Blei: Warum das Schwermetall so gefährlich für Kinder ist
Icon: vergrößernEin Junge in Bangladesch verbrennt Müll: Armut ist einer der Hauptfaktoren, die weltweit zu Bleivergiftungen von Kindern führen
Foto:
Shehzad Noorani/ UNICEF
Lernstörungen, Organschäden und im schlimmsten Fall der Tod: Für Kinder kann der Kontakt mit Blei zu vielfältigen psychischen und körperlichen Schäden führen. Einer neuen Unicef-Studie zufolge leidet rund jedes dritte Kind weltweit an einer Bleivergiftung, "in massivem und bisher nicht erkanntem Ausmaß".
Vor allem Minderjährige in armen Nationen sind dem hochgiftigen Schwermetall ausgesetzt. "Für Kinder unter fünf Jahren besteht das größte Risiko, lebenslange Schäden zu erleiden oder durch eine Bleivergiftung zu sterben", so der Studienautor Nicholas Rees. 800 Millionen Kinder haben laut seiner Untersuchung einen Blutbleigehalt von mindestens fünf Mikrogramm pro Deziliter. Eine solche Menge kann einen kleinen Körper extrem schwächen.
Blei ist ein starkes Neurotoxin, das selbst in geringen Mengen irreversibel das Gehirn und das Nervensystem von Kindern sowie ihr Herz, ihre Lunge und ihre Nieren schädigt. Es kann zu verminderter Intelligenz und Lernproblemen führen.
"Das beeinflusst ganze Gesellschaften", so Rees. "Wenn ein Kind zum Beispiel nicht lernen kann, weil es an einer Bleivergiftung leidet, wird es keinen guten Schulabschluss machen und in seinem späteren Leben vermutlich weniger verdienen. So setzt sich der Armutskreislauf fort." Insbesondere gelte das für Länder, in denen Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten ohnehin schon gering seien und Kinder bereits in jungen Jahren mit ihrer Arbeit zum Lebensunterhalt der Familie beitragen müssten.
SPIEGEL: Herr Rees, viele Kinder, die von Bleivergiftungen betroffen sind, leben in Mittel- und Südamerika sowie in Osteuropa, die meisten jedoch in Afrika und Asien. Ist das hauptsächlich darin begründet, dass dort viele Kinder Arbeitskräfte sind?
Rees: Unter anderem, ja. Doch auch Eltern, die mit Blei arbeiten, bringen häufig kontaminierten Staub auf der Kleidung, den Schuhen, ihren Haaren und Händen nach Hause und setzen ihre Kinder so versehentlich dem toxischen Element aus.
SPIEGEL: Armut ist dabei ein großer Faktor. Viele können sich ihre Jobs nicht aussuchen und setzen sich dabei Gefahren aus oder sie leben direkt neben Fabriken, die das Schwermetall ausstoßen. Was sehen Sie als die gefährlichste Ursache für Bleivergiftung an?
Rees: Einer der am besorgniserregendsten Auslöser für Bleivergiftungen ist das Recycling gebrauchter Blei-Säure-Batterien, die meisten stammen aus Fahrzeugen. Solche bleibasierten Batterien sind ein wesentlicher Bestandteil von gut einer Milliarde Benzin- und Dieselfahrzeugen weltweit.
SPIEGEL: Die Deutsche Akademie für Technikwissenschaften nimmt an, dass 25 bis 30 Prozent des in Europa anfallenden Elektroschrotts illegal exportiert wird, darunter viele Autobatterien. Auch aus Deutschland. Jedes Jahr werden allein in Afrika etwa 1,2 Millionen Tonnen Blei-Säure-Batterien recycelt. Daraus werden gut 800.000 Tonnen "sauberes" Blei gewonnen, das zu einem Großteil von Afrika zurück in die EU exportiert wird. Tragen reiche Länder so zu den Bleivergiftungen in ärmeren Ländern bei?
Rees: Es gibt zumindest unglaublich viel Elektroschrott aus Ländern mit hohem Einkommen, der in Ländern mit niedrigem Einkommen aufbereitet wird. Rund 85 Prozent des verwendeten Bleis für die Herstellung von neuen Blei-Säure-Batterien, die zum Beispiel in neuen Autos in Europa oder den USA auf den Markt kommen, stammt aus recyceltem Material. Dieses Material wird oft unter bedenklichen Umständen hergestellt. Es fehlt an geeigneten Recyclinganlagen, Schutzkleidung und Umweltauflagen. Batterien werden mit bloßen Händen geöffnet, die Dämpfe bei Schmelzprozessen nicht aufgefangen. Und die Orte, an denen das passiert, sind oft in der Nähe von Wohngebieten oder Schulen.
