagaskar, um über die Hungersnot zu schreiben, damals war der Tenor in vielen Medien: Der Hunger in Afrika ist wieder da. Dabei galt er zwischendurch als fast besiegt. Der Direktor des Welternährungsprogramms sprach von der »ersten klimabedingten Hungersnot«, auch wenn unter Experten umstritten war, ob es sich so monokausal herleiten ließ.

Nur ein paar Monate später folgten die nächsten Hungersnöte, in Somalia, Äthiopien, dem Norden Kenias. Kinder starben, Hunderttausende Menschen wurden vertrieben, viele werden wohl nie wieder zurückkehren können. Denn ihre Heimat ist inzwischen unbewohnbar, nichts wächst mehr, weil die Regenzeiten ausbleiben. Wer einmal zwischen Dutzenden übel riechenden Tierkadavern gestanden hat, bekommt eine ziemlich konkrete Idee von den Folgen der Klimakrise.

Das gelbe Gras sehe ich also schon länger. Selbst in Nairobi, der vergleichsweise grünen Stadt, herrschte Anfang des Jahres eine Trockenheit, wie sie auch Alteingesessene noch nicht erlebt hatten. In den Nationalparks starben die Tiere, die Safari wurde eher zur Leichenschau. Im Südsudan wiederum stand lange alles unter Wasser, eshörte einfach nicht mehr auf zu regnen, über Monate.

Oft habe ich mir gedacht: Wann merken es wohl auch die Leute in Europa? Wann begreifen sie, dass bereits Menschen sterben, alles verlieren, weil die Klimakrise längst real ist? Man hat einen anderen Blick auf die Dinge, wenn man sie aus erster Hand erlebt. Und in Afrika kann man die Klimakrise sehr unmittelbar verfolgen. Auch die Lebensmittelpreise steigen dort stärker als im Rest der Welt, unter anderem, weil vielerorts nichts mehr richtig angebaut werden kann.

Vor Kurzem war ich in Südafrika, habe dort junge Klimaaktivistinnen begleitet. Auch für sie ist die Klimakrise viel konkreter als für Greta Thunberg oder Luisa Neubauer, sie haben eine ganz andere Perspektive. Als 2018 nach einer lang anhaltenden Dürre langsam das Wasser in Kapstadt ausging, mussten die Mädchen zu weit entfernten Wasserstellen laufen. Es sei gefährlich gewesen, erzählten sie, auch sexuelle Gewalt habe zugenommen. Der Klimawandel kann viele Gesichter haben, wenn er auf Armut trifft.

Kurzum: Auf dem afrikanischen Kontinent, meiner Wahlheimat, ist man rund um die Uhr mit der Klimakrise konfrontiert. Viele Regionen haben sich bereits deutlich erwärmt, in mehreren Orten im Norden Kenias zum Beispiel ist das 1,5-Grad-Ziel längst überschritten. Auch die Häufigkeit von extremen Wetterereignissen hat in Subsahara-Afrika schneller zugenommen als im Globalen Norden, in den Jahren 2010 bis 2019 hat sich die Zahl der Dürren im Vergleich zu 1910 bis 1919 verdreifacht. Ein Drittel der weltweiten Dürren tritt mittlerweile in Afrika auf. Die Anzahl der Fluten hat sich gar verzehnfacht.

Während meines Besuchs in Europa denke ich zwar oft: Jetzt merkt ihr’s auch, jetzt ist der Klimawandel auch vor eurer Tür. Aber ich habe trotzdem den Eindruck, dass viele noch nicht die ganze Dimension begriffen haben.

Ich kann nur hoffen, dass dieses unmittelbare Erleben von gelbem Gras und knappem Wasser den Blick in den Globalen Süden schärft und nicht am Mittelmeer Halt macht. Denn in Europa trocknen Flüsse und Seen aus, aber in Afrika sterben bereits Tausende Menschen. Zuallererst Kinder, das musste ich in Somalia selbst mit ansehen.

Es hilft, wenn Jede und Jeder versteht, was im Globalen Süden bereits Realität ist. Auch, um zu begreifen, was Europa selbst droht. Vor allem aber muss der Globale Norden endlich seinen Versprechungen gerecht werden. Er muss die zugesagten Summen auszahlen, die afrikanische Länder für die Folgen der Klimakrise dringend benötigen. 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr wollten reichere Länder dem Globalen Süden zur Verfügung stellen, doch dieses Ziel wurde nie erreicht. Auch der Zugang zu neu geschaffenen Soforthilfefonds entpuppt sich in der Praxis oft als zu bürokratisch.

Vor allem deutsche Politiker reisen gerne nach Afrika und predigen bei den dortigen Regierungen eine grüne Energiewende. Dabei sind es die Industrieländer wie Deutschland, die für die Klimakrise maßgeblich verantwortlich sind. Sie sollten selbst schneller handeln, den CO₂-Ausstoß senken und afrikanische Länder nicht mit den Folgen der Klimakrise allein lassen.

Und wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, Ihrem Rasen hinterhertrauern, dann bedenken Sie bitte: Das ist erst der Anfang. Ich weiß, wovon ich spreche, leider.

Neueste Beiträge

19:07 Ökonom hat nachgerechnet: “Nur Bruchteil der Spritpreiserhöhungen lässt sich mit Ölpreis erklären”

0 comment Read Full Article