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Flüchtlinge auf Lesbos: «Wir hatten es besser in Moria»

18 октября
19:08 2020
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Safiya Mohammadi, eine Asylsuchende auf Lesbos

Foto: Giorgos Christides

Kaum eine Wolke ist an diesem warmen, sonnigen Oktobernachmittag am Himmel über Lesbos zu sehen. Nur über Safiya Mohammadis dunkelbraunen Augen liegt ein Schatten. Die 24-jährige Asylsuchende aus Afghanistan sitzt am Ufer einer kleinen Bucht in der Nähe der Inselhauptstadt Mytilene und blickt auf das tiefblaue Wasser der Ägäis.

Sie denkt an ihren kranken Ehemann im neuen Flüchtlingslager. An ihren fünfjährigen Sohn, der eine Brandverletzung am linken Bein erlitten hat. An ihren Zweijährigen, der das Essen im Lager verabscheut und sich weigert, es zu essen. Sie denkt an den kommenden Winter, wenn warme Nachmittage wie dieser bald von Kälte und vielleicht Schnee abgelöst werden. Vor allem beunruhigt sie, dass es keinen klaren Weg für die Zukunft gibt. Sie hat keine Ahnung, wann sie zu ihrem Asylantrag befragt wird, obwohl es ein Jahr her ist, dass sie mit einem Schlauchboot aus der Türkei auf Lesbos angekommen ist.

"Wir hatten es in Moria besser", sagt Mohammadi mit einem Seufzer. Eine Aussage, die fassungslos machen kann — man hört sie jedoch von vielen Asylbewerbern auf Lesbos. Moria, das größte und berüchtigtste Lager Europas, war zum Synonym für einen höllischen, gesetzlosen, verkommenen Ort geworden, an dem grundlegende Menschenrechte jahrelang mit Füßen getreten wurden.

Ein Sieben-Quadratmeter-Zelt für vier Personen

Moria gibt es nicht mehr. Es wurde vergangenen Monat dem Erdboden gleichgemacht, als eine zweitägige Feuersbrunst 13.000 Asylsuchende obdachlos machte. Als Reaktion darauf errichteten die griechischen Behörden in aller Eile ein provisorisches Lager auf einem verfallenen Schießplatz der Armee, etwa 3 km südöstlich, direkt am Meer, in einem Ort namens Kara Tepe.

Nachdem sie sich wochenlang geweigert hatten, es zu betreten, leben nun etwa 7500 Menschen in dem neuen Lager, das sich über eine riesige Fläche von 35.000 Quadratmetern erstreckt. Auf sieben Quadratmetern davon steht Mohammadis neues Zuhause — ein UNHCR-Zelt, in dem sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen lebt.

Das neue Lager ist von Stacheldraht umgeben und normalerweise für Reporter und Außenstehende nicht zugänglich. Luftaufnahmen, die kürzlich von der Regierung veröffentlicht wurden und auf denen Angela Merkel und EU-Würdenträger zu sehen sind, zeigen eine Zeltstadt. Aus der Vogelperspektive wirkt sie organisiert, ordentlich, gar idyllisch gelegen.

Kein fließendes Wasser, kochen verboten

Wie kann das also schlimmer sein als Moria? Wie könnte irgendetwas schlimmer sein als Moria?

Mohammadi zählt in rascher Folge die Gründe auf: "Unsere Zelte haben keinen Boden. Es gibt kein fließendes Wasser. Essen wird nur einmal am Tag verteilt, und es ist sehr schlecht. Wenn es regnet, wird das Lager überflutet. Wenn es warm ist, hält man es kaum aus vor Hitze. In der Nacht frieren wir. Es ist uns nicht erlaubt zu kochen. Es gibt sehr wenig zu tun, besonders für die Kinder. Also, ja, dieser Ort ist schlimmer als Moria."

Ich bin für den SPIEGEL um das Lager herumgegangen. Viele der Zelte sehen dünn und wackelig aus. Die Zeltreihen sind durch schmale Schlammwege getrennt. Männer sind zu sehen, die um ihre Zelte herum Gräben ausheben, Kinder laufen ziellos auf dem Gelände herum. Näher am Meer sind einige Grüppchen dabei, zu angeln oder ins Wasser zu springen. Sie scheinen sich zu amüsieren. "Wir machen das nicht zum Spaß. Nur um uns und unsere Kleider zu waschen", erklären einige von ihnen.

Gyde Jensen (FDP), Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte und humanitäre Hilfe im Deutschen Bundestag, besuchte das Camp am Mittwoch. Jensen verstand die Herausforderungen, vor denen die griechischen Behörden nach der Zerstörung von Moria standen, war aber von dem, was sie sah, nicht beeindruckt: "Das neue Lager kann nur eine kurzfristige Notlösung sein. Es gibt noch immer keine Duschen, grundlegende Einrichtungen müssen sofort bereitgestellt werden", sagte sie dem SPIEGEL nach dem Besuch.

