Ukraine-Krieg: Kiew und weitere Städte unter russischem Beschuss
Nach schweren Explosionen gilt in vielen Landesteilen der Ukraine weiter Luftalarm. Die Lage ist unübersichtlich. Behörden melden Tote und Verletzte.
Bei den russischen Raketenangriffen auf die ukrainische Hauptstadt Kiew hat es Behördenangaben nach mindestens fünf Tote und zwölf Verletzte gegeben. »Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Tod von fünf und die Verletzung von zwölf Kiewern bestätigt«, teilte der Berater des Innenministeriums, Anton Geraschtschenko, auf seinem Telegram-Kanal mit. Es sei auch ein Kinderspielplatz getroffen worden. Bürgermeister Witali Klitschko forderte die Menschen auf, Schutz zu suchen.
Russland versuche, die Ukraine zu zerstören, teilte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit. In mehreren Städten seien Menschen Ziele gewesen, die gerade unterwegs zur Arbeit gewesen seien. »Leider gibt es Tote und Verletzte«, sagte Selenskyj.
Auch in anderen Teilen der Ukraine wurden Raketenangriffe gemeldet. In fast allen Landesteilen galt Luftalarm. »Ein massiver Raketenangriff auf das Gebiet, es gibt Tote und Verletzte«, teilte etwa der Militärgouverneur der Region Dnipropetrowsk um die Industriestadt Dnipro, Walentyn Resnitschenko, auf seinem Telegram-Kanal mit. Getroffen wurden Berichten zufolge nicht nur die Gebietshauptstadt Dnipro, sondern auch die Städte Nikopol und Marhanez, die dem Atomkraftwerk Saporischschja gegenüber am anderen Ufer des Flusses Dnipro liegen.
Offenbar vier Tote in Slowjansk
In der Großstadt Saporischschja war nach den nächtlichen Raketenangriffen am Morgen ebenfalls Luftalarm ausgelöst worden. Über schwere Einschläge berichten auch die Behörden der westukrainischen Großstadt Lwiw sowie aus Chmelnyzkyj und Schytomyr.
Vier Tote gab es Behördenangaben zufolge durch einen Raketenangriff in der ostukrainischen Großstadt Slowjansk im Gebiet Donezk. Der Einschlag sei im Stadzentrum erfolgt, teilte Bürgermeister Wadym Ljach mit.
In der Hauptstadt Kiew gelte der Luftalarm weiter, sagte Bürgermeister Klitschko. Die Bürgerinnen und Bürger sollten unbedingt in Bunkern bleiben, betonte er. Das Stadtzentrum solle gemieden werden. »Die Straßen im Zentrum sind gesperrt von Sicherheitskräften, Rettungsdienste sind im Einsatz«, sagte Klitschko. Auch der ukrainische Gouverneur Resnitschenko des Gebiets Dnipropetrowsk rief die Bewohnerinnen und Bewohner dazu auf, in den Bombenschutzkellern zu bleiben.
Russland hatte zuvor Vergeltung für Explosion auf Krim-Brücke angedroht
In Kiew seien Ziele im Zentrum getroffen worden, zum Teil auch »kritische Infrastruktur«, teilte Klitschko weiter mit. Augenzeugen berichteten, dass auch nach den ersten Einschlägen am Morgen weiter Explosionen zu hören waren, von drei bis vier Einschlägen war die Rede. Die genaue Zahl war unklar. Auf Fotos und Videos, die in sozialen Netzwerken geteilt wurden, waren Rauchwolken zu sehen. Einsatzkräfte versorgten demnach Verletzte und löschten brennende Autos.
Zuvor hatte der Vizechef des russischen Sicherheitsrats, Dmitrij Medwedew, der Ukraine Vergeltung für die Explosion auf der für Russland strategisch wichtigen Krim-Brücke am Samstag angedroht. Kremlchef Wladimir Putin hatte am Sonntag von einem »Terroranschlag« auf die Brücke gesprochen und – wie Medien in Kiew – den ukrainischen Geheimdienst SBU verantwortlich gemacht. Bestätigt hatte der SBU eine Beteiligung aber nicht.
Die SBU-Zentrale liegt im Stadtzentrum in Kiew. Moskau hatte wiederholt gedroht, Kommandostellen in der ukrainischen Hauptstadt ins Visier zu nehmen, wenn der Beschuss russischen Gebiets nicht aufhöre. Kiew ist seit Beginn des russischen Angriffskriegs bereits mehrfach von russischen Raketen getroffen worden. Es war der schwerste Vorfall dieser Art und der erste Angriff auf die Stadt seit Monaten.
Medwedew hatte am Sonntag gesagt: »Alle Berichte und Schlussfolgerungen sind gemacht. Russlands Antwort auf dieses Verbrechen kann nur die direkte Vernichtung der Terroristen sein.« Er äußerte sich in einem Interview der kremlnahen Journalistin Nadana Friedrichson. »Darauf warten die Bürger Russlands«, meinte er vor einer geplanten Sitzung des Sicherheitsrats an diesem Montag, die Putin leiten wird.
Am Samstagmorgen hatte eine Explosion die 19 Kilometer lange Brücke erschüttert, die Russland und die 2014 von Moskau annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim verbindet. Dabei wurde rund siebeneinhalb Monate nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine das für Russland strategisch und symbolisch wichtige Bauwerk schwer beschädigt. Offiziellen Angaben aus Moskau zufolge starben drei Menschen.
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