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Coronavirus: Ärzte und Virologen stellen sich gegen Maßnahmen, haben aber keine Lösung

October 29
05:19 2020
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"Bitte Maske aufsetzen": Hinweisschild in einer Bar

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Es ist die Woche der Positionspapiere: Nachdem sich am Dienstag führende Wissenschaftsorganisationen in Deutschland zu Wort gemeldet haben, veröffentlichte die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) am Mittwoch ein weiteres Papier, das von einer ganzen Reihe ärztlicher Fachgesellschaften unterstützt wird.

Allerdings könnten die Positionen der beiden Papiere nicht unterschiedlicher sein:

  • Die Deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Leibniz-Gemeinschaft und die Max-Planck-Gesellschaft verwiesen unter der Überschrift "Die Situation ist ernst" darauf, dass Kontakte um 75 Prozent reduziert werden müssten, um die Kontaktverfolgung wieder zu ermöglichen und einen deutlichen Anstieg der Behandlungsbedürftigen in den Krankenhäusern und der Sterbezahlen zu verhindern (hier).

  • Die KBV und ihre Unterstützer – darunter etwa der Deutsche Hausärzteverband und der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, zu denen zahlreiche Bundesverbände gehören – plädieren dagegen in vier Kernthesen dafür, sich auf den Schutz von Risikogruppen zu konzentrieren und die bereits geltenden Hygienemaßnahmen gezielter zu kommunizieren (hier).

Vorgestellt wurde das KBV-Papier auf einer Pressekonferenz mit KBV-Chef Andreas Gassen, dem Bonner Virologen Hendrik Streeck, dem Hamburger Virologen Jonas Schmidt-Chanasit und dem stellvertretenden Vorsitzenden der KBV, Stephan Hofmeister. Der Zeitpunkt dürfte kein Zufall gewesen sein: Die Veranstaltung fand kurz vor der Verkündung eines weiteren Shutdowns statt.

In ihren Beratungen haben Bund und Länder nun beschlossen, dass ab Montag die Gastronomie sowie Kultur- und Freizeitstätten für vier Wochen zu schließen sind. In dieser Gemengelage sorgte der Auftritt der Fachleute für reichlich Irritation. Der Überblick über die Kernthesen des Papiers, das als "Gemeinsame Position von Wissenschaft und Ärzteschaft" bezeichnet wird, sowie zentrale Punkte aus der Pressekonferenz.

Shutdown weder zielführend noch umsetzbar

"Eine pauschale Lockdownregelung ist weder zielführend noch umsetzbar", sagte KBV-Chef Gassen. An dieser Stelle müsste zunächst definiert werden, was genau das Ziel ist. Geht es darum, die Ausbreitung des Virus einzudämmen und somit große Teile der Bevölkerung vor einer Infektion und Erkrankung zu schützen, muss Gassen klar widersprochen werden: Die Erfahrungen aus dem Frühjahr aus Deutschland, Italien und vielen anderen Ländern, in denen Kontaktbeschränkungen oder sogar Ausgangssperren galten, zeigen, dass ein Shut- oder Lockdown Infektionsketten effektiv unterbrechen kann – die Zahlen der Infizierten sanken deutlich.

Die Frage ist allerdings, ob ein Shutdown alternativlos ist. Als Gegenvorschläge liefern die Experten "Gebote statt Verbote" und das Ampelsystem. In der Pressekonferenz wiederholt nach konkreten Lösungsansätzen gefragt, hatten sie allerdings keine handfesten Vorschläge.

Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen war da in einer Gesprächsrunde mit Journalistinnen und Journalisten deutlicher geworden: "Wir haben jetzt zwei Möglichkeiten", erklärte Priesemann. "Entweder nähern wir uns der Belastungsgrenze der Krankenhäuser an und hangeln uns dann mit dauerhaften Einschränkungen des öffentlichen Lebens an dieser entlang, oder wir drücken die Zahlen einmal durch kurze, starke Maßnahmen so sehr in den Keller, dass wir Ausbrüche wieder kontrollieren können."

