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Corona — Eindrücke im neuen Schuljahr: Zwischen Angst und Euphorie

21 сентября
01:31 2020
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Eingeschränkter Regelbetrieb: Wie fühlt sich das an?

Foto: Julian Rettig / DER SPIEGEL; imago images

Kein Mindestabstand im Klassenraum, kein Unterricht im Schichtsystem: Das neue Schuljahr hat inzwischen in ganz Deutschland im sogenannten eingeschränkten Regelbetrieb begonnen, weitgehend normal, aber eben nicht ganz. Schülerinnen und Schüler müssen sich ebenso wie ihre Lehrkräfte auf neue Corona-Regeln einstellen. Wie klappt das? Wie fühlt sich die viel zitierte "neue Normalität" an?

Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer haben dem SPIEGEL von ihren Erfahrungen in den ersten Tagen und Wochen berichtet. In der Redaktion kamen teils sehr emotionale E-Mails an. Für die Protokolle in diesem Text haben wir mit den Absendern telefoniert, uns Eindrücke und Erlebnisse genauer schildern lassen und sie — soweit möglich — geprüft.

Das Ergebnis: ein Chor individueller Stimmen, aus denen in den kommenden Wochen und Monaten ein Gesamtbild der unterschiedlichen Perspektiven auf dieses Pandemie-Schuljahr entstehen soll.

Wie sensibel das Thema ist, zeigt sich daran, dass einige Gesprächspartner anonym bleiben wollen — weil sie sich ohne Genehmigung nicht äußern dürfen oder aus Angst vor negativen Folgen für ihr Kind. Die Klarnamen sind der Redaktion in allen Fällen bekannt. Lesen Sie hier die Protokolle:

"Nicht nur wir im Kollegium, auch die Schüler haben richtig Bock auf Schule"

N.N., Berufsschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen

"Ich habe noch nie erlebt, dass in einer neuen Schulklasse so viele Schüler einzeln auf dem Schulhof stehen und keinen Anschluss finden. Das ist sicher nicht nur der persönlichen Schüchternheit geschuldet, sondern vor allem den Corona-Regeln, wonach alle auf Distanz bleiben sollen.

In der ersten Schulwoche finden bei uns immer sogenannte Einführungstage statt, in denen es ums Kennenlernen und um Teambuilding geht. Dabei wird der Grundstein für eine gute Klassengemeinschaft gelegt. Dieses Jahr mussten die Schüler auf ihren Plätzen sitzen bleiben und durften sich nur verbal austauschen. Gruppenspiele und Interaktion waren nicht möglich. Früher entstand dadurch eine positive Dynamik im Miteinander. Dieses Jahr nicht.

Wegen Corona gibt es auch pädagogische und didaktische Rückschritte. Kooperative Lernformen zum Beispiel sind nicht mehr möglich. Ich muss meist klassischen Frontalunterricht machen. Der führt zwar dazu, dass wir Unterrichtsinhalte vielleicht etwas schneller schaffen. Aber dafür bleiben die Sozialkompetenzen, die ich als Lehrerin sonst in jeder Unterrichtsstunde fördere und auch einfordere, auf der Strecke.

Corona zeigt mir außerdem mal wieder, dass wir an den Schulen mehr Lehrer brauchen, eine bessere Ausstattung und vor allem kleinere Klassen. Durch die Abstandsregeln vor den Sommerferien haben wir zum ersten Mal ausprobiert, wie Unterricht mit 10 bis 15 Schülern laufen kann, statt wie sonst mit knapp 30. Ich habe dabei deutlich gemerkt: Je kleiner eine Gruppe ist, desto effektiver wird gelernt.

"Nach gerade mal vier Wochen liegen die Nerven blank"

Klar, es ist für uns Lehrkräfte vielleicht etwas ätzend, mehreren Kleingruppen nacheinander in Dauerschleife dasselbe zu erzählen. Aber das Positive ist: Niemand kann sich verstecken, alle kommen mal dran. Auch meine Schüler fanden das gut. Nach dem Lockdown habe ich auch gemerkt, wie schön es ist, wieder zu unterrichten. Nicht nur wir im Kollegium, auch die Schüler haben richtig Bock auf Schule — auch wenn sie das niemals zugeben würden.

