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Bali in Indonesien: Ärger über russische Gäste auf Bali

June 15
13:06 2023

Einer hat sich auf dem heiligen Berg Agung die Hosen runtergezogen und das Foto bei Instagram hochgeladen.

Zwei hatten Sex vor dem Tempel.

Eine posierte nackt vor einem 700 Jahre alten sakralen Baum.

Bali, 4,4 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner, überwiegend hinduistisch, hat die Touristen im vergangenen Jahr mit offenen Armen zurück auf der Insel empfangen. Endlich wieder Einnahmen, endlich wieder Jobs, nachgut zweiCoronajahren, in denen viele in der Bevölkerung, die hauptsächlich vom Tourismus abhängig ist, große finanzielle Krisen erlitten hatten. Sechs Millionen Urlauber aus dem Ausland waren im Jahr 2019 eingereist, danach erst mal fast niemand mehr.

2022 kamen die Reisenden zurück. Und mit ihnen die Probleme: schwere Rollerunfälle; unethisches Verhalten vor heiligen Stätten; Vandalismus an öffentlichen Gebäuden. Es benehmen sich Leute von überallher schlecht – Deutsche, Australier, Briten, Amerikanerinnen. Und bereits vor der Pandemie hatte Bali immer wieder Probleme mit Besuchern, die sich unangemessen aufgeführt haben.

Und doch, sagen viele auf der Insel, sei die Lage inzwischen unerträglich. Die Beschwerden von Inselbewohnern nehmen zu, die die Fehltritte ihrer Gäste nicht mehr hinnehmen wollen. Im Fokus der Kritik stehen Besucherinnen und Besucher aus Russland – inzwischen eine der größten auf der Insel lebenden Ausländergruppen.

Aus Russland und der Ukraine sind seit dem vergangenen Jahr, seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine, viele nach Bali gekommen. Die einen, um Beschuss und Unsicherheit zu entfliehen, die anderen der Einberufung ins Militär. In Indonesien sind beide Länder Visa-on-Arrival-berechtigt, erhalten also bei der Einreise ein Touristenvisum. Mehr als 50.000 Russinnen und Russen reisten 2022 ein, in den ersten Monaten 2023 mehr als 20.000.

Der Vorwurf, den die indonesischen Behörden vielen von ihnen nun machen, lautet: illegales Arbeiten ohne Arbeitserlaubnis, Verstoß gegen Einwanderungsbestimmungen, Vermeidung von Steuerzahlungen. Was die lokale Bevölkerung bei ihren Gästen vor allem vermisst, ist: Respekt.

Im März drohte Wayan Koster, Balis Gouverneur, gar, das Visa-on-Arrival-Programm auszusetzen. In einem Instagram-Post teilte er mit, er nenne allen voran die Probleme mit Ukrainern und Russen, weil deren Verstöße »am signifikantesten« seien. Silmy Karim, der indonesische Direktor für Immigration, wies das zurück. Das löse das Problem nicht .

Einheimische teilen in den sozialen Medien Videos von Urlaubern, die halb nackt auf Scootern sitzen oder ohne Helm, oder die, wie eine schreibt, »unsere Kultur missachten«. Wo man auch hingeht, zum Beispiel in der Touristenstadt Canggu im Süden der Insel, haben Balinesen und Balinesinnen etwas zu der Debatte zu sagen.

Eine Verkäuferin erzählt: »Die Mieten sind inzwischen so teuer geworden, dass wir Einheimischen sie uns nicht mehr leisten können. Viele Russen bleiben über Monate auf der Insel, sie verderben die Wohnpreise.«

Ein Taxifahrer sagt: »Wenn die Leute bei uns auf der Insel Shops aufmachen und Geld verdienen, dann will ich, dass sie auch Steuern bezahlen, so wie wir.«

Eine Kellnerin sagt: »Viele missachten sogar Befehle der Polizei.«

Gede Sucita hat einen Verleih für Motorroller in Kerobokan. Bali ist seine Heimat. Er erzählt, an einem Nachmittag Ende Mai, dass die Leute aus Russland auf Bali unter sich blieben, »in ihrer eigenen Blase«. Das sei aber gar nicht das Problem. Das Problem sei, dass auch die Geldströme in der Community blieben, und die Einheimischen nichts davon hätten, dass diese Gäste auf ihrer Insel seien. Er erzählt von Surflehrern ohne Lizenz, Sightseeing-Tourguides ohne Lizenz, Villen, die unter der Hand vermietet werden. Und von der Sache mit den Motorrollern:

»Sie gründen illegal ihre eigenen Mopedverleihe, kaufen fünf oder zehn Roller. Und die vermieten sie dann unter der Hand über Telegram-Kanäle«, erzählt Gede Sucita. Lokale Unternehmen könnten bei den Preisen nicht mithalten. Viele müssten noch Schulden aus den Coronajahren abbezahlen. »Ich habe halb so viel Kundschaft wie vorher«, sagt Gede Sucita. »Wir Balinesen gehen pleite.«

Ni Luh Djelantik ist eine, die den Ärger der balinesischen Bevölkerung wie ein Sprachrohr nach außen trägt. Sie hat ein Schuhgeschäft auf der Insel, und sie hat knapp 600.000 Follower bei Instagram .

