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Corona-Krise: Deutsche Exporteure fürchten zweite Welle

October 28
00:47 2020
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Containerschiff vor Hamburg: Als Motor für die wirtschaftliche Erholung fallen Deutschlands Nachbarn vorerst aus

Foto: Kerstin Bittner / imago images / Westend61

Da ist zum Beispiel Berlin. Nach Jahrzehnten am Subventionstropf wuchs die Wirtschaft der Hauptstadt in den vergangenen Jahren stärker als der bundesdeutsche Durchschnitt. Dabei half auch das Ausland: Der Exportanteil der Berliner Industrieumsätze stieg seit der Wiedervereinigung fast doppelt so stark wie im Deutschlandschnitt. Vor allem Pharmaprodukte made in Berlin fanden ihren Weg in die Welt.

Die positive Entwicklung sei durch die Coronakrise jedoch "jäh gestoppt" worden, heißt es in einer Studie der Investitionsbank Berlin. Zwar stiegen die Pharmaexporte in Zeiten der Pandemie um fast die Hälfte. Unterm Strich aber waren die Berliner Ausfuhren in den ersten sieben Monaten des Jahres rückläufig. Besonders heftig fiel das Minus mit 20 Prozent gegenüber den USA aus – dem wichtigste Exportmarkt für Berlin und auch Deutschland insgesamt.

Auch in anderen Teilen der Bundesrepublik blicken Unternehmen in diesen Tagen bang ins Ausland. In den vergangenen Monaten hatten die deutschen Exporte teilweise stark zugelegt, vieles deutete auf die erhoffte Erholung in V-Form hin. Nun aber steigt sowohl in Deutschland als auch bei vielen seiner Handelspartner wieder die Zahl der Infizierten – und damit die Gefahr einer erneuten einbrechenden Nachfrage.

Die Sorgen zeigen sich in den sogenannten Exporterwartungen der Industrie. Einmal im Monat fragt das Münchner Ifo-Institut rund 2300 Unternehmen, ob sie in den nächsten drei Monaten mehr, gleich viel oder weniger Produkte ins Ausland verkaufen werden und bildet aus positiven und negativen Erwartungen einen Saldowert. Der hatte nach einem massiven Einbruch im Frühjahr zuletzt wieder zugelegt. Im Oktober aber gingen die Exporterwartungen deutlich zurück – von 10,3 auf 6,6 Punkt.

"In normalen Zeiten wäre das keine allzu große Bewegung", sagt Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Doch die Zeiten sind nicht normal, die Nervosität der Wirtschaft ist hoch. Nach Ansicht von Wollmershäuer zeigt sich im Abwärtstrend eine Vorahnung der Unternehmer: "Da ist irgendetwas am Horizont." Im schlimmsten Fall eine zweite Welle, welche die Wirtschaft noch stärker trifft als die erste.

Nichts ist sicher in den USA

Ausgesprochen ungewiss fällt der Blick in die Zukunft im Fall der USA aus, Deutschlands wichtigstem Abnehmerland. Zwar erholte sich die US-Wirtschaft in den vergangenen Monaten – was US-Präsident Donald Trump als Bestätigung seines Kurses wertete. Doch mehr als 225.000 Tote und ein Anstieg der Neuinfektionen von zuletzt 20 Prozent gegenüber der Vorwoche zeigen, dass die Pandemie in den USA keineswegs besiegt ist. Hinzu kommt die Gefahr einer innenpolitischen Krise, falls Trump eine mögliche Wahlniederlage nicht akzeptieren sollte.

Hätten Trumps pompöse Ankündigungen etwas mehr Substanz gehabt, so müssten sich zumindest deutsche Exporteure nun weniger Sorgen machen. Schließlich gewann Trump die letzte Wahl auch mit dem Versprechen, die US-Industrie zu alter Stärke zu führen. Von solch einem Aufschwung hätten deutsche Maschinenbauer profitieren können, die in der Vergangenheit bereits kräftig an der Industrialisierung der Schwellenänder verdienten.