Wir müssen uns nun allerdings mit neuen Herausforderungen herumschlagen: Die Maskenpflicht im Unterricht wurde in NRW zwar aufgehoben, aber einige Schüler — und ich selbst auch — tragen die Maske weiterhin, denn das Virus ist ja nicht weg. Sowohl im Gebäude als auf dem kompletten Schulgelände besteht zudem nach wie vor Maskenpflicht.

Die Pausen bestehen daher zurzeit aus einer endlosen Wiederholung der Aufforderungen: 'Setzen Sie Ihre Maske auf.' — 'Halten Sie Abstand. Das sind nicht 1,50 Meter.' — 'Auf der Bank dürfen nur zwei sitzen.' — 'Nein, Sie beißen nicht vom Schokoriegel der anderen ab.' Oder: 'Nein, Sie teilen sich auch keine Zigarette.'

Wenn dann nur die Augen verdreht werden, geht es ja noch. So mancher Spätpubertierende will aber auch schon mal anhand seiner Penisgröße demonstrieren, wie lang 1,50 Meter sind. Es hat etwas von Realsatire. Aber es ist vor allem nervig und anstrengend und macht die Beziehung zu den Schülern schlechter, wenn man ständig reglementieren und erinnern und ermahnen muss. Schön ist das für alle nicht. Nach gerade mal vier Wochen liegen die Nerven blank."

"Ich sollte darüber nachdenken, das Abitur abzubrechen"

Maurice Bartz, 20, Abiturient und Risikopatient aus Berlin

"Mein Dünndarm ist nur ein Zehntel so lang wie bei anderen Menschen. Ich habe das Kurzdarmsyndrom. Außerdem ist mein Immunsystem wegen einer Herzmuskelentzündung geschwächt. Als ich der Direktorin meiner Schule nach dem Lockdown mailte, ich sei Risikopatient und habe Angst, in die Schule zu zurückzukehren, sagte sie mir, ich müsse kommen. Ansonsten sollte ich darüber nachdenken, das Kolleg abzubrechen oder ein Jahr auszusetzen. Ich war schockiert, dass es keine andere Möglichkeit für Risikopatienten geben sollte.

Meine Schule und der Senat hatten ein halbes Jahr Zeit, aber anstatt an einer Lösung zu arbeiten, stellten sie sich quer. Dabei gehören viele Lehrer ja auch zur Risikogruppe. Warum können die denn nicht die Risikoschüler online unterrichten, so wie das von der Politik zugesagt wurde und an einigen Schulen auch umgesetzt wird?

Die Lehrer an meiner Schule nehmen die Maßnahmen ernst, weisen auf die Maskenpflicht hin, benutzen verschiedene Ein- und Ausgänge und lüften in den Klassenzimmern, aber manchmal sitzen mehr als 15 Leute in einem Klassenraum. Dies ist grundsätzlich kein Verbot, da Berlin die Abstandsregel für die Schulen aufgehoben hat. Auf den Pausenhöfen sind die Leute auch oft eng beieinander. Was ich verstehen kann. Immerhin müssen wir im Unterricht auch nah beieinander sitzen.

Ich bin in der 12. Klasse, in anderthalb Jahren mache ich Abitur. Ich will die Schule nicht abbrechen und habe mich deswegen dafür entschieden, am Unterricht teilzunehmen. Ich weiß, dass ich damit ein großes Risiko eingehe: Ich könnte mich anstecken und sogar mit Covid-19 sterben. Aber ich versuche, nicht daran zu denken, das würde mich verrückt machen."

