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Haenel gegen Heckler & Koch: Bundeswehrauftrag für Haenel aus Thüringen

16 сентября
01:03 2020
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Edge-Chef Faisal Al Bannai: Ein Rüstungsunternehmen der neuen Art

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Jon Gambrell / AP

Bis zu diesem Dienstag musste man in Suhl C.G. Haenel nicht unbedingt kennen. Es hat ja nur eine Handvoll Mitarbeiter, das kleine Unternehmen aus der Schützenstraße 26. Aber nun hat C.G. Haenel einen Auftrag an Land gezogen, der weitreichende Folgen haben könnte: für Suhl, für das Land Thüringen und für die deutsche Rüstungspolitik. Haenel hat überraschend die Ausschreibung für das neue Sturmgewehr der Bundeswehr gewonnen.

Es ist eine Sensation. Die Firma hat mit ihrem vollautomatischen Sturmgewehr MK 556 die viel größere Rüstungsschmiede Heckler & Koch ausgestochen, den Dauerlieferanten der Bundeswehr seit 1959. Es ist in etwa so wie ein Pokalsieg des TSV Vestenbergsgreuth gegen Bayern München. Die Branche ist verblüfft. Denn C.G. Haenel selbst erscheint viel zu klein, um so viele Sturmgewehre in Serie zu fertigen. Umso mächtiger ist dagegen der Konzern, der hinter dem Unternehmen steht: das arabische Staatskonglomerat Edge.

"Eine gute Entscheidung"

Im Thüringer Landesinnenministerium herrscht Verwunderung. Ausgerechnet im vom linken Ministerpräsidenten Bodo Ramelow regierten Bundesland, dessen Partei am liebsten sämtliche Rüstungsexporte verbieten würde, soll jetzt eine Waffenschmiede entstehen, die Heckler & Koch Konkurrenz macht? Noch dazu eine, die von Investoren aus Abu Dhabi kontrolliert wird?

Danach sieht es aus.

"Es ist eine gute Entscheidung für die Bundeswehr und für Thüringen, die hier getroffen wurde", sagte der CDU-Landtagsabgeordnete und Major der Reserve Christian Herrgott dem SPIEGEL — und verwies darauf, das Unternehmen werde nun wohl expandieren.

Muss es auch. Und zwar gewaltig.

Es ist lange her, dass C.G. Haenel eine große Nummer war. 1840 gegründet, produzierte das Unternehmen im Zweiten Weltkrieg das erste Sturmgewehr für die Reichswehr: das StG 44. Unter der sowjetischen Besatzung ging Haenel dann aber in einem volkseigenen Betrieb auf. 2008 wurde das Unternehmen unter altem Namen neu gegründet — und zwar auf ganz kleiner Flamme.

Laut einem Geschäftsbericht, der dem SPIEGEL vorliegt, beschäftigte die C.G. Haenel GmbH im Jahr 2018 gerade einmal neun Arbeitnehmer und erwirtschaftete lediglich 7,15 Millionen Euro Umsatz. Den Verlust von gut 485.000 Euro übernahm die Muttergesellschaft, die Merkel Jagd- und Sportwaffen GmbH. "Merkel führt die bis ins 15. Jahrhundert zurückreichende Tradition der Büchsenmacherei in Suhl fort", heißt es im Merkel-Geschäftsbericht. Die Firma hatte aber auch nur 133 Mitarbeiter und machte 14,3 Millionen Euro Umsatz.

In der Ausschreibung geht es aber um 120.000 Sturmgewehre mit einem Auftragswert von erst einmal rund 250 Millionen Euro. Das ist mehr als das 35-fache des Jahresumsatzes von C.G. Haenel.

Bei Haenel hüllt man sich in Schweigen

Wie soll so ein kleines Unternehmen Zehntausende Sturmgewehre bauen? In Suhl hüllt man sich in Schweigen: "Das ist ein laufendes Verfahren, dazu äußern wir uns nicht", sagt Geschäftsführer Olaf Sauer.

Ob das Verteidigungsressort oder das Beschaffungsamt der Bundeswehr die geschäftlichen Hintergründe und die Leistungsfähigkeit von Haenel geprüft haben, blieb am Dienstag unklar. Bei einem Briefing von Ministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) für ausgewählte Verteidigungspolitiker erläuterte Rüstungsstaatssekretär Benedikt Zimmer lediglich, dass die Waffen der Hersteller Haenel und Heckler & Koch beide die Anforderungen der Bundeswehr erfüllten.

Am Ende, so Zimmer, sei das Angebot von Haenel, dass neben der Beschaffung der Waffen auch Wartungsarbeiten und einen dauerhaften Service vorsehe, schlicht günstiger gewesen. Folglich habe man sich für die Thüringer entschieden. Nach den Verflechtungen von Haenel mit Abu Dhabi wurde Zimmer in der vertraulichen Runde laut Teilnehmern gar nicht gefragt. Für genauere Antworten bat das Wehrressort am Dienstag um einen Tag Geduld.

