US-Demokraten im Internet: Das Krümelmonster vorm Kamin
Icon: vergrößernMichelle Beebe aus El Paso, Texas, beim virtuellen Parteitag der US-Demokraten: Fühlen Sie sich ganz wie zu Hause!
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Democratic National Convention / AP
Der Kittel von Michelle beispielsweise.
Michelle steht in ihrem Wohnzimmer irgendwo in Texas. Kalter Kamin, Tinnef vor Einbauschränken, ein paar Bücher, zerhocktes Sofa, geschlossene Fensterläden. Der übliche Look in diesen sonderbaren Zeiten, wenn ständig irgendwer aus seinem Zuhause in die weite Welt zugeschaltet ist.
Aus ihrem eleganten Studio heraus erkundigt sich die ebenso elegante Moderatorin (TV-Star Eva Longoria), wie’s denn so läuft. Denn Michelle Beebe ist nicht nur "Mutter", sie ist auch "Schulkrankenschwester" – erkennbar am Stethoskop, das Michelle an ihrem Kittel befestigt hat. Und während sie über Schulöffnungen und Covid-19 und ihre Angst spricht, redet ihre bemerkenswerte Kleidung munter ein bizarres Wörtchen mit: Sie zeigt gelbe Sterne auf blauem Grund, leckere Kekse, das Krümelmonster aus der Sesamstraße und den Spruch "Late Night Munchies", Mitternachts-Fressattacke.
Die winzige Szene, keine Minute nach Beginn des zweieinhalbstündigen Programms am Montag, dem ersten von vier aufeinander folgenden Tagen dieser "DNC"-Show, zeigt, warum der ausgerechnet dieser wegen der Corona-Schutzmaßnahmen umständliche und virtuell im Internet abgehaltene Nominierungskongress der US-Demokraten ein so verblüffender Erfolg ist. Niemand, der im ursprünglich gebuchten Kongresszentrum von Milwaukee auf die Bühne getreten wäre, hätte das in einem solchen Witz von Kittelkleid getan. In den eigenen vier Wänden aber geht das.
Schau, so sieht’s bei den Leuten zu Hause aus
Aber auf genau diese eigenen vier Wände zielt ja die ganze Veranstaltung. Und trifft einen Nerv: Schau, so sieht’s bei den Leuten zu Hause aus. In Amerika.
Da hat etwas zutiefst Demokratisches. Und Unterhaltsames. Den Nachteil, pandemiebedingt kein gigantisches, pompöses Treffen abhalten zu können, haben die Macher in einen Vorteil verwandelt.
Ein Parteitag soll nach innen Geschlossenheit und nach außen Entschlossenheit demonstrieren. Und so öffentlich wie diese im Internet übertragene und von den großen US-Sendern teilweise übernommene Show war noch kein Kongress bisher. Hinzu kommt die demonstrative soziale Zärtlichkeit, von einem physischen Treffen – und sei es auch nur im kleinen Rahmen – abzusehen.
Die Idee, "das Internet" könne uns alle stattdessen als eine große Gemeinschaft abbilden, haben die Demokraten beim Wort genommen. Mit einer Mischung aus Dauerwahlwerbung, Zeitgeschichtsstunde und Infomercial ist es ihnen offenbar gelungen, selbst den amtierenden Präsidenten Donald Trump zu fesseln. Der Mann, der das Netz normalerweise nach Belieben mit Erregungen bei Laune hält, hielt sich bisher auffällig zurück auf seinem Lieblingsmedium Twitter.
In hoher Taktzahl gibt es einfach nur Menschen zu sehen: Der Bruder des von Polizisten getöteten Afroamerikaners George Floyd und die greise Bürgerrechtsaktivistin, den Stahlarbeiter und den Farmer aus dem "rust belt", die Intellektuelle von der Ostküste und die Streetworkerin von der Westküste. Dazwischen Senatoren, Abgeordnete, Bürgermeisterinnen, Gouverneure und Ex-Präsidenten mit kurzen Grußworten, Jimmy Carter, seine Ehefrau Rosalynn, Bill Clinton und Michelle Obama.