"Ich gehe jeden Tag mit einem unguten Gefühl in die Schule"

N.N., Lehrer und Risikopatient aus Berlin

"Ich habe Diabetes, Typ 1. Vor der Coronakrise hatte mich die Krankheit nicht großartig eingeschränkt, aber das hat sich völlig geändert. Ich gehöre zur Risikogruppe und bin Lehrer an einer weiterführenden Schule. Die Regeln zum Infektionsschutz werden dort immer wieder nicht eingehalten oder sind gar nicht umsetzbar. Ich fühle mich deshalb von der Politik im Stich gelassen und gehe jeden Tag mit einem unguten Gefühl in die Schule.

Wir sollen regelmäßig lüften, und in den Klassenräumen klappt das halbwegs. Aber in den Gängen gibt es gar keine Fenster, die wir öffnen könnten. Es gibt zudem etliche Schülerinnen und Schüler, die sich weder an den Mindestabstand auf dem Schulhof noch an die geltende Maskenpflicht in den Fluren und Gemeinschaftsräumen halten. Wenn ich sie ermahne, sagen einige nur: 'Chill mal.'

Ich habe das Gefühl, dass ich mich in der Schule einem großen Infektionsrisiko aussetze, während ich in meinem Privatleben sehr vorsichtig bin. Seit Monaten treffe ich mich allenfalls mal draußen im Garten mit wenigen Freunden.

Um mich besser geschützt zu fühlen, wünsche ich mir in Berlin eine Maskenpflicht auch für den Unterricht. Es gibt einige Schüler, die durchaus Rücksicht auf mich nehmen. Die setzen ihre Maske in meinem Unterricht freiwillig auf und fragen, wie es mir geht — und warum ich nicht zu Hause bleibe, wenn ich Angst vor Ansteckung habe. Ich habe ein Attest, ich könnte das tun. Aber ich arbeite gerne, ich möchte mich einbringen und fühle mich verantwortlich für meine Schule und für meine Klasse.

Die brauchen den persönlichen Kontakt, und Fernunterricht scheitert schon an technischen Voraussetzungen. Ich habe mal in meiner Klasse nachgefragt: Von 26 Schülern hatten zwei einen Drucker und etwa jeder Fünfte einen Laptop. Ich versuche jetzt, auf eigene Faust Kompromisse zu finden. Ich habe mir FFP2-Masken bestellt. Ohne gehe ich nicht in die Schule. Sportunterricht mache ich, solange es das Wetter irgendwie zulässt, nur draußen, im Zweifel bis es schneit."

"Mir war wichtig, dass wir nicht hysterisch werden"

Susanne Hilbig-Rehder, Leiterin der Heinrich-Hertz-Schule in Hamburg

"Als die erste Schülerin am Mittwoch vor zwei Wochen positiv getestet wurde, habe ich das erst mal hingenommen. So ungewöhnlich ist das nicht, wir hatten an unserer Schule schon häufiger Verdachtsfälle. Doch am nächsten Tag hat sich ein Lehrer gemeldet. Auch sein Testergebnis: positiv. Außerdem hatten Eltern weitere Verdachtsfälle gemeldet. Die Informationen haben sich in meinem Kopf sofort verknüpft. Für einen Moment hat mich das wirklich erschreckt.

Ich habe an das Gesundheitsamt, meine Schulaufsicht und das sogenannte Coronapostfach der Schulbehörde geschrieben. Unterdessen kam ein weiteres positives Testergebnis aus dem 8. Jahrgang.

Das Gesundheitsamt hat dann genau die Frage gestellt, auf die wir uns im Leitungsteam schon vorbereiteten: Wer hatte wann mit wem Kontakt? Da es Verbindungen zwischen den drei Betroffenen gab, hat das Amt entschieden, die beiden betroffenen Klassen und einen eng definierten Kollegenkreis sofort in Quarantäne zu schicken.

Ich habe das Kollegium als Ganzes informiert, die betroffenen Lehrkräfte und Eltern, und dann die ganze Elternschaft. So konnte gar nicht erst der Eindruck entstehen, wir wollten hier etwas verschweigen oder kleinmachen.