Recht hat Gassen allerdings, wenn er von bleibenden Schäden für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft spricht. Denn auch das haben die Beschränkungen gezeigt: Der Shutdown im Frühjahr brachte weitreichende finanzielle Konsequenzen für verschiedene Bevölkerungsgruppen mit sich. So sind einer Umfrage zufolge 37 Prozent der Haushalte durch die Coronakrise finanziell schlechter gestellt als zuvor. Jeder Fünfte klagt über finanzielle Einbußen von 30 bis 50 Prozent. Auch psychologische Auswirkungen der Coronakrise rücken zunehmend in den Fokus.

Gebote statt Verbote

"Wir setzen auf Gebote anstelle von Verboten, auf Eigenverantwortung anstelle von Bevormundung. Verbote oder Bevormundung haben eine kurze Halbwertszeit und entsprechen nicht unserem Verständnis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung", steht im Positionspapier.

Virologe Streeck sagte in der Pressekonferenz, es werde ein Marathon und kein Sprint, und "deshalb ist es wichtig, dass wir über Gebote reden, dass die Maske zum Beispiel sexy wird, dass wir einen Weg haben, ein Leben zuzulassen, ohne andere Menschen zu gefährden". Schmidt-Chanasit erklärte, die AHA-L Regeln und die Corona-App seien nach Erachten der Fachgruppe ausreichend, wenn sie konsequent um- und durchgesetzt würden.

Seit Monaten wird an alle Menschen appelliert, sie sollten sich konsequent an die Regeln halten, ihre Kontakte einschränken – und insbesondere jetzt die Kontakte noch stärker einschränken. Aber offensichtlich reicht das vielerorts nicht, um das Virus effektiv einzudämmen. Und an diesem Punkt muss die Politik entscheiden, ob sie lieber nur bittet und in ein paar Wochen überfüllte Intensivstationen in Kauf nimmt – oder aber stärkere Einschränkungen verordnet.

Für echte Einschränkungen plädieren auch die führenden Wissenschaftsorganisationen in ihrer Stellungnahme vom Dienstag. "Um einen ähnlichen Verlauf der Pandemie wie in vielen Nachbarstaaten noch verhindern zu können, müssten jetzt klare Entscheidungen getroffen und schnell umgesetzt werden", heißt es darin. Je früher und konsequenter das geschehe, desto kürzer könnten die Beschränkungen sein." Ein ganz anderer Tonfall also als im Statement der KBV.

Fokus auf den Schutz der Risikogruppen legen

Während sich Sars-CoV-2 in den vergangenen Monaten vor allem unter jüngeren Menschen ausgebreitet hat, nimmt mit den steigenden Fallzahlen auch die Infektionsrate älterer Menschen wieder zu. Sie gelten neben chronisch Kranken als wichtigste Risikogruppe, ihr Schutz – darin sind sich die meisten Virologen weltweit einig – hat besondere Priorität. Allein: Wie soll der aussehen?

Im Positionspapier nennen die Unterzeichner vier Punkte, die sie für erforderlich halten, um Risikogruppen zu schützen:

1. Besucher in Seniorenwohnheimen und Kliniken erhalten nur nach negativem Antigen-Schnelltest Zugang: Das wäre wünschenswert, um zu verhindern, dass die Bewohner und Patienten gegen ihren Willen isoliert werden. Das Problem aber ist: Bislang sind Antigen-Schnelltests noch nicht flächendeckend verfügbar und damit Zukunftsmusik.

2. Das Personal wird regelmäßig getestet: Noch ist auch das längst nicht Routine. Angesichts zunehmender Testungen und drohender Kapazitätsprobleme müsste hier auch über die Priorisierung entschieden werden, wer in der Bevölkerung getestet wird – und wer nicht.

3. Personal und Besucher tragen FFP2-Masken: Je besser die Filterfunktion der Maske, umso größer der Schutz. Warum die Experten hier FFP2-Masken und nicht die – noch effektiver schützenden – FFP3-Masken empfehlen, ist unklar. Auch die Verfügbarkeit ist möglicherweise fraglich.