SPIEGEL: In Ghanas Hauptstadt Accra gibt es die bekannte Elektronikschrottdeponie Agbogbloshie. Dort haben Wissenschaftler große Mengen Blei, Cadmium, Zink, Chrom, Nickel und andere Chemikalien in Mengen gemessen, die bis zu 50 Mal über den Grenzwerten gelegen hätten. Das Gift habe Schulen, Sportstätten und Marktplätze verseucht. In direkter Nähe leben gut 40.000 Menschen. Ghana zählt trotzdem nicht zu den am schlimmsten von Bleivergiftung betroffenen Ländern. Wie erklären Sie sich das?
Rees: Das hat mich ebenfalls verwundert. Es ist aber auch ein wichtiges Zeichen dafür, dass informelle Recyclingpraktiken von Batterien oder auch anderen technischen Geräten wie Handys zwar extrem gefährlich sind, aber nicht die alleinige Ursache für ein so hohes Ausmaß an vergifteten Kindern weltweit. Oft ist die Ursache der Vergiftung im Alltag verwurzelt.
SPIEGEL: Können Sie Beispiele dafür nennen?
Rees: Kochgeschirr- und Serviergeschirr mit Blei ist in vielen Ländern ein Problem. In Mexiko ist zum Beispiel eine Keramikglasur auf Bleibasis, mit der Geschirr behandelt wird, eine hohe Gefahr für Kinder und Erwachsene. Gewürze wie Kurkuma werden zudem in vielen Ländern mit Bleichromat, also Bleisalz der Chromsäure, vermischt, um ihre Farbe zu verbessern und ihr Gewicht und somit den Preis zu erhöhen. Menschen, die Blei täglich mit ihrer Nahrung zu sich nehmen, sind stark gefährdet. Viele trinken auch Wasser, das durch Bleirohre fließt oder sie leben in Häusern mit abblätternder Bleifarbe.
SPIEGEL: Das Gefährliche an Bleivergiftungen ist, dass sie kaum heilbar sind und sogar von schwangeren Müttern an ihre ungeborenen Kinder weitergegeben werden können. Sie gehen außerdem bei Erwachsenen von mehr als 900.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr aus, die auf eine Bleivergiftung zurückzuführen sind. Was muss getan werden?
Rees: Für die weltweite Bekämpfung von Bleivergiftungen brauchen wir globale Standards zu Recyclingpraktiken und auch dem Transport gebrauchter Blei-Säure-Batterien. Umweltschutzvorgaben müssen erlassen und umgesetzt werden, damit Grundwasser und Boden nicht verseucht werden. Die Herstellung und der Verkauf von bleihaltigen Farben sollte verboten und Blei in Bereichen, in denen Kinder leben, spielen und lernen, vollständig beseitigt werden. Nicht zuletzt muss an einer Verbesserung der Gesundheitssysteme gearbeitet werden, auch was die Früherkennung von Bleivergiftungen betrifft.
SPIEGEL: Wie reagieren Regierungen auf Ihre Vorschläge?
Rees: Regierungen sind empfänglich. Das hat auch damit zu tun, dass sich unsere Lösungsvorschläge letztlich wirtschaftlich auszahlen. Die Kosten einer erkrankten Gesellschaft sind wesentlich höher, als die Kosten die bei einer Einführung von Vorgaben und Präventionsmaßnahmen entstehen.
SPIEGEL: Was ist die häufigste Ursache dafür, dass nötige Sicherheitsmaßnahmen bislang nicht durchgesetzt werden?
Rees: Das hat viele Gründe. Selbst wenn Gesetze erlassen werden, die den Missbrauch von unsachgemäßem Recycling verhindern sollen, hilft das nichts, wenn sie nicht kontrolliert und eingehalten werden. Dafür braucht es sicher auch Aufklärung und ein größeres Bewusstsein bei den Menschen, die betroffen sind. Viele wissen nichts von den Gefahren, denen sie sich und ihre Familie täglich aussetzen.
Icon: Der Spiegel

