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Ghislaine Maxwell: Jeffrey Epsteins Ex-Freundin vor Gericht

July 14
11:56 2020
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Verhängnisvolle Affäre: US-Staatsanwältin Audrey Strauss mit einem Foto von Maxwell und Epstein

Foto: LUCAS JACKSON/ REUTERS

Insassin Nr. 02879-509 sitzt seit Montag voriger Woche im Metropolitan Detention Center (MDC), einem Gefängnis am Westufer von Brooklyn. In der Sträflingskartei ist sie als "58, weiß, weiblich" registriert. Entlassungsdatum: "unbekannt."

Ghislaine Maxwell, die Ex-Freundin des Multimillionärs und Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, dürfte ihr Jetset-Leben vermissen. Anfang Juli war sie vom FBI in einer Luxusvilla in New Hampshire verhaftet worden. Im MDC muss sie sich nun mit einer Zehn-Quadratmeter-Zelle begnügen.

In der für horrende Zustände bekannten Haftanstalt ist Maxwell denselben Regeln unterworfen wie alle fast 1600 Insassen, darunter Donald Trumps früherer Anwalt Michael Cohen. Wecken um sechs, jeder muss sein Bett machen, Zahnbürste, Seife und Waschlappen werden zugeteilt, den Rest gibt es im Gefängniskiosk zu kaufen. Damen-Deo kostet 2,45 Dollar.

An diesem Dienstag soll Maxwell nun erstmals vor einem New Yorker Gericht erscheinen. Bei der Anhörung, die wegen der Coronakrise virtuell stattfindet, geht es zunächst nur darum, ob sie bis zum Prozess freikommt. Dafür will Maxwell, auch unter Hinweis auf das Covid-19-Risiko hinter Gittern, eine Kaution von fünf Millionen Dollar hinterlegen und bietet an, sich mit einer GPS-Fußfessel unter Hausarrest stellen zu lassen. Es ist unwahrscheinlich, dass ihr das zugebilligt wird.

Der Gerichtstermin wird nicht das letzte Kapitel in diesem internationalen Krimi sein – ein Krimi, der mit Epsteins Tod im August 2019 keineswegs endete, wie manche gedacht hatten. Die US-Staatsanwaltschaft sucht weiter nach möglichen Mitwissern und Mittätern Epsteins, der in feinsten Kreisen verkehrte und mit Donald Trump, Bill Clinton und Prinz Andrew befreundet war. Dabei gilt Maxwell als zentralste, mysteriöseste Figur – als Schaltstelle des immer noch nicht ausgeleuchteten Epstein-Netzwerks.

Der Anklage zufolge soll Maxwell als mutmaßliche Komplizin Epsteins mindestens drei minderjährige Opfer rekrutiert und sich selbst an ihnen vergangen haben. Dafür drohen der Tochter des 1991 unter ungeklärten Umständen verstorbenen britischen Medienmoguls, Millionenbetrügers und mutmaßlichen Geheimagenten Robert Maxwell bis zu 35 Jahre Haft. Das wiederum könnte den US-Fahndern als Druckmittel dienen, um von ihr Informationen über andere zu erfahren, für die sie sich interessieren.

Keiner der prominenten Epstein-Freunde taucht in der Anklage gegen Maxwell namentlich auf. Doch einige dürften die Verschwiegenheit der Frau, die alle Geheimnisse Epsteins kannte, sicher zu schätzen wissen.

  • Prinz Andrew: Virginia Giuffre, nach eigenen Angaben ein Epstein-Opfer, hat Maxwell in einer separaten Klage beschuldigt, sie als 17-Jährige mit dem Royal verkuppelt zu haben. Der Prinz, der mit Epstein und Maxwell befreundet war, bestreitet das kategorisch. Maxwell wurde zuletzt im Juni 2019 öffentlich mit Prinz Andrew gesehen. Die federführende US-Staatsanwältin Audrey Strauss sagte bei der Verkündung der Maxwell-Anklage, man habe bisher vergeblich um ein "Gespräch" mit Andrew ersucht. Nach Darstellung britischer Medien ist Andrew "nervös" und vermeidet zurzeit Auslandsreisen.

  • Donald Trump: Auch Trump war mit Epstein und Maxwell befreundet, spielt das heute aber herunter. Ihre Villen in Palm Beach in Florida lagen nicht weit voneinander entfernt am Wasser. Vor den US-Wahlen 2016 wurde Trump unter Eid beschuldigt, 1994 in Epsteins New Yorker Stadthaus eine 13-Jährige vergewaltigt zu haben. Eine entsprechende Klage wurde kurz darauf aber zurückgezogen, weil die Betroffene bedroht worden sei. Nach seiner Wahl machte Trump den Ex-Staatsanwalt Alex Acosta, der 2008 in Florida einen Gerichtsdeal mit dem damals zum ersten Mal angeklagten Epstein eingefädelt hatte, zum Arbeitsminister. Acosta trat im Zuge des Skandals zurück.