So wie viele Angehörige der afghanischen Minderheit in Iran, verließen Mohammadi und ihre Familie Teheran 2019, um dem Dasein als Bürger zweiter Klasse zu entkommen. Ein Monat in Istanbul und mehrere vergebliche Versuche, nach Griechenland zu gelangen, endeten mit ihrer Verhaftung durch die türkischen Behörden. Im Dezember 2019 schaffte sie es endlich.

Wie die meisten Asylsuchenden lebte sie in Moria im sogenannten Dschungel, außerhalb des massiv überfüllten offiziellen Lagers. Und wie die meisten ehemaligen Bewohner Morias verlor sie bei dem Brand vom 8. September fast alles. Das Wenige, was die Flammen überlebte, verlor sie, als schwere Regenfälle vergangene Woche das neue Lager überschwemmten und etwa 80 der 1100 Zelte zerstörten.

Ihre Habseligkeiten bestehen jetzt nur noch aus ein paar Kleidungsstücken, einem 8er-Pack Wasser in Flaschen, einem Topf, in dem sie Reis kocht, den sie im nahe gelegenen Lidl-Supermarkt kauft, und einer kleinen Schachtel mit Kinderspielzeug.

Für Mohammadi ist das Leben in den Lagern schlimmer als würdelos — es ist sinnlos. Sie wacht jeden Tag um 7 Uhr auf, um Tee zu kochen, und eilt zu einer der 400 chemischen Toiletten, solange es noch früh ist und diese noch sauber sind. Dann bereitet sie das Mittagessen vor. Den Rest des Tages verbringt sie mit ihren Söhnen und spielt mit ihnen in der Nähe ihres Zeltes.

Die griechische Regierung versucht, auf die Kritik an dem neuen Lager und dem mangelnden Schutz gegen Wetterlagen zu reagieren. Schwere Maschinen waren am Mittwoch beim Graben von Kanälen und bei Reparaturen zu sehen. Politiker versprechen, dass das Lager rechtzeitig winterfest gemacht wird. Über die Zelte wurden Regenschutzhüllen gelegt, Projekte für Hochwasserschutz, Elektrizität, Wasserversorgung und Brandschutz sind ebenfalls im Gange; Kies wird ausgelegt.

Auch Athen besteht darauf, dass das Lager eine vorübergehende Lösung darstellt. Es soll durch ein neues Gebäude ersetzt werden, das als Durchgangsort genutzt werden soll. Ein Regierungsbeamter teilte dem SPIEGEL mit, dass bis 2021 fast alle derzeitigen Asylsuchenden von den fünf sogenannten Hotspot-Inseln umgesiedelt sein werden. Das heißt, solange die Zahl der Ankömmlinge unten bleiben.

Seit Januar ist die Zahl der Migranten auf den griechischen Inseln um 49 Prozent auf 21.500 Personen zurückgegangen. In der ersten Hälfte dieses Jahres sind weniger als 1160 Migranten auf den Inseln angekommen: Eine Kombination aus der Corona-Pandemie und dem umstrittenen neuen Dogma Griechenlands, die Seegrenze aggressiv zu überwachen.

Was im neuen Lager sicherlich besser ist als in Moria: die Sicherheitslage. Entgegen der Gerüchte ist der Ort kein Gefängnis. Die Bewohner können das Lager morgens verlassen, müssen aber bis 19 Uhr zurück sein. Beim Verlassen zeigen sie ihre Papiere vor und erhalten eine nummerierte Karte, die sie bei der Rückkehr wieder abgeben müssen. Die Beamten überprüfen dann ihre Temperatur und ihre Taschen und entfernen alle potenziellen Waffen, wie zum Beispiel Scheren. Wer zu spät kommt, zahlt eine Strafe von 25 Euro.

Viel Polizei, wenig medizinisches Personal

Ebenfalls anders als in Moria ist die Polizei allgegenwärtig und hilft bei der Bekämpfung der Gewalt, die ein Problem im früheren Lager war. Seit Januar waren dort sechs Morde begangen worden.

Nicht allgegenwärtig ist hingegen medizinisches Personal. Als die Nacht hereinbricht, hat Mohammadi Schmerzen. Ihr Zahn tut unerträglich weh. Das Lager hat keinen Zahnarzt. Das Krankenhaus würde sich um sie kümmern, dafür bräuchte sie jedoch eine ärztliche Überweisung. Doch nach der Ausgangssperre um 19 Uhr ist kein Arzt mehr im Lager.

Also muss Mohammadi bis zum Morgen warten. Aber sie kommt damit zurecht. "Ein schlimmer Zahn ist das geringste meiner Probleme."

Icon: Der Spiegel

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