Am nächsten Tag gab es zwei weitere positive Tests. Das Gesundheitsamt entschied, beide Jahrgänge, also fast 400 Schülerinnen und Schüler, und alle 200 Bediensteten testen zu lassen. Die Vorbereitung dafür lief am Wochenende und war sehr aufwendig. Bei 12 und 14 Jahre alten Kindern müssen die Eltern das schließlich genehmigen, niemand darf dazu gezwungen werden.

Über das Wochenende ordnete das Gesundheitsamt an, dass der 6. und 8. Jahrgang komplett in Quarantäne müssen — und das halbe Kollegium auch. Nebenbei den Schulbetrieb zu organisieren, war ein echter Balanceakt. Tausend Schüler sollten weiter zum Unterricht kommen — allerdings mit Maske, bis das Infektionsgeschehen aufgeklärt ist. Die Schulpflicht wird ja nicht ausgesetzt, hier hat sich das Hygienekonzept mit den unterschiedlichen Kohorten bewährt.

Die Tests fanden auf unserem Parkplatz statt, fast alle machten mit. Insgesamt waren schließlich 33 Schüler und drei Mitarbeiter positiv.

In dieser Zeit habe ich kaum geschlafen. Die ganze Situation war mit vielen Ängsten und Emotionen in der Schulgemeinschaft verbunden, mir war es wichtig, dass wir nicht hysterisch werden. Deswegen habe ich unglaublich viel kommuniziert. Eltern und Kollegen haben jeden Tag ein Update gekriegt.

Es gab trotzdem Eltern, die sich für eine komplette Schulschließung oder mehr Hygiene aussprachen oder im Gegenteil die Maskenpflicht nicht akzeptieren wollten oder die Gefahr ganz leugneten. Aber insgesamt habe ich in der Zeit unheimlich viel Zuspruch bekommen. Ich habe noch nie so viele Blumensträuße gekriegt.

Glücklicherweise gab es bei den Erkrankten keine schlimmen Verläufe. Am Montag sollen die letzten Schüler und Lehrkräfte in den Präsenzunterricht zurückkommen."

"Wir haben ein groß angelegtes Corona-Testverfahren gestartet"

Clemens Becker, 64, Chefarzt und Vater aus Baden-Württemberg

"Meine Frau und ich sind Ärzte, eines unserer Kinder, zehn Jahre alt, geht auf eine evangelische Schule in Stuttgart. Dort haben wir ein groß angelegtes Corona-Testverfahren gestartet, ebenso an zwei weiteren Schulen desselben Trägers. Wenige Tage vor Ende der Sommerferien konnten sich alle Schülerinnen und Schüler sowie alle Lehrkräfte und sonstigen Mitarbeiter der Schule testen lassen, rund 2000 Menschen.

Um Zeit und Kosten zu sparen, wurden in einem Poolverfahren immer zehn Proben aus einer Klasse gemeinsam getestet; nur wenn etwas auffällig gewesen wäre, hätten wir die einzelnen Proben ausgewertet. Fast alle haben mitgemacht, und so lagen zum ersten Schultag die Ergebnisse vor: Alle waren negativ. Ich hoffe, dass wir viele Lehrer, Schüler und Eltern entlasten konnten, die Angst vor einer Ansteckung in der Schule hatten. Es herrscht jedenfalls eine riesige Erleichterung.

Für mich als Vater gab es noch einen Grund, aktiv zu werden: Das Homeschooling in den vergangenen Monaten war für uns eine Herausforderung, die wir eigentlich nicht bewältigen konnten. Wir können nicht von zu Hause arbeiten, und so geht es vielen Eltern, die in der Medizin und Pflege tätig sind. Deshalb bloß kein Homeschooling, bitte.

