News: Frankreich-Proteste, Boris Pistorius, Litauen, Türkei, Kemal Kılıçdaroğlu, Nikola Norgauer
Pistorius wird Litauen enttäuschen
Als Gast nicht das mitzubringen, was der Gastgeber erwartet hat, ist unangenehm.
Gestern Abend ist Verteidigungsminister Boris Pistorius in Litauen gelandet. Zwischen Deutschland und Litauen herrscht Uneinigkeit über die Frage, in welchem Umfang eine von Kanzler Olaf Scholz versprochene Kampfbrigade in Litauen stationiert sein soll. Die Litauer rechnen mit mehr Soldatinnen und Soldaten, als die Deutschen bereitstellen möchten.
Meine Kollegin Marina Kormbaki und mein Kollege Matthias Gebauer berichten, Pistorius werde die Litauer »am Ende wohl enttäuscht zurücklassen«.
In Litauen wird man sich die Bemerkung kaum entgehen lassen, Deutschland nehme seine neue Führungsrolle in Europa wohl doch nicht so ernst. Pistorius braucht hier Gegenargumente.
Am Nachmittag wird er in der Hauptstadt Vilnius mit seinem litauischen Amtskollegen und dem Präsidenten zusammentreffen.
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Pistorius in Litauen: Die Geisterbrigade
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Sind Arbeit und Leben Gegensätze?
Gegnerinnen und Gegner der geplanten Rentenreform in Frankreich sind stinksauer. Das soll man jetzt auch merken. Die Gewerkschaft CGT hat die Müllabfuhr ab heute zu einem Streik aufgerufen, der möglichst aufrechterhalten werden soll, bis die Regierung ihre Rentenpläne zurückzieht. Die Reform sieht unter anderem vor, das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahre anzuheben.
Auch in Deutschland gibt es zurzeit Diskussionen über Arbeit und – fast hätte ich geschrieben: über Arbeit und Leben. Natürlich meine ich Arbeit und Freizeit. Doch der populäre Begriff der »Work-Life-Balance« suggeriert ja tatsächlich, dass das eigentliche Leben nicht während der Arbeit stattfindet, sondern davor und danach.
Dieses Denkmodell durchzieht auch die hiesige Debatte über die Viertagewoche bei vollem Lohn. Ständig geht es um die Entlastung von Arbeit, also die Arbeit als Last. Natürlich gibt es für die Viertagewoche sehr gute Argumente. Zu denen gehört, dass wir wegen des größeren Freizeitausgleichs lieber zur Arbeit gingen, als wenn wir das fünf Tage lang tun müssten. Doch sollte, statt der ewigen Klagen über das Arbeiten an sich, nicht genau dies die eigentliche Fragestellung sein: Welche Bedingungen wir brauchen, um gern zu arbeiten?
Die Arbeit ist ein großer Teil des Alltags. Wir bringen uns um viel, wenn wir in ihr vor allem eine Last und das Gegenteil des eigentlichen Lebens sehen.
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»Wir brauchen Leistung«: Arbeitgeber fordern »mehr Bock auf Arbeit«
Britische Regierung stellt Verteidigungsstrategie vor
Im Deutschland des Kalten Krieges waren die hier stationierten Soldaten der Siegermächte des Zweiten Weltkriegs sichtbarer als die eigenen. Deren Kasernen lagen häufig zentral, und wenn die Soldaten in den Städten unterwegs waren, erkannte man sie schon durch ihre Sprache. Ich erinnere mich noch, wie wir als junge Deutsche in den Achtzigerjahren ständig »bfbs«, den Sender der britischen Armee, hörten, wegen der guten Musik und der lustigen Moderatoren. Niemals hätten wir einen deutschen Soldatensender gehört.
Nach dem Ende des Kalten Krieges blieben die Deutschen zurückhaltend der Bundeswehr gegenüber, bis ins vergangene Jahr hinein, bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine. Die Folgen sind bekannt, die Bundeswehr ist marode.
Die Briten wiederum zogen sich weitgehend aus Deutschland zurück. Auch sie sparten insgesamt an ihren Streitkräften, und doch gehörten diese selbstverständlich zum Stolz des Landes dazu, auch galt das britische Heer als eines der schlagkräftigsten der Welt. Die Ukraine wird in ihrem Kampf gegen Russland von den Briten stark unterstützt.
Heute will die britische Regierung ihre neue Verteidigungsstrategie vorstellen. Sie wird mit Spannung erwartet, denn zuletzt gab es viel Kritik aus dem eigenen Land am Zustand der Armee. Sie sei, so hieß es, in einem viel schlechteren Zustand als bisher angenommen.
Doch wird sich das wirtschaftlich so schwer angeschlagene Land eine Erhöhung des Verteidigungsetats leisten können?
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Regierungsberater über britische Supermarktkrise: »Das wird noch schlimmer werden«
Der Herausforderer
Nun also doch: Die türkische Opposition, ein Bündnis aus sechs Parteien, hat den CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu als Gegenkandidaten von Amtsinhaber Recep Tayyip Erdoğan für die Präsidentschaftswahl am 14. Mai bestimmt. In den vergangenen Tagen gab es innerhalb der Opposition Streit über Kılıçdaroğlus Nominierung.
Mein Kollege Maximilian Popp porträtiert Kılıçdaroğlu als Versöhner mit einem Mangel an Charisma. Doch wie sind seine Chancen? Auf den ersten Blick nicht schlecht, sein Konkurrent Erdoğan wird im Land für sein schlechtes Krisenmanagement nach dem Erdbeben vom Februar kritisiert.
Doch die mangelnde Geschlossenheit der Opposition in den vergangenen Monaten und gerade in den vergangenen Tagen werden Kılıçdaroğlu Aussichten dann doch schmälern.
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SPIEGEL-Gespräch mit Kemal Kılıçdaroğlu aus dem Jahr 2021: »Die Menschen spüren am eigenen Leib, dass sie nicht gut regiert werden«
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Die Startfrage heute: In welchem dieser Länder – Finnland, Polen, Tschechien – besteht eine Wehrpflicht?
Die Gewinnerin des Tages…
…ist die Schauspielerin Nikola Norgauer. Ihr Auftritt als Olaf Scholz auf dem Nockherberg in München beim Politiker-Derblecken ist zwar schon ein paar Tage her, doch ich musste gestern und vorgestern ständig lachen, als die vielen Bilder vom Originalkanzler bei der Klausurtagung der Bundesregierung auf Schloss Meseberg zu sehen waren. Diese Ähnlichkeit! Falls Sie die Scholz-Persiflage noch nicht gesehen haben, will ich Ihnen nicht zu viel verraten, urteilen Sie selbst.
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Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag.
Ihre Susanne Beyer, Autorin der Chefredaktion

