»Titan«: Experten warnten schon 2018 vor Sicherheitsmängeln bei Tauchboot
Die Vermutungen haben sich bewahrheitet: Der fünfte Vermisste an Bord des verschollenen Tauchboots »Titan« im Atlantik ist der Chef der Betreiberfirma OceanGate Expeditions. Die Firma habe bestätigt, dass Stockton Rush das Boot zu einer touristischen Tauchfahrt Richtung »Titanic«-Wrack gesteuert habe, berichten etwa »New York Times« und der US-Sender NBC .
Die vier weiteren Vermissten waren bereits bekannt. In dem Tauchboot befinden sich auch der französische »Titanic«-Experte Paul-Henri Nargeolet sowie drei Briten: Unternehmer und Abenteurer Hamish Harding sowie der Unternehmensberater Shahzada Dawood und dessen Sohn Suleman.
Der Kontakt zu dem Boot war am Sonntag abgebrochen. Nach Angaben von OceanGate reicht der Sauerstoff an Bord in einem Notfall für 96 Stunden. Mittlerweile wäre folglich nur noch Sauerstoff für etwas mehr als 30 Stunden übrig.
Kaum Hoffnung
Jannicke Mikkelsen, eine Freundin von Hamish Harding, sagte, während der Suchaktion fühle sich jede einzelne Minute für sie wie Stunden an. Sie habe nicht schlafen können. »Ich hätte nicht gedacht, dass diese Art von Expedition so gefährlich sein würde, wie sie sich herausgestellt hat«, sagte Mikkelsen: »Als Entdecker sind wir pessimistisch und objektiv. Und so wie es im Moment aussieht, wäre es ein Wunder, wenn sie lebend geborgen werden.«
Zahlreiche Rettungskräfte sind an der Suche nach dem Tauchboot beteiligt. Flugzeuge sowie Schiffe der Küstenwache und der US-Marine sowie Ressourcen des kanadischen Militärs sind im Einsatz. Sie suchen eine Fläche von rund 20.000 Quadratkilometern ab. Frankreich will ein Spezialschiff samt Tauchroboter in die Region schicken. »Es handelt sich um eine komplexe Suchaktion, die mehrere Behörden mit Fachwissen und Spezialausrüstung erfordert«, sagte der Koordinator der US-Küstenwache für die Operation, Jamie Frederick, in Boston.
Navy bringt Bergungssystem
Die US-Marine plant nun den Einsatz eines Geräts zur Bergung des U-Boots. Wie eine Sprecherin zur Nachrichtenagentur dpa sagte, soll das Tiefsee-Bergungssystem mit dem Kürzel »Fadoss« in der Nacht zum Mittwoch (Ortszeit) in der kanadischen Stadt St. Johns in Neufundland ankommen. Wann das Gerät das Suchgebiet Hunderte Kilometer weiter südlich erreichen könnte, ist unklar.
Die U.S. Navy beschreibt »Fadoss« als Schiffshebesystem. Es biete eine zuverlässige Tiefsee-Hebekapazität von bis zu 27 Tonnen für die Bergung schwerer versunkener Objekte. Winde und Seil des Geräts gebe es dabei in verschiedenen Größen je nach Art und Gewicht des zu hebenden Objekts. »Fadoss« könnte aber natürlich erst dann zum Einsatz kommen, wenn das Tauchboot gefunden wurde.
OceanGate hat derweil versprochen, alle Anstrengungen zur Rettung der fünf Vermissten zu unternehmen. »Unser gesamter Fokus liegt auf dem Wohlergehen der Besatzung und es werden alle möglichen Schritte unternommen, um die fünf Besatzungsmitglieder sicher zurückzubringen«, heißt es in einer Stellungnahme: »Wir sind zutiefst dankbar für die dringende und umfassende Unterstützung, die wir von mehreren Regierungsbehörden und Tiefseeunternehmen erhalten, während wir versuchen, den Kontakt mit dem Tauchboot wiederherzustellen.«
Sicherheitsbedenken bei Experten
Derweil berichtet die »New York Times« über frühere Sicherheitsbedenken. Führungskräfte der Tauchboot-Industrie hätten schon vor Jahren Sorgen bezüglich der Sicherheit der »Titan« geäußert. »Wir befürchten, dass der aktuelle experimentelle Ansatz von OceanGate zu negativen Ergebnissen führen könnte (von geringfügig bis katastrophal)«, schrieben sie demnach in einem auf 2018 datierten Brief .
Bedenken habe es aber auch innerhalb des Unternehmens gegeben. David Lochridge, Direktor für den Schiffsbetrieb bei OceanGate, habe etwa in einem Bericht kritisiert, dass das Boot mehr Tests benötige. Er betonte laut »New York Times« die potenziellen Gefahren für die Passagiere, wenn das Tauchboot extreme Tiefen erreiche. Das geht der Zeitung zufolge aus Gerichtsdokumenten hervor.
Auch der Privatier Arthur Loibl, 2021 selbst als Tourist an Bord der »Titan«, berichtete dem SPIEGEL von technischen Problemen. Es habe Probleme mit den Batterien gegeben. Und beim Ablassen vom Mutterschiff hätten sich die Ausgleichsgewichte gelöst. »Im Rückblick war das schon ein Himmelfahrtskommando«, sagte Loibl im Interview.