Gleichzeitig wollen wir gerne unser Wissen und Können zur Verfügung stellen. Wir haben andere Eltern mit Fachkenntnissen gefragt, ob sie mitmachen, in nicht mal zwei Stunden hatte ich einige Dutzend Mitstreiter. Alle wissen, worauf es ankommt. Es ist zum Beispiel wichtig, dass sich auch die Helfer testen lassen. Sind die infiziert, sind Proben verseucht. Der Schulträger hat den größten Teil der Kosten übernommen, eine Summe im unteren fünfstelligen Bereich.

Ich weiß, dass die Ergebnisse nur eine Momentaufnahme sind und sich Schüler und Lehrkräfte ständig irgendwo anstecken können. Aber wir haben gezeigt: So eine Schultestung ist machbar, die Akzeptanz ist da. Wenn regional die Fallzahlen steigen, könnten Schulen eine Stichprobe durchführen und hätten zumindest vorübergehend Gewissheit."

"Es gibt immer noch kein Konzept für digitalen Unterricht"

Michael T., Vater aus Nordrhein-Westfalen

"Mir steckt die Zeit vor den Sommerferien noch in den Knochen. Meine 16 Jahre alte Tochter saß heulend auf dem Bett und sagte mir, sie wünsche sich die Schule zurück. Monatelang hatte sie nur zwei Stunden Online-Unterricht in der Woche und ihr fehlte der geregelte Tagesablauf. Sie erhielt jeden Freitag Mails mit Aufgaben. Einmal war ein Zettel dabei, auf dem 180 Mathematikaufgaben standen. Da ist sie ausgerastet. Auf alle Arbeiten, die sie eingereicht hat, bekam sie nur eine Rückmeldung. So kann Unterricht doch nicht aussehen.

Wir waren immer zufrieden mit der Schule, doch in der Krise hat sie sich von einer anderen Seite gezeigt. Meine Tochter hat nichts Neues gelernt, höchstens alten Stoff wiederholt. Hätte die Schulleitung wenigstens zugegeben, dass der Unterricht während des Lockdowns nicht gut gelaufen ist, hätte ich mehr Verständnis aufbringen können. Aber es wurde immer so getan, als sei alles unter Kontrolle. Das macht mich wütend.

Inzwischen geht meine Tochter wieder auf ihr Gymnasium. Sie ist jetzt in der 10. Klasse und trägt im Klassenzimmer eine Maske. Das ist zwar nicht schön, aber eben der Preis, den die Schüler zahlen müssen, damit die Schule überhaupt offen bleiben kann. Ungefähr 15 Prozent des Unterrichts fallen allerdings aus, noch dazu manchmal sehr kurzfristig. Kann die Schule das nicht anders regeln?

Was mich richtig aufregt: Das Gymnasium hat uns Eltern kein schlüssiges Konzept vorgelegt, wie der verpasste Stoff aus dem vergangenen Halbjahr nachgeholt werden soll. Wir wissen auch nicht, was passiert, wenn die Schule wegen des Infektionsgeschehens wieder schließen müsste. Das Gymnasium hatte sechs Monate Zeit, aber es gibt immer noch kein Konzept für digitalen Unterricht. Da ist nach meinem Eindruck nichts passiert."

"Ich bin am Ende meiner Kraft"

Monika Gotthart aus Düsseldorf, Mutter von Marcel, 16, Förderschüler mit schweren Behinderungen

"Der erste Schultag nach den Sommerferien hätte für meinen Sohn Marcel auch gleich wieder der letzte sein können. Meine Mutter hat ihn an dem Tag ausnahmsweise abgeholt und mir später erzählt, wir müssten Marcel ab jetzt entweder selbst zur Schule fahren oder er könne halt nicht mehr zum Unterricht gehen. Das habe ihr der Klassenlehrer gesagt.

Normalerweise wird Marcel vom Behindertentransport der Schule mitgenommen. Aber der Schulträger LVR hat entschieden, dass nur noch Schüler mitdürfen, die eine Maske tragen. Marcel kann das aber nicht. Er ist schwerstmehrfachbehindert und Epileptiker und zieht sich die Maske immer sofort wieder ab.

Für mich war das ein ziemlicher Schock. Marcel zweimal am Tag eine knappe Dreiviertelstunde durch den Düsseldorfer Stadtverkehr zu fahren, ist Stress pur. Ich bin Migränepatientin und alleinerziehend. Meinen Minijob, der für mich ein wichtiger Ausgleich zur Pflege meines Sohnes ist, kann ich dann auch nicht mehr machen.

Der LVR begründet seine Entscheidung damit, dass unter den Schülern viele Risikopatienten sind, die geschützt werden müssen. Und dass die Beförderung sowieso ein freiwilliges Angebot ist. Ich finde das nicht korrekt. Schließlich wirbt der LVR damit, die Kinder in die Schule zu bringen. Und er hatte ein paar Monate Zeit, sich zu überlegen, wie er die Gesundheit aller Kinder schützen kann.

Doch beim LVR habe ich niemanden erreicht, mit dem ich das Problem besprechen konnte. Die Zuständige rief mich über Tage nicht zurück. Ich habe dann bei der Stadt einen Eilantrag auf Einzelbeförderung gestellt, doch der wurde abgelehnt. Die Begründung: Der LVR sei zuständig. Dort könnte ich einen Antrag auf Kostenübernahme für einen Einzeltransport stellen. Aber die Anforderungen seien sehr hoch.

Ich habe dann noch mal die Vorgesetzte bei der Stadt angeschrieben und auch die Schulleitung. Aber mir blieb nichts anderes, als Marcel weiter zur Schule zu fahren.

Nach knapp einem Monat gab es wenigstens einen Lichtblick: Die Stadt hat sich gemeldet, dass Marcel für die Fahrt eine Integrationshelferin bekommt, die ihm die Maske immer wieder aufsetzt, wenn er sie runterzieht. Die Ankündigung ist jetzt zwei Wochen her, passiert ist aber nichts.

Allerdings hat sich Mitte der Woche endlich eine Dame vom LVR gemeldet: Sie habe meine Anträge vorliegen und überbringe mir jetzt die glückliche Nachricht, dass Marcel einen Einzeltransport bekommt. Ich bin zwar erleichtert, finde es aber unmöglich, dass das so lange gedauert hat. Ich bin am Ende meiner Kraft.

Und ganz durch ist das Thema leider noch nicht: Das Beförderungsunternehmen will Marcel deutlich später hinbringen und früher abholen als üblich. Marcel hat Schulpflicht, und ich möchte nicht, dass er so viel Unterricht verpasst. Ich muss also weiter hinterhertelefonieren."

"Wir denken über Privatlehrer und Privatschulen nach"

Gesa Schwerdtfeger, Mutter von zwei Kindern, 7 und 11 Jahre alt, aus Baden-Württemberg

"Aus meiner Sicht haben unsere Kinder wegen der Schulschließungen in den vier Monaten vor den Sommerferien keine Schule gehabt, und meine Sorge ist, dass sie auch die kommenden vier Monate nichts lernen. Sobald ein Corona-Fall an ihrer Schule auftaucht, fällt der Unterricht wieder aus. Die Digitalisierung böte viele Möglichkeiten, aber die werden nicht genutzt.

Auf die Frage, ob die Lehrerinnen und Lehrer von zu Hause Video-Unterricht geben könnten, hieß es am Gymnasium unseres Sohnes, das er seit diesem Schuljahr besucht, dies sei aus Datenschutzgründen nicht möglich. Aber Datenschutz interessiert mich als Mutter im Moment wirklich gar nicht. Mir ist wichtig, dass mein Kind jetzt etwas lernt.

Vor den Osterferien in Baden-Württemberg, als die Schulen zu waren, haben mein Mann und ich uns abwechselnd einen Tag frei genommen, um mit unseren Kindern die Wochen- und Tagespläne durchzuarbeiten. Wir haben morgens um 9 Uhr angefangen, mit