4. Nachbarschaftshilfe für Personen aus Risikogruppen soll etabliert und Personen in Selbstisolation unterstützt werden: Die meisten Menschen, die zu den Risikogruppen zählen, leben nicht in Pflegeheimen. Sie regeln ihren Alltag selbst. Dem Vorschlag wohnt die Idee inne, dass diese Menschen sich nun sehr stark isolieren sollen, etwa indem sie per Nachbarschaftshilfe den Wocheneinkauf vor die Tür gestellt bekommen und sonst in Selbstisolation bleiben. Ob es menschlich richtig ist, von jenen, die ein höheres Risiko haben, größere Opfer zu verlangen – darüber lässt sich sicher streiten. Nicht bedacht sind dabei all jene, die zwar zur Risikogruppe zählen, aber sich gar nicht völlig isolieren können, weil sie oder die Menschen, mit denen sie zusammenleben, berufstätig sind.

Eine Ampel für alles

Im Positionspapier wird gefordert, dass ein bundesweit einheitliches Ampelsystem eingeführt wird, anhand dessen sowohl auf Bundes- als auch auf Kreisebene die aktuelle Lage auf einen Blick erkennbar wird. Sie solle nicht nur auf der Zahl der Neuinfektionen beruhen, sondern "alle relevanten Kennzahlen wie Infektionszahlen, Anzahl der durchgeführten Tests, stationäre und intensivmedizinische Behandlungskapazitäten" enthalten. Damit solle sie früh auf eine Überlastung des Gesundheitswesens hinweisen und eine gute Einschätzung der Gefährdungslage der Risikogruppen ermöglichen.

Virologe Streeck sagte in der Pressekonferenz, allein auf die Infektionszahlen zu schauen, sei zu wenig. Auf die Intensivbetten zu blicken aber wiederum zu spät. Gassen betonte: "Man kann nicht sagen, dass die Infektionszahlen uns nicht interessieren."

Tatsächlich gab es seit Beginn der Coronavirus-Pandemie ein Ringen, die aktuelle Lage bestmöglich mit verschiedenen Kennzahlen zu erfassen – so blickte man etwa zu Beginn auf die Verdopplungsrate oder auf die Reproduktionszahl, als die Zahlen rasant stiegen. Später wurde die 7-Tage-Inzidenz als relevantere Größe eingestuft.

Und es macht beispielsweise einen Unterschied, ob hundert Neuinfizierte zwischen 20 und 30 Jahre alt sind oder ob sie alle 70 Jahre und älter sind. Im letzteren Fall muss man mit einem deutlich höheren Anteil schwerer Verläufe rechnen, also mit Patientinnen und Patienten, die im Krankenhaus oder intensivmedizinisch betreut werden müssen.

Dass aktuell allein anhand der Neuinfektionen etwa lokale Maßnahmen umgesetzt werden, hängt aber mit einem reellen Engpass zusammen: Ab einem bestimmten Wert schaffen die Gesundheitsämter es nicht mehr, Kontakte systematisch nachzuverfolgen. Wer nicht ahnt, dass er infiziert sein könnte, steckt dann im Zweifel weitere Menschen an. Wer informiert wurde und sich isoliert hat, nicht.

Ein zentraler Überblick über wichtige Kennziffern wäre sicher hilfreich. Aber der Überblick allein verhindert keine weiteren Infektionen: Das tun die daraus abgeleiteten Maßnahmen.

Abkehr von Eindämmung "allein" durch Kontaktverfolgung

Ein wichtiger Teil der deutschen Strategie zur Pandemieeindämmung ist die Kontaktnachverfolgung. Dabei müssen die Gesundheitsämter möglichst rasch alle Kontaktpersonen von Corona-Positiven ausfindig machen und Quarantäne anordnen, damit diese niemanden anstecken können.

