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Türkei und Griechenland streiten um Gas-Vorkommen im Mittelmeer: Auf Eskalationskurs

11 августа
16:18 2020
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Türkisches Forschungsschiff Oruc Reis: Die Kriegsgefahr wächst

Foto: Ibrahim Laleli/ dpa

Es ist kaum mehr als ein Felsen. Die griechische Insel Kastelorizo ist nur neun Quadratkilometer groß. Knapp 500 Menschen leben hier. Und doch ist Kastelorizo gerade eines der meist umkämpften Stücke Land im Mittelmeerraum.

Die Insel liegt drei Kilometer von der türkischen Küste entfernt, bis zur nächsten größeren griechischen Insel, Rhodos, sind es 125 Kilometer. Trotzdem gehört Kastelorizo zu Griechenland — ein Umstand, mit dem sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nicht abfinden will.

In den Neunzigerjahren standen Griechenland und die Türkei wegen eines Streits um zwei unbewohnte Ägäis-Inseln schon einmal kurz vor einem Krieg. Nun droht erneut ein bewaffneter Konflikt zwischen den beiden Nato-Staaten.

Merkel entschärfte Konflikt nur vorübergehend

Die türkische Regierung kündigte im Juli an, das Forschungsschiff Oruc Reis in den griechischen Gewässern vor Kastelorizo nach Gas suchen zu lassen. Die Mission sollte von türkischen Kriegsschiffen flankiert werden. Griechenland reagierte, indem es sein Militär in Alarmbereitschaft versetzte.

Eine Intervention von Bundeskanzlerin Angela Merkel beruhigte den Konflikt vorübergehend. Die Türkei und Griechenland verständigten sich darauf, unter Vermittlung Deutschlands Gespräche aufzunehmen. Die Oruc Reis blieb im Hafen von Antalya. Jetzt aber eskaliert die Auseinandersetzung erneut.

Der griechische Premier Kyriakos Mitsotakis schloss vergangene Woche ein Abkommen mit Ägypten über die Ausbeutung von Rohstoffen in Mittelmeer ab, woraufhin sich die Türkei aus den Gesprächen mit Athen zurückzog, bevor diese überhaupt begonnen hatten. Am Montag brach die Oruc Reis dann tatsächlich nach Griechenland auf — eskortiert von der türkischen Marine.

Die griechische Regierung nennt den Vorstoß "destabilisierend und friedensgefährdend". "Griechenland wird seine Souveränität verteidigen", heißt es in einem Statement des Außenministeriums. Nach Angabe von Diplomaten und Militärangehörigen sollen zudem sämtliche griechische Soldaten aus dem Urlaub zurück beordert worden sein.

Während der gesamten Nacht zu Dienstag bewegte sich das türkische Forschungsschiff nun in einem Seegebiet, das Griechenland als eigene Ausschließliche Wirtschaftszone versteht. Griechische Kriegsschiffe sandten alle 15 Minuten per Funk einen Aufruf an den Kapitän der "Oruc Reis", die Region umgehend zu verlassen. Die Aufrufe blieben jedoch unbeantwortet, wie es am Morgen aus Kreisen des Verteidigungsministeriums in Athen hieß.

An diesem Dienstag nun die nächste Provokation: Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu kündigte an, bis Ende des Monats neue Bohrlizenzen im östlichen Mittelmeer zu vergeben.

Mehr als nur ein Streit um kleine Inseln

Bei dem Gebietsstreit zwischen der Türkei und Griechenland geht es um weit mehr als nur dünn besiedelte Inseln. Im östlichen Mittelmeer wurden in den vergangenen zehn Jahren Gasvorkommen entdeckt, die etwa dem fünfzigfachen Jahresverbrauchs Frankreichs entsprechen. Jeder Quadratkilometer in der Ägäis verspricht die Aussicht auf gewaltige Einnahmen.

Eigentlich ist das Territorium der Türkei durch den Vertrag von Lausanne von 1923 festgelegt. Erdogan jedoch will die Aufteilung so nicht mehr hinnehmen. Er beanstandet, dass eine Insel wie Kastelorizo, die nur wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt liegt, Griechenland zugeschlagen wurde — und damit auch die umliegende Zone in der Ägäis. "Die Türkei will an ihre osmanische Vergangenheit anknüpfen", sagt der Athener Rechts- und Politikwissenschaftler Angelos Syrigos und zieht einen brisanten Vergleich: "Ein sunnitischer Iran entsteht unmittelbar an der Grenze zu Griechenland."

In Ankara ist die Sorge groß, bei der Verteilung der Rohstoffe übergangen zu werden. Bereits 2006 setzte ein türkischer Admiral, Cem Gürdeniz, das Konzept Mavi Vatan ("Blaues Vaterland") auf, das Ansprüche der Türkei auf Teile der Ägäis bis hin zur Insel Kreta anmeldet.

Die Türkei ist mit ihrer Haltung in der Region weitgehend isoliert. Während sich unter anderem Griechenland, Zypern, Ägypten, Israel und Italien zu einem Energie-Verbund zusammengeschlossen haben, dem East Mediterranean Gas Forum, hat Erdogan lediglich die libysche Einheitsregierung in Tripolis an seiner Seite.

Erdogan steht innenpolitisch unter Druck

Trotzdem scheint der türkische Präsident entschlossen, das Programm Mavi Vatan voranzutreiben. Seine Regierung hat vergangenen November ein Abkommen mit Libyens Premier Fayez Sarraj geschlossen, das eine Ausbeutung von Rohstoffen weit über die gegenwärtigen türkischen Hoheitsgewässer hinaus vorsieht. Nun will sie offenbar in der Ägäis Fakten schaffen.

Erdogan steht innenpolitisch unter Druck. Die wirtschaftlichen Aussichten, die schon vor der Coronakrise düster waren, haben sich durch die Pandemie weiter verschlechtert. Die Lira befindet sich mit fast 9:1 im Vergleich zum Euro auf einem historischen Tiefstand. Der türkische Präsident sucht sein Heil auch deshalb in der Außenpolitik.

Bislang beruhigten sich die Europäer damit, dass die Türkei und Griechenland eine militärische Auseinandersetzung aufgrund der unabsehbaren Folgen scheuen würden. Doch darauf sollten sie sich nicht länger verlassen.

Icon: Der Spiegel

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