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Dschenin: Was über Israels Angriff im Westjordanland bekannt ist

July 04
16:16 2023

Es ist der größte israelische Armeeeinsatz gegen palästinensische Militante im Westjordanland seit etwa 20 Jahren. Das Militär kämpft in der palästinensischen Stadt Dschenin nach eigenen Angaben gegen Terroristen. Im Zentrum der Offensive: ein Flüchtlingscamp. Mehrere Menschen sind tot. Was steckt hinter dem Angriff? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist passiert?

Die israelische Armee startete in der Nacht zu Montag ihren Angriff auf die palästinensische Stadt Dschenin. Das Ziel der Operation »Heim und Garten« sei »terroristische Infrastruktur«, hieß es. Die Armee nimmt mit einer Brigade von 1000 bis 2000 Soldaten auch ein Flüchtlingslager ins Visier, das sie als »Terroristenhochburg« bezeichnet.

Bei Luftangriffen und Gefechten am Boden seien mindestens neun Menschen getötet worden, teilte das palästinensische Gesundheitsministerium zwischenzeitlich mit. Das deckt sich mit Angaben des israelischen Militärs. In der Nacht auf Dienstag soll dem palästinensischen Gesundheitsministerium zufolge eine weitere Leiche gefunden worden sein. Etwa hundert weitere Palästinenser seien verletzt worden, zwanzig von ihnen lebensgefährlich. Ein bei dem Einsatz verletzter israelischer Soldat soll von einem Militärhubschrauber ausgeflogen worden sein. Die Offensive dauert noch immer an.

»Was sich im Flüchtlingslager abspielt, ist ein echter Krieg«, zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen Augenzeugen, den palästinensischen Krankenwagenfahrer Khaled Alahmad: »Es gab Angriffe aus der Luft auf das Lager. Jedes Mal, wenn wir hineinfahren, kommen etwa fünf bis sieben Krankenwagen und wir kommen voller Verletzter zurück.«

Die israelische Armee teilt mit, sie habe Waffen und Sprengstoff beschlagnahmt und mehrere Verdächtige festgenommen. Ein Sprecher sagte, man habe eine Waffenfabrik und ein Sprengstofflager sowie ein Gebäude, das als Kommandozentrum für die Dschenin-Brigade gedient habe, getroffen. Die Stadtverwaltung von Dschenin erklärte wiederum, gepanzerte israelische Bulldozer hätten die Straßen des Lagers umgepflügt und die Wasserversorgung der Stadt unterbrochen. Von diesem Einsatz gibt es auch Bilder.

Die Operation »steht kurz davor, die gesetzten Ziele zu erreichen«, sagte Tzachi Hanebi, Israels Nationaler Sicherheitsberater, dem Kan-Radio.

Warum greift Israel Dschenin an?

Die israelische Armee begründet den Angriff mit einem Einsatz gegen Terroristen. Die dicht besiedelte Stadt Dschenin und das zugehörige Flüchtlingslager gelten als Hochburg militanter Palästinenser. Die Angaben, wie viele Menschen in dem Lager leben, reichen von etwa 14.000 bis 17.000 Menschen.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sagte, Dschenin sei zu einem Rückzugsort für Terrorismus geworden. Ziel der israelischen Offensive sei es, all jene auszuschalten, »die unser Land vernichten wollen«. Die Militäroffensive werde so lange dauern wie nötig, »um die Mission zu erfüllen« – so wurde Netanyahu von israelischen Medien zitiert.

Ein Sprecher des israelischen Militärs sagte, Ziel sei es, den Palästinensern klarzumachen, dass das Flüchtlingslager kein sicherer Hafen für militante Kämpfer ist. Es sei zu »einem Hornissennest« geworden.

Die Palästinensische Autonomiebehörde von Präsident Mahmoud Abbas bezeichnete den Angriff des israelischen Militärs als »Kriegsverbrechen«. Abbas forderte »internationalen Schutz für sein Volk«.

  • Internationale Reaktionen zur israelischen Attacke lesen Sie hier.

Worum geht es überhaupt?

Israel hat das Westjordanland und Ost-Jerusalem während des Sechstagekrieges 1967 erobert. Die Palästinenser beanspruchen die Gebiete als Teil eines eigenen Staats. Eine Zweistaatenlösung für den seit Jahrzehnten währenden Nahostkonflikt scheint jedoch in weiter Ferne.

Die Sicherheitslage in Israel und in den palästinensischen Gebieten ist wegen des Konflikts seit Langem angespannt. Zuletzt nahm die Gewalt aber nochmals zu. Israels Armee versucht seit über einem Jahr, einer wachsenden Anzahl von bewaffneten Attacken durch Palästinenser im Westjordanland Herr zu werden.

Das vergangene Jahr war in Bezug auf palästinensische Tote im Westjordanland das blutigste seit der letzten Intifada . Seit Beginn des Jahres kamen mehr als zwei Dutzend Menschen bei Anschlägen von Palästinensern ums Leben. Im gleichen Zeitraum wurden mehr als 140 Palästinenser bei gewaltsamen Zusammenstößen, israelischen Militäreinsätzen oder nach eigenen Anschlägen getötet.

Menschenrechtsaktivisten und Journalisten haben in den vergangenen Monaten immer wieder dokumentiert, wie israelische Sonderkommandos bei der Verfolgung militanter Palästinenser in palästinensische Städte eingedrungen sind, manchmal in zivilen Fahrzeugen getarnt oder selbst als Palästinenser verkleidet. Bei Kämpfen im dicht besiedelten städtischen Gebiet zerstörten sie Wohngebiete und töteten immer wieder unbeteiligte Zivilisten . Es entsteht dabei wiederholt der Eindruck, dass die Soldaten Zivilisten bisweilen absichtlich angreifen – oder zivile Opfer ohne Rücksicht in Kauf nehmen.

Welche Gruppen sind an den aktuellen Kämpfen beteiligt?

Israels Soldaten lieferten sich am Montag offenbar vor allem Gefechte mit Kämpfern der militanten Dschenin-Brigade. Diese relativ junge Gruppe soll erst vor wenigen Jahren von einem Mitglied des Islamischen Dschihad im Flüchtlingslager in Dschenin gegründet worden sein.

Der Islamische Dschihad bezeichnete vier der Toten in Dschenin als seine Kämpfer. Die Gruppe ist eine der größten Organisationen, die sich dem Kampf gegen Israel verschrieben hat. Ihr bewaffneter Arm sind die Quds-Brigaden . Sie sind verantwortlich für zahllose Terroranschläge gegen israelische Militäreinrichtungen und Zivilisten. Der Islamische Dschihad hat sich das Ziel gesetzt, Israel zu zerstören und auf dem Gebiet einen islamischen Staat zu errichten.

Auch die Hamas ist offenbar an den Kämpfen beteiligt. Einer der Toten in Dschenin soll zur Hamas gehören. Sie zählt ebenfalls zu den größten militanten Palästinenserorganisationen. Sie strebt ebenfalls nach der Errichtung eines islamischen Staats. Im Jahr 2007 übernahm die Hamas die politische Kontrolle im Gazastreifen und stellt seitdem dort die Regierung. Sie verhält sich teils moderater als etwa der Islamische Dschihad.

Finanziert werden die verschiedenen Gruppierungen vor allem von Iran, einem Erzfeind Israels.

Der Führer der Hamas, Ismail Hanija, nannte den israelischen Einsatz »brutal«. Der Islamische Dschihad erklärte, dass »alle Optionen offen sind, um den Feind (Israel) als Antwort auf seine Aggression in Dschenin zu schlagen«.

Gibt es zivile Opfer?

Bislang ist nicht sicher, ob es verletzte oder tote Zivilisten in Dschenin gibt. Der Islamische Dschihad und die Hamas erklärten, fünf Tote gehörten zu ihren Kämpfern. Unklar ist, ob die weiteren fünf Todesopfer – Männer im Alter von 17 bis 23 Jahren – Kämpfer oder Zivilisten waren.

Palästinensische Medien meldeten am Montagabend, die israelische Armee habe angeordnet, dass Palästinenser das Flüchtlingslager in Dschenin verlassen sollten. Aufnahmen in den sozialen Medien sollen zeigen, dass viele Menschen aus ihren Häusern strömten. Israelischen Medienberichten zufolge bestritten israelische Sicherheitsbeamte hingegen, dass es einen solchen Befehl zur Evakuierung gegeben habe. Demnach flüchteten die Menschen zu Tausenden vor den Kämpfen.

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