Klar ist: Einen solchen Großauftrag kann die kleine Thüringer Waffenschmiede nur mithilfe ihrer milliardenschweren Eigner schultern. C.G. Haenel und Merkel gehören zu Edge, dem neu geschaffenen staatlichen Rüstungskonzern der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Erst vergangenen November hat Abu Dhabis Regierung rund 25 Firmen aus den Bereichen Militär-, Satelliten- und Kommunikationstechnik vereint: zu einem Konglomerat mit nach eigenen Angaben 12.000 Beschäftigten und rund fünf Milliarden Dollar Jahresumsatz. Die Eröffnung übernahm Mohamed bin Zayed Al Nahyan höchstpersönlich, der Kronprinz und De-facto-Herrscher der VAE.

Große Pläne in Abu Dhabi

Abu Dhabis Herrscherfamilie hat Großes vor mit Edge. Mit Rüstung gibt es ja auch großes Geld zu verdienen, gerade in der Golfregion. Nach Recherchen des Stockholmer Forschungsinstituts Sipri waren die VAE zwischen 2009 und 2018 der fünftgrößte Waffenimporteur der Welt — obwohl das Land nur gut zehn Millionen Einwohner hat. Der nicht endende Iranstreit, der Krieg im Jemen und all die anderen schwelenden Konflikte machen die Region zu einem der größten Waffenmärkte der Welt. Abu Dhabis Rüstungsmesse zählt längst zu den wichtigsten Branchentreffen. Und die VAE wollen nicht nur kaufen und handeln, sondern auch verkaufen.

"Die VAE haben großes Interesse, Militärtechnologie zu erwerben und selbst zu produzieren", sagt Eckart Woertz, Direktor des Giga-Instituts für Nahost-Studien. "Dafür haben sie über Jahre hinweg ausländisches Know-how eingekauft." Wie auch in Saudi-Arabien soll der Aufbau einer Rüstungsindustrie die heimische Wirtschaft vom Auf und Ab an den Ölmärkten unabhängiger machen — und zugleich die Schlagkraft des eigenen Heeres stärken.

Raketen, Drohnen, Technologien künstlicher Intelligenz — all das gehört zur Produktpalette von Edge. Als Konzernlenker hat die Herrscherfamilie einen höchst illustren Manager der arabischen Welt installiert: Faisal Al Bannai. Der heute 47-Jährige wurde berühmt als Chef von Axiom Telecom. Das Start-up, das Al Bannai 1997 zusammen mit drei Freunden und 50.000 Pfund Startkapital gründete, ist heute eines der führenden Telekommunikationshandelshäuser der Region mit Umsätzen in Milliardenhöhe.

2015 wechselte Al Bannai dann die Branche und zog in Abu Dhabi ein Cybersicherheitsunternehmen namens Dark Matter auf. Schon bald erregte Dark Matter Aufsehen in der Sicherheitsbranche: als es mit lukrativen Angeboten im großen Stil frühere Mitarbeiter der CIA und der National Security Agency an den Golf lockte. Nichtregierungsorganisationen verdächtigten Dark Matter, in staatliche Überwachungsmaßnahmen und Hackerangriffe auf Oppositionelle verwickelt zu sein. Al Bannai, selbst Sohn eines früheren Polizeigenerals, bestritt illegale Aktivitäten — räumte aber in einem Interview 2018 ein, dass 80 Prozent der Aufträge für Dark Matter von Regierungseinrichtungen kämen. Experten zufolge spielt das Unternehmen in den VAE eine zentrale Rolle in der staatlichen Überwachung.

Seit rund einem Jahr ist Al Bannai Chef bei Edge. Ein Rüstungsunternehmen der neuen Art wolle er aus dem Konglomerat formen, ließ er zum Start verlauten. Die hybride Kriegsführung, also die Kombination von Innovationen aus der Rüstungsindustrie und der zivilen Geschäftswelt, sei die Zukunft. Den ersten Großauftrag verkündete Edge schon nach zwei Wochen. Raketen im Wert von einer Milliarde Dollar — für die Armee der Vereinigten Arabischen Emirate natürlich. Und im Februar präsentierte der Konzern die erste Militärdrohne made in den VAE.

Wenn nichts dazwischenkommt, werden die Araber bald der Bundeswehr ihre Sturmgewehre verkaufen. Das hat es noch nicht gegeben. Es wäre ein Triumph für Faisal Al Bannai — und das Herrscherhaus von Abu Dhabi.

Aber noch kann etwas dazwischenkommen. Heckler & Koch hat angekündigt, alle rechtlichen Schritte auszureizen — was faktisch einer Beschwerde vor der Vergabekammer gleichkommt. Das Ministerium befürchtet für diesen Fall bereits, dass man die entsprechenden Verträge für die neue Ordonnanzwaffe der Bundeswehr nicht mehr in dieser Legislaturperiode schließen kann. In Suhl und Abu Dhabi müssen sie sich mit dem Feiern noch etwas gedulden.

Icon: Der Spiegel

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