Eine neue Analyse des Kieler Instituts für Weltwirtschaft kommt jedoch zu dem Ergebnis, die US-Industrieproduktion sei im internationalen Vergleich "nur Mittelmaß". Keine der von Trump zum Teil mit Schutzzöllen protegierten Branchen sei überdurchschnittlich gewachsen, in der Autoindustrie hätten sich die positiven Tendenzen unter Trump sogar abgeschwächt. Insgesamt sei in der US-Industrie "kein Trump-Effekt erkennbar".

Besorgniserregend ist auch der Blick auf Deutschlands zweitwichtigstes Exportland, Frankreich. Gegenüber der Vorwoche stiegen die Infektionszahlen um 46 Prozent, Präsident Emmanuel Macron hat angesichts der zweiten Welle erneut den Gesundheitsnotstand ausgerufen.

Schon der erste Lockdown hatte Frankreichs Wirtschaft schwer getroffen. Umso mehr bedrohen die erneuten Einschränkungen die Existenz vieler Unternehmen, insbesondere in der berühmten Gastronomie des Landes. Frankreichs Wirtschaft dürfte in diesem Jahr laut Prognosen um gut neun Prozent schrumpfen – der schwerste Einbruch seit Jahrzehnten. Als Motor für die wirtschaftliche Erholung fällt Deutschlands Nachbar damit vorerst aus.

Hoffnungsträger China

Positiver stellt sich die Lage beim drittgrößten Abnehmer deutscher Exporte dar: China. Das mutmaßliche Ursprungsland der Corona-Pandemie legt mittlerweile wieder beeindruckende Wachstumszahlen vor. Die sind angesichts kommunistischer Planvorgaben zwar mit Vorsicht zu genießen, werden aber durch weniger manipulationsanfällige Indikatoren wie Stromverbrauch oder Autvoverkaufszahlen gestützt.

Über letztere konnten sich auch deutsche Autokonzerne freuen, die während des Lockdowns im Westen zeitweise rund die Hälfte ihrer Autos in China verkauften. "Wenn man sich die chinesischen Zahlen anschaut, weiß man, warum die Stimmung bei deutschen Herstellern recht gut ist", sagt Wollmershäuser. Mit Blick auf das gesamte Ausland wird jedoch auch die Autobranche vorsichtiger. Der Wert für ihre Exporterwartungen sank um acht Punkte.

Wenig optimistisch stimmt auch der Blick auf weitere europäische Länder: In den Niederlanden, Deutschlands fünftwichtigstem Exportland, steigen die Fallzahlen wieder steil, Patienten müssen zur Behandlung erneut nach Deutschland ausgeflogen werden. Großbritannien, die Nummer sechs, verzeichnet inzwischen mehr als 45.000 Todesopfer und mit einer Zunahme von 24 Prozent weiterhin steigende Infektionszahlen. Die Aussicht auf einen harten Brexit verunsichert die Wirtschaft zusätzlich.

Wird der zweite Lockdown glimpflicher?

Von der ersten Corona-Welle wurde kein Land so hart getroffen wie Italien, bislang starben mehr als 37.000 Menschen. Nachdem sich die Lage zwischenzeitlich beruhigt hatte, gehen auch hier die Zahlen wieder hoch. Die Regierung verhängte erneut Ausgangssperren, gegen die es in den vergangenen Tagen in verschiedenen Städten zu teilweise gewaltsamen Protesten kam.

Auch wirtschaftlich traf die Pandemie das Land schwer. "In Italien ist die Industriepoduktion wirklich heruntergefahren worden", sagt Wollmershäuer. Für den Infektionsschutz erscheine das aber nicht mehr notwendig – zumal viele Industriearbeitsplätze inzwischen von Plexiglas oder anderen Vorrichtungen geschützt würden. Selbst bei neuen Lockdowns könnte das verarbeitende Gewerbe deshalb diesmal um komplette Produktionsstopps herumkommen, vermutet der Ifo-Experte. "Das wird eine der Maßnahmen sein, die man als letzte ergreift."

Icon: Der Spiegel

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