Corona-Nachrufe füllen die amerikanischen Zeitungen: Wenn die Toten reden
Icon: vergrößernSeitenweise Kurznachrufe im "Boston Globe": Virtuelle Gedenkwände, die den Opfern ein Gesicht geben
Brian Snyder/ REUTERS
Walter Mallin, 97, aus Connecticut überlebte 1941 den Angriff auf Pearl Harbor. Valentina Blackhorse, 28, eine Navajo-Schönheitskönigin aus New Mexico, träumte davon, eines Tages ihren Stamm anzuführen. Caitlin Whisnant, 18, aus Illinois stand kurz vor dem Highschool-Abschluss. Yu Lihua, 90, aus Maryland schrieb Dutzende chinesische Bücher und liebte Menthol-Zigaretten.
Vier Namen. Vier Leben. Vier von inzwischen mehr als 101.000 Amerikanern, die dem Coronavirus zum Opfer gefallen sind.
Sie wären anonym geblieben, in der Statistik untergegangen. Hätten US-Journalisten sie nicht gewürdigt, mit liebevollen Kurznachrufen, wie sie in den USA gerade in vielen Medien erscheinen. "In der Isolation ist das unsere einzige Verbindung zu diesen Leuten, selbst wenn sie Fremde sind", sagt Adam Steinberg, der bei der "Washington Post" für die Coronaporträts zuständig ist.
Die Welle der Covid-19-Todesfälle ebbt zwar auch in den USA, dem zahlenmäßig am schlimmsten betroffenen Land, langsam ab. Doch mittlerweile kennt rund jeder siebte Amerikaner ein Opfer der Pandemie. Das Leid offenbart sich vor allem in diesen wachsenden Sammlungen von Mini-Nachrufen – virtuelle Gedenkwände, die den nationalen Verlust verbildlichen und den Opfern ein Gesicht geben.
Die "Washington Post" nennt ihre Gedenkrubrik denn auch "Faces of the Dead" (Untertitel: "So lebten sie – und das ging verloren, als sie starben"). Sie begann als Feature über "The First 1000", mittlerweile sind es Hunderte Namen. Darunter James Mahoney, 62, ein pensionierter Notarzt, der eigens für Coronakranke noch einmal antrat, um zu helfen, und Annie Glenn, 100, die Witwe von John Glenn, dem ersten Amerikaner im All.
Die "New York Times" – die diese Woche 1000 Namen auf die Titelseite stellte – hat ihre regulären Corona-Nachrufe "Those We've Lost" betitelt, um "den menschlichen Verlust von Covid-19 zu vermitteln". Sie ähneln den "Portraits of Grief", jener preisgekrönten Serie aus fast 2000 Kurzporträts von Opfern der 9/11-Anschläge. Nur ist diesmal die Zahl der Toten "nicht endlich" wie vor 19 Jahren, wie der verantwortliche Redakteur Dan Wakin erklärt: "Sie starben nicht alle an einem einzigen hellen, blauen Morgen."
Ähnliche Corona-Projekte gibt es landesweit. Ob bei der "Seattle Times" ("Lives Remembered"), der "Chicago Tribune" ("In Memoriam"), der "Tampa Bay Times" ("The Floridians lost to the coronavirus") oder dem "Philadelphia Inquirer" ("The People We've Lost"). Die "Detroit Free Press" ruft ihre Leser auf, per Google-Formular neue Namen, Fotos und Erinnerungen für ihre Corona-Sektion "Remembrances" einzureichen.
Das Phänomen fußt auf der anglo-amerikanischen Tradition der "obituaries". Anders als die kargen deutschen Todesanzeigen sind das ausführliche Nachrufe – nicht nur auf Prominente, sondern auch auf Normalbürger. "Der erste in den amerikanischen Kolonien wurde 1704 im 'Boston News-Letter' veröffentlicht", sagt der Historiker Nigel Starck. Er habe "die Gottesfurcht" von Jane Treat gelobt, der Enkelin eines Vizegouverneurs, die "mit der Bibel in der Hand" vom Blitz getroffen worden sei. "Wir haben diesen Brauch beibehalten", so Starck.
"Nachrufe sind ultimative investigative Berichte", sagt "Post"-Ressortchef Steinberg, der nebenher Präsident der Society of Professional Obituary Writers ist, des Weltverbands der Nachrufverfasser. Diese Praxis wird seit jeher schon an US-Journalistenschulen gepflegt. Die Columbia University, an der auch Steinberg studiert hat, lehrt "obits" zum Beispiel als literarische Kunstform, die alle Facetten eines Lebens kondensiert.
Große Zeitungen in den USA und Kanada haben eigene Nachrufressorts. Für Promis und Politiker werden die Würdigungen noch vor ihrem Ableben vorbereitet. Manchmal überlebt der Gewürdigte so den Autor: Der Nachruf der "Washington Post" auf Fidel Castro stammte von J.Y. Smith, der selbst neun Jahre zuvor verstorben war.
Die Pandemie hat nun zu einem neuen Nachrufboom geführt. "Wir werden überflutet", sagt Steinberg, der sich die Arbeitslast mit drei Redakteuren und mehreren Freelancern teilt. Auch die "New York Times" hat Autoren aus anderen Ressorts abgezogen, die "Chicago Tribune" sogar 19 Reporter für die Corona-Nachrufe verpflichtet. "Wir sind bereit, noch mehr Leute ins Team zu holen", sagte Managing Editor Chrissy Taylor zu CNN.
Denn die bewegenden Corona-Porträts treten an die Stelle der hier sonst üblichen Rituale kollektiver Trauer, die zurzeit nicht möglich sind – Märsche, Mahnwachen, Messen. "In diesen Tagen sehnen wir uns nach emotionaler Connection", sagt Steinberg. "Die Nachrufe zeigen die Menschen hinter den Zahlen. Sie gehen einem ans Herz. Sie illustrieren einen größeren Kontext: Sie geben uns ein Gefühl der nationalen Gemeinschaft – dass wir alle zusammen leiden."
Der Mangel an offizieller Trauer fiel besonders auf, als die USA diese Woche die Marke von 100.000 Toten überschritt. "Das Ableben dieser 100.000 Menschen", schrieb Kolumnist Marc Fisher, "hinterließ einen seltsam geringen Eindruck in einem Land, das seine Gefallenen immer ehrt." Selbst Präsident Donald Trump ignorierte den Moment, bis auf einen lapidaren Tweet – er spielt die Corona-Zahlen sowieso lieber herunter.
Dabei markiert jede Zahl ein Schicksal. Shon Myers, 43, ein Fischer, der wegen Corona einen Rückfall in die Drogensucht erlitt. Margit Buchhalter Feldman, 90, eine Holocaust-Überlebende, die als Teenager im KZ Bergen-Belsen gefangen war. Wilford und Mary Kepler, 94 und 92, die 73 Jahre lang verheiratet waren. Sie starben nur Stunden nacheinander.
Icon: Der Spiegel