»Bali ist unsere Heimat. Wir werden den Rest unseres Lebens hier verbringen. Ich will auf diese Heimat aufpassen«, sagt sie. Und dass sie zu den Einheimischen auch die Leute aus anderen Ländern zähle, die seit vielen Jahren auf der Insel leben, die hier Familien gründen, ihre Kinder zur Schule schicken, Berufe haben. Vor einigen Wochen hatte Djelantik das Video eben jenes jungen Russen geteilt, der mit bloßem Hinterteil auf dem heiligen Berg Agung stand. Sie verurteilte es: »Du kannst nicht einfach deine Geschlechtsteile in unseren Tempeln auspacken und unsere heiligen Bäume raufklettern«. Der Mann kam später zu ihr, um sich zu entschuldigen.

Viele Balinesinnen und Balinesen gewährten russischen Gästen anfangs Zahlungsaufschub und Kredite beim Mieten von Rollern und Wohnungen, weil sie seit dem Krieg vom internationalen Zahlungsverkehr abgeschnitten sind. Ni Luh Djelantik erzählt, die Einheimischen hätten sich so nach Gästen gesehnt, dass alle – Bewohner und Behörden – zu lange weggeschaut hätten, wenn Regeln gebrochen wurden. Jetzt hätten sich die illegalen Strukturen etabliert.

Etwas, das über den Nachbarschaftsstreitigkeiten fast untergeht, ist, dass dort auf Bali, auf engstem Raum, am anderen Ende der Welt, gerade Menschen Tür an Tür leben, deren Länder im Krieg sind.Wie geht das?

Grishanti Holon verließ Russland im Dezember 2021. Als sich die militärische Situation rund um die Ukraine zuspitzte, konnte er es, so erzählt er, in seiner Heimat nicht mehr aushalten. »Ich wollte diese russische Aggression nicht mehr unterstützen«, sagt er. Holon ist Digitalkünstler. Mithilfe von künstlicher Intelligenz kreiert er Kunstwerke, die balinesische und russische Elemente vereinen. Er fand eine neue Heimat auf Bali. Rund um die Stadt Ubud veranstaltet er Events für Kreative. Er ist einer von denen, die versuchen, Landsleuten die balinesische Kultur näherzubringen.

»Es stimmt schon. Einige Russen führen sich hier auf, sie denken, sie können sich alles leisten«, so Holon. Das sei beschämend. »Aber nicht alle Russen hier sind so, okay?« Die russische Community auf der Insel bestehe aus zwei Gruppen. Die einen lebten in einem Paralleluniversum, völlig entkoppelt vom Rest der Insel, in russischen Resorts, Cafés, Beachclubs. »Sie entfliehen den vielen Restriktionen des russischen Alltags und denken: Auf Bali ist alles frei, easy, unbeschwert. Sie schlagen dann hier über die Stränge.« Holon und seine Künstlerfreunde andererseits versuchen, eine gute Nachbarschaft zu den Balinesen aufzubauen. Holon pflegt auch einen guten Kontakt zu vielen Ukrainern auf der Insel.

Wie zum Beispiel zu Svitlana Andreyeva, 32 Jahre, die im Februar 2022, kurz bevor der Krieg begann, zurück in ihr Heimatland ziehen wollte. Sie war zuvor in Litauen gewesen. Ihr Ehemann und sie hatten alles vorbereitet: das Haus dort verkauft, die Koffer gepackt, die Tickets gebucht. Dann kam der 24. Februar 2022, und der russische Angriffskrieg begann. Svitlana Andreyeva kehrte nicht nach Hause zurück. Sie flog nach Bali. Aus der Ferne koordinierte sie anfangs Medikamentenlieferungen in die Heimat. Es erreichtensie Nachrichten, mit denen sie schwer umgehen kann. Dass Bekannte getötet wurden, oder verletzt.

Andreyeva sagt, Bali helfe ihr, sich abzugrenzen. Eine balinesische Gastfamilie hat sie aufgenommen. Ihr Mann ist in Litauen geblieben. Auf Bali, sagt sie, lerne sie viel von der Kultur, den Zeremonien und Bräuchen. »Nichts in diesem Leben ist von Dauer, das verstehe ich, seitdem ich hier bin, seitdem ich Abstand habe«, sagt sie. Auch sie setzt sich dafür ein, dass sich mehr Langzeittouristen auf der Insel mit den lokalen Traditionen beschäftigen.

Ni Luh Djelantik, die Frau, die in den sozialen Medien Wirbel macht gegen das, was schiefläuft, sagt, dass sie jeden, der auf Bali ein neues Leben beginnen möchte, von ganzem Herzen unterstütze. »Wir möchten auch gerade Menschen aus Russland und der Ukraine eine Heimat geben, weil sie zu Hause nicht mehr sein können.« Dafür müssten sie aber die Regeln einhalten, die auf Bali gelten.

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