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Bayerischer Verdienstorden für Angela Merkel: »Mit der CSU war es nie langweilig«

June 21
22:05 2023

Donnergrollen, pfeifender Wind, schwüle Hitze. Das Wetter kurz vor Beginn der Verleihung des Bayerischen Verdienstordens an Angela Merkel hätte passender nicht sein können.

Während die Ex-Kanzlerin von der CDU neben dem Möchtegern-Kanzlerkandidaten der CSU über den roten Teppich vor der Münchner Residenz schreitet, zieht das Sommergewitter auf. Schlechtes Klima – das herrschte zwischen Angela Merkel und den christsozialen Männern aus Bayern häufig.

Die Liste der Demütigungen, Erpressungsversuche oder harten Auseinandersetzungen ist lang: Kaum war Merkel CDU-Vorsitzende geworden, musste sie die Kanzlerkandidatur im Jahr 2002 dem damaligen CSU-Chef Edmund Stoiber überlassen.

Mit Horst Seehofer stritt sie sich erst über die Gesundheitsreform, später wegen der Flüchtlinge. Im Sommer 2018 stand gar die Fraktionsgemeinschaft aus CDU und CSU auf der Kippe, weil Merkel der Forderung nach einer sogenannten Obergrenze nicht nachgeben wollte. Unvergessen auch die nicht enden wollende flüchtlingspolitische Belehrung von Seehofer auf dem CSU-Parteitag 2015. Merkel musste 13 Minuten lang schweigend auf der Bühne neben dem damaligen CSU-Chef ausharren.

»Nerven wie Drahtseile«

Es liegt also nahe, auch die heutige Ordensverleihung als Form der Machtdemonstration zu deuten. Als Versuch, die Frau, die stets am längeren Hebel zu sitzen schien, per Umarmung und Vereinnahmung endlich auf bayerische Augenhöhe zu bekommen. Markus Söder war außerdem unter Zugzwang geraten: Höchste Orden an die Kanzlerin hatten vor ihm bereits Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Nordrhein-Westfalens CDU-Ministerpräsident Hendrik Wüst verliehen.

Dass es lohnender sein kann, sich im Glanz der Kanzlerin zu sonnen, statt sich an ihr abzuarbeiten, das weiß Markus Söder spätestens seit dem Juli 2020. Damals empfing er die Bundeskanzlerin mit allem Pomp auf Schloss Herrenchiemsee, Bootsfahrt und Kutsche inklusive.

Söder erwähnt den damaligen Termin in seiner Laudatio an diesem Mittwoch: Als Inhaberin des Bayerischen Verdienstordens dürfe Merkel nun kostenlos ins Museum gehen und über bayerische Seen schippern. »Vielleicht bietet sich wieder eine Fahrt auf dem Chiemsee an, da hatten wir ganz gute Erfahrungen«, sagt Söder.

Seine Rede ist launig. »Wenn man 16 Jahre Bundeskanzler ist, 5860 Tage, so hat man es mir aufgeschrieben, das allein überlebt und durchlebt zu haben, ist schon eine Leistung«, so Söder.

Er lobt Merkels »unendliche Geduld«, ihre »Nerven wie Drahtseile«, mit der sie Deutschland durch die Finanzkrise und die anschließende Eurokrise gesteuert habe sowie ihre Fähigkeit, Konflikte einfach »tot zu sitzen«. Er verteidigt Merkel auch gegen Vorwürfe, sie habe mit ihrer Einschätzung von Putins Russland falsch gelegen: Nach Fukushima habe damals das Augenmerk auf der Beschaffung von Gas gelegen.

Natürlich findet Eigenlob Platz in dieser Söder-Laudatio, etwa, als es um die gemeinsame Bewältigung der Coronapandemie geht: »Du und ich, wir müssen uns nicht entschuldigen, dass wir Leben gerettet haben.« Eine »prägende Zeit« sei das gewesen, auch für ihn selbst. »Damals war keiner da, um uns zu helfen, du schon.« Bayern sei von der Pandemie stark betroffen gewesen, erinnert sich Söder.

Eine Vorlage, die Merkel an keiner Stelle ihrer Dankesrede aufnimmt. Auf Söders rhetorische Umarmungsversuche scheint sie bestens vorbereitet zu sein – um mit Ausweichmanövern darauf zu reagieren. Das beginnt schon damit, dass die frisch ausgezeichnete Ordensträgerin ihre allerersten Worte nicht an den Mann vor ihr in der ersten Reihe, sondern an die Person auf der Bühne hinter ihr adressiert. »Danke für die schöne Musik«, sagt Merkel in Richtung der Frau an der Harfe.

Während Söder mehrmals von der »lieben Angela« spricht, lässt sich Merkel auf das Spiel mit den Vornamen nicht ein. »Es ist mir eine große Ehre und ja, vielleicht auch nicht in die Wiege gelegt gewesen, dass Sie oder dass du mir heute, lieber Markus Söder, den Bayerischen Verdienstorden in diesem feierlichen Rahmen verleihst«, so spricht die Altkanzlerin.

Das Bemühen um freundliche Distanz dringt aus vielen ihrer Sätze.

Ihre Rede ist überraschend historisierend gefärbt und deutlich kürzer als die von Söder. Merkel, so wirkt es, muss weit in die Geschichtsbücher zurückgehen, um ihre Verbundenheit mit Bayern zu demonstrieren. Als ehemalige Bürgerin der DDR sei sie dem Freistaat sehr dankbar, da seine Politiker immer für die Einheit Deutschlands gekämpft hätten. Es sei schade, dass Franz Josef Strauß den Fall der Mauer nicht mehr miterlebt habe. Sie hätte ihn gern kennengelernt, so Merkel.

In ihren 16 Jahren als Kanzlerin sei das Verhältnis zur CSU »nie spannungsfrei« gewesen.

Auf die Erwähnung von Beispielen verzichtet sie. Ihr lakonischer Humor blitzt kurz auf, als sie anmerkt: »Langweilig war es mit der CSU selten.«

Merkel ist klug genug, zu wissen, dass eine Ordensverleihung keine politische Paartherapiesitzung ist. Nur eine klitzekleine Stichelei kann sie sich offensichtlich nicht verkneifen, als sie kurz auf Schloss Herrenchiemsee eingeht. Sie habe schöne Erinnerungen an »das Treffen mit dem gesamten Kabinett, lieber Markus Söder«. Die mangelnde Teamfähigkeit des bayerischen Ministerpräsidenten, die einer der Gründe für das schlechte Abschneiden der Union bei der letzten Bundestagswahl gewesen sein dürfte, scheint Merkel nicht verborgen geblieben zu sein.

Als die Veranstaltung nach rund 40 Minuten zu Ende geht, scheint draußen wieder die Sonne.

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