  • Bill Clinton: Der frühere US-Präsident findet sich als VIP-Passagier in den Logbüchern von fast zwei Dutzend Flügen mit Epsteins Privatjet, den die Medien "Lolita Express" getauft hatten. Mit an Bord sollen oft auch junge Frauen und Maxwell gewesen sein. Laut Clinton waren die Flüge rein dienstlich, er hat jedwedes Fehlverhalten abgestritten.

Nichts "Unanständiges" bemerkt

  • Alan Dershowitz: Giuffre beschuldigt auch den Staranwalt, sie mit Unterstützung von Maxwell missbraucht zu haben. Dershowitz, der Epstein 2008 in Florida verteidigt hatte, bestreitet das kategorisch: Er habe früher zwar mit Maxwell über seinen Freund Epstein gesellschaftlichen Kontakt gepflegt, doch nie etwas "Unanständiges" bemerkt. Dershowitz hat sich als Zeuge im Maxwell-Prozess angeboten, auch um seinen eigenen Namen reinzuwaschen.

  • Jean-Luc Brunel: Der Ex-Chef der Model-Agentur MC2 – deren Gründung Epstein mitfinanziert hatte – wehrt sich seit Langem gegen den Verdacht, Epstein ebenfalls mit Mädchen versorgt zu haben. Maxwell kannte Brunel schon über ihren Vater, lange bevor sie Epstein traf. Viele Mädchen, die in New York für Brunel arbeiteten, lebten damals in einer Epstein-Wohnung unweit seiner dortigen Stadtvilla.

  • William Barr: Auch der US-Justizminister hat Connections zu Epstein. Sein Vater hatte Epstein 1974 trotz mangelnder Qualifikation als Lehrer an einer Schule eingestellt, auf die mindestens eines seiner späteren mutmaßlichen Opfer ging. Barr selbst feuerte dann im Juni unter höchst ungewöhnlichen Umständen den Staatsanwalt, der unter anderem auch die Ermittlungen gegen Epstein und Maxwell betreut hatte. Dessen Vize Strauss übernahm den Fall – und ließ Maxwell zwölf Tage später verhaften. "Epsteins Leben in der Unterwelt der globalen Elite", schreibt die Journalistin Sarah Kendzior in ihrem Buch "Hiding in Plain Sight", "begann und endete mit William Barrs Familie."

Unter Berufung auf Maxwells "internationale Verbindungen" warnt die Staatsanwaltschaft denn auch vor "extremer Fluchtgefahr". Als weitere Argumente gegen eine Freilassung nennt sie Maxwells Millionenvermögen und ihre drei Reisepässe (USA, Großbritannien, Frankreich). Einmal auf freiem Fuß, habe sie "absolut keinen Grund, in den USA zu bleiben" – zumal Frankreich seine Staatsbürger nicht ausliefere.

Die Befürchtungen sind nicht unbegründet. Schon nach Epsteins Festnahme im letzten Juli tauchte Maxwell unter. Mal wurde sie in Massachusetts vermutet, in der Villa eines reichen Freundes, mal im Farmhaus eines Supermodels in Pennsylvania. Gerüchte wähnten sie in Frankreich, unter FBI-Zeugenschutz oder sogar in Israel, mit dessen Geheimdienst Mossad ihr Vater verbunden gewesen sein soll. Das Londoner Boulevardblatt "Sun" setzte 10.000 Pfund Kopfgeld auf sie aus.

Maxwell fachte die Spekulationen mit an. Zwei Tage nach Epsteins Tod ließ sie sich in einem Fast-Food-Restaurant bei Los Angeles fotografieren, kokett lächelnd, vor sich ein offenes Buch und einen Burger. Das offenbar inszenierte Tableau war das einzige Lebenszeichen bis zu ihrer Verhaftung.

Am 3. Juli schnappte das FBI sie – in einer 400-Quadratmeter-Waldvilla in New Hampshire, die Maxwell im Dezember für 1,1 Millionen Dollar gekauft hatte. Die Maklerfirma beschrieb das Haus als "fantastischen Zufluchtsort für den Naturfreund, der die totale Privatsphäre liebt". In einen Stein an der Einfahrt war das Wort "Tuckedaway" gemeißelt: "Versteckt."

Maxwell wurde in Jogginghose und T-Shirt von der FBI-Razzia überrascht. Sie habe zunächst zu fliehen versucht, berichtete die Staatsanwaltschaft am Montag. Auf einem Schreibtisch habe man ein in Alufolie gewickeltes Handy gefunden, was offenbar ihren Standort habe vertuschen sollen. Auch habe Maxwell britische Ex-Soldaten als Bodyguards angeheuert.

Häftlingskleidung aus Papier

Zugleich fürchten die Behörden, dass Maxwell auch im Gefängnis das gleiche Schicksal treffen könnte wie Epstein, der vor fast einem Jahr erhängt in seiner Zelle aufgefunden wurde. Die amtliche Todesursache – Suizid – wurde von manchen angezweifelt. Medienberichten zufolge wird Maxwell rund um die Uhr mit Kameras überwacht, trägt Häftlingskleidung aus Papier und muss ohne Laken schlafen, weil diese zu Schlingen gedreht werden könnten.

"Sie wollen sicherstellen", zitierte die "New York Post" einen Insider, "dass ihr auch wirklich der Prozess gemacht wird."

Icon: Der Spiegel

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