Moskau feuert Armeegeneral nach Kritik – Drohnen-Trümmer prasseln auf Kiew
Russlands Militärführung hat den Oberbefehlshaber der im Süden der Ukraine stationierten russischen 58. Armee, Iwan Popow, dessen Angaben zufolge entlassen. Popow wandte sich in einer am Mittwoch auf dem Telegram-Kanal des Duma-Abgeordneten Andrej Guruljow verbreiteten Sprachnachricht an die Soldaten und erklärte, er sei wegen seiner Kritik an der ineffizienten Kriegsführung seines Postens enthoben worden.
Popow, dessen Armee im südukrainischen Gebiet Saporischschja kämpfte, kommentierte seine Entlassung mit einer harten Entgegnung: »Die Soldaten der ukrainischen Streitkräfte konnten unsere Front nicht durchbrechen, aber von hinten hat uns der Oberbefehlshaber einen verräterischen Schlag versetzt, indem er die Armee im schwersten Moment der höchsten Anspannung enthauptet hat.«
Die Entlassung und Kritik Popows fügt sich in das Bild, das Militärexperten von der russischen Armee gut 16 Monate nach Beginn des von Kremlchef Wladimir Putin befohlenen Angriffskriegs gegen die Ukraine zeichnen. Demnach herrscht in großen Teilen der russischen Streitkräfte Unzufriedenheit mit der eigenen Militärführung und deren geschönten Lageberichten. Auch der am Ende missglückte Aufstand der lange für Moskau kämpfenden Privatarmee Wagner richtete sich explizit gegen Verteidigungsminister Sergej Schoigu, dem Söldnerchef Jewgeni Prigoschin Korruption und Unfähigkeit vorwarf.
Moskau nennt geplante Kampfjetlieferung an Kiew »atomare Bedrohung«
Russlands Außenminister Sergej Lawrow hat dem Westen vorgeworfen, mit der Lieferung moderner Kampfjets an die Ukraine eine atomare Bedrohung für Russland zu erzeugen. »Die USA und ihre Nato-Satelliten schaffen das Risiko einer direkten militärischen Auseinandersetzung mit Russland und das kann katastrophale Folgen haben«, sagte Lawrow im Interview mit dem russischen Internetportal lenta.ru. Russland könne nicht ignorieren, dass die F-16-Kampfjets, die der Westen an die Ukraine liefern wolle, potenziell Atomwaffen tragen können, so der russische Chefdiplomat.
»Allein den Fakt des Auftauchens solcher Systeme bei den ukrainischen Streitkräften werden wir als atomare Bedrohung vonseiten des Westens betrachten«, sagte Lawrow. Zugleich wies der Minister zurück, dass Russland einen Atomschlag in der Ukraine plane. Die Bedingungen für die Anwendung solcher Waffen seien hinlänglich bekannt, sagte Lawrow.
Russlands Atomdoktrin besagt, dass Moskau Atomwaffen nur als Antwort in zwei Fällen verwenden darf:
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bei einem atomaren Angriff auf Russland
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bei einem Angriff auf Russland mit konventionellen Waffen, der die Existenz des Landes selbst gefährdet
Mindestens ein Toter und Verletzte bei nächtlichen Angriffen auf Kiew
Bei einem nächtlichen Luftangriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew ist mindestens ein Mensch getötet worden. Bürgermeister Vitali Klitschko teilte am Donnerstag im Onlinedienst Telegram mit, nach »Explosionen in der Hauptstadt« hätten die Rettungsdienste auf Notrufe aus den Bezirken Solomjansky, Schewtschenkiwsky, Podilsky und Darnyzky reagiert. Im Bezirk Podilsky sei bei Löscharbeiten in einem Apartmenthaus eine Leiche gefunden worden.
Zwei Menschen seien im Bezirk Darnyzky durch »herabfallende Trümmer« verletzt worden, erklärte Serhij Popko, Leiter der Militärverwaltung von Kiew, auf Telegram. Klitschko zufolge wurden im Bezirk Darnyzky zwei Menschen in Krankenhäuser eingeliefert, nachdem herabfallende Trümmer ein Wohngebäude beschädigt hätten. Es war zunächst unklar, ob es sich um dieselben beiden Menschen handelte.
Kiew wurde damit die dritte Nacht in Folge angegriffen. Die ukrainische Luftwaffe warnte in einer Mitteilung vor anhaltender Gefahr durch russische Drohnenangriffe.
Biden: Ukraine braucht vor allem Artilleriegeschosse
Im Abwehrkampf der Ukraine gegen Russland kommt es nach den Worten von US-Präsident Joe Biden derzeit nicht prioritär auf Raketen größerer Reichweite von den USA an. Auf die Frage einer Reporterin, ob er darüber nachdenke, der Ukraine Raketen vom Typ ATACMS bereitzustellen, sagte Biden am Mittwoch: »Ja, aber sie haben jetzt das Äquivalent von ATACMS. Was wir vor allem brauchen, sind Artilleriegeschosse und die sind knapp. Wir arbeiten daran.« Biden äußerte sich am Flughafen der litauischen Hauptstadt Vilnius vor der Weiterreise nach Finnland.
Die Ukraine fordert seit längerem Raketen größerer Reichweite von den westlichen Verbündeten. Sie verfügt bereits über von Großbritannien gelieferte Marschflugkörper vom Typ »Storm Shadow«, die 550 Kilometer Reichweite haben. Das angegriffene Land bekam während dem Nato-Gipfel in Litauen auch von Frankreich die Zusage für Marschflugkörper.
Raketen vom Typ ATACMS werden vom Boden aus gegen Bodenziele abgefeuert und haben nach Angaben des Rüstungskonzerns Lockheed Martin eine Reichweite von bis zu 300 Kilometern. Damit könnten die Ukrainer russische Ziele hinter der Frontlinie angreifen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte vor wenigen Tagen in einem CNN-Interview noch gesagt, dass die Raketen der Ukraine helfen würden, in der Gegenoffensive zur Befreiung der von Russland besetzten Gebiete schneller voranzukommen.
Selenskyj zeigt sich nach Nato-Gipfel versöhnt
Die ukrainische Staatsführung hat nach zwischenzeitlicher Verärgerung über die ausgebliebene Einladung in die Nato ein positives Fazit des Bündnis-Gipfels in Vilnius gezogen. »Es gibt eine gute Verstärkung bei den Waffen. Das sind Flugabwehr, Raketen, gepanzerte Fahrzeuge und Artillerie«, sagte Präsident Selenskyj in seiner täglichen Videoansprache über die Lieferzusagen westlicher Partner. Zudem habe die Ukraine nun feste Sicherheitsgarantien und die klare Perspektive eines Nato-Beitritts erhalten.
Die Ukraine sei von ihren Unterstützern als Gleicher unter Gleichen behandelt worden, betonte Selenskyj nach der Abreise aus Vilnius in seiner im Zugabteil aufgenommenen Rede. Die Sicherheitsgarantien der G7-Gruppe westlicher Wirtschaftsmächte seien das Fundament für bilaterale Abkommen mit den stärksten Nationen.
Zugleich schien er demonstrativ dem Ratschlag des britischen Verteidigungsministers zu folgen, der von ihm weniger Kritik und mehr Dankbarkeit gegenüber westlichen Regierungen für deren Waffenhilfe gefordert hatte. So bedankte sich Selenskyj bei allen Nato-Ländern einzeln. Deutschland etwa lobte er für die Zusage von weiteren Luftabwehrsystemen, die in der Vergangenheit bereits Tausende Leben gerettet hätten.
Was am Donnerstag wichtig wird
Die Ukraine setzt die Großoffensive zur Befreiung ihrer Gebiete von der russischen Besatzung im Osten und im Süden des Landes fort. Russlands Truppen leisten weiter Widerstand entlang der befestigten Verteidigungslinien an der Front.