Diese Strategie sei im aktuellen Pandemiegeschehen nicht mehr haltbar, hieß es auf der Pressekonferenz, und so steht es auch im Positionspapier. "Wir haben es in den Sommermonaten nicht geschafft, die Kontakte vollends nachzuverfolgen und die Pandemie komplett einzudämmen", sagte Hendrik Streeck. Im Herbst dürfe die Kontaktpersonennachverfolgung daher nicht das alleinige Mittel zur Pandemiebekämpfung sein.

Doch "alleiniges Mittel" war die Kontaktnachverfolgung nie. Immer wieder predigte das RKI in den vergangenen Monaten, dass die wichtigsten Säulen der Pandemiebekämpfung ein Trio seien – und nur als solches funktionieren: Eindämmung – Schutz – Folgenmilderung. Da nie eine einzelne Maßnahme eingeführt wurde, sondern immer mehrere Maßnahmen gleichzeitig, ist es unmöglich, die Auswirkung einer Einzelmaßnahme zu beurteilen. Das Mittel der Kontaktnachverfolgung wurde vom RKI allerdings immer als sehr wichtig bezeichnet.

Daher sind die Gesundheitsämter auch seit Monaten überlastet. Und da haben KBV, Streeck und Schmidt-Chanasit recht: Die Auswirkungen der Pandemie treffen nicht nur die Unternehmen, die zeitweise schließen müssen, oder die Intensivstationen, sondern auch andere Bereiche. Die Gesundheitsämter in Deutschland arbeiten an sieben Tagen in der Woche im Schichtsystem, um möglichst alle Kontakte von Infizierten nachzuverfolgen. Die Zahlen der positiv Getesteten haben sich aber im Vergleich zum Frühjahr inzwischen verdoppelt. Das wirkt sich auch auf die Kontakte aus. Wie das die Gesundheitsämter länger stemmen sollen, ist tatsächlich fraglich.

Der Vorschlag von Streeck, positiv Getestete sollten ihre Kontakte selbstständig informieren, scheint daher zunächst gar nicht so schlecht. Als Beispiel nannte er Großbritannien, wo offenbar die selbstständige Information von Sexualpartnern, die man potenziell mit einer sexuell übertragbaren Krankheit angesteckt hat, gut funktioniert. Die Sache hat nur einen Haken: In der Regel weiß man, mit wem man in den letzten 48 Stunden Sex hatte. Doch wie will man herausfinden, wer am Tisch neben einem im Restaurant saß oder welche Personen im Fitnessstudio in der gleichen Umkleide waren?

Die Kontaktnachverfolgung wird daher vermutlich ein wichtiges Mittel in der Pandemiebekämpfung bleiben.

Gegenposition zu Scheinargumenten

Es mutete wie ein rhetorischer Kniff an, dass Autoren und Redner mehrfach Scheinargumente aufbauten und diese dann wieder entkräfteten. So war immer wieder zu hören, dass bislang nicht deutlich gemacht worden sei, dass die Menschen lernen müssten, mit dem Virus zu leben. Das Virus werde "nicht wie durch Zauberkraft verschwinden", sagte Gassen. Gegenfrage: Wer hat das je behauptet?

"Virologie: Im Sommer wird das Coronavirus nicht verschwinden", titelte SWR2 am 7. Mai. Der SPIEGEL schrieb sechs Tage später: "Corona-Pandemie: Der Sommer wird das Virus nicht verschwinden lassen." "WHO: Coronavirus verschwindet vielleicht nie wieder" – so oder so ähnlich berichteten schließlich diverse Zeitungen und Onlineredaktionen Mitte Mai.

"Hamburger Virologe zu Corona-Impfstoff: 'Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben'", titelte das Redaktionsnetzwerk Deutschland am 3. Juli und zitierte damit Schmidt-Chanasit. "Coronavirus: Das Virus ist gekommen, um zu bleiben", schrieb "Zeit Online" am 15. August.

Fazit: Nimmt man die Aussage der Fachleute in der Pressekonferenz ernst, dass es ihnen darum gehe, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, ihren Beitrag zur Eindämmung des Virus zu leisten, haben sie diesem Ziel mit ihrem Auftritt wohl einen Bärendienst erwiesen.

Icon: Der Spiegel

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