Anders als in einer Veranstaltungshalle, wo entsprechende Filmchen ebenfalls schon lange auf Leinwänden gezeigt werden, sind hier auch die Reden perfekt bis rührend inszeniert; ein Gouverneur steht buchstäblich an einem Scheideweg. Bernie Sanders, der unterlegene Kandidat, spricht vor gestapeltem Holz in seiner Hütte.
Verantwortlich für das Spektakel ist der vielfache "Emmy"-Gewinner Ricky Kirshner, der schon mehrere Tony-Awards und die berühmte Halbzeitshow des Super Bowl produziert hat. Kirshner weiß, wie so was geht. Und auch, wann es langweilig wird.
Dann kommt, in stimmungsvollen Montagen, heroische Musik ins Spiel, am ersten Abend vor allem "The Rising" von Bruce Springsteen (der mit seiner Frau auch für einen Sekundenbruchteil im Bild ist), einer Hymne für genau die Sorte von Arbeiter, die 2016 zu Donald Trump übergelaufen war. Soul, Hip-Hop und Billie Eilish für die jungen Neuwähler werden folgen.
Es gibt Geschichten und Gesichter zu Covid-19, zur Wasserknappheit, zum Niedergang der Stahlindustrie. Immer unterlegt mit wahlweise besinnlicher Klavier- oder aufrüttelnder Volksmusik ("The Star-Spangled Banner", gesungen von Kindern aus jedem Bundesstaat, was am Ende ein aus Mosaiken gebildetes Sternenbanner der USA ergibt).
Das ist bisweilen so perfekt, dass man sich über jede Rede freut, die unfreiwillig im digitalen Störungsrauschen endet – und über jede Einstellung, in der auf einmal gar nichts mehr zu hören ist.
Höhepunkt des Dienstagabends ist die eigentliche Abstimmung zur Nominierung des Präsidentschaftskandidaten. In schneller Frequenz zugeschaltet werden Delegierte aus allen Bundesstaaten. Wie sie ihre Stimmen vergeben – Respektstimmen für Bernie Sanders, die Mehrheit stets für Joe Biden. Das erinnert frappierend an die Punktvergabe beim Eurovision Song Contest.
Mit jeder Schalte wächst auch der Verdacht auf Gleichschaltung
Amerikaner jeden Geschlechts, jeder Sexualität, jeder Herkunft, jedes Alters, jeder Hautfarbe und jeder sozialen Herkunft stehen dann an einer Bucht in Samoa, im Regen auf Guam oder in Hawaii in der Sonne. In der Wüste von Arizona. In einem Industriegebiet in Arkansas. An einem Strand in Kalifornien. In einem Maisfeld in Iowa. Bei einem Gebrauchtwagenhändler in Michigan. Zwischen Rindern in Montana (mit Wind im ungeschützten Mikrofon). In einem Pueblo in New Mexiko. Am Hafen in Puerto Rico (Spanisch, untertitelt). Mit einer Schüssel voll Calamares an der Küste von Rhode Island. Vor Westernkulisse in Colorado, einer Feuerwehrwache in Connecticut oder, wie bei den Auslandsdemokraten ("Democrats Abroad"), vor einer mittelalterlichen Brücke über einem europäischen Fluss.
So entsteht auch ohne Masse der Eindruck von Masse, überdies mit Lokalkolorit – und einem für Amerikaner gewiss erhebenden Gefühl, dass dieses Amerika doch sehr groß und auch landschaftlich recht divers ist. Mit jeder Schalte aber wächst zugleich auch der Verdacht auf Gleichschaltung. Ohne Zuschauermengen im Saal gibt es auch keinen unmittelbaren Widerspruch, kein "Buh!" und kein Gejohle – etwa bei der jungen, linken New Yorker Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die als einzige Sprecherin nicht Joe Biden unterstützt, sondern den unterlegenen Rivalen Sanders.
Im Moment seiner Nominierung wirkt Biden dann in seinem Wahlkampf-Partykeller wie ein Opa, der für einen Moment vergessen hat, dass heute sein Geburtstag ist. Blechern erschallt "Celebration" von Kool & The Gang, und plötzlich bricht die gratulierende Verwandtschaft mit Luftballons und Luftschlangen und Gesichtsmasken in seine Einsamkeit hinein. Das wirkt zwar sehr piefig, aber auch wieder nett.
Immerhin trug Biden keinen Krümelmonsterkittel.
Icon: Der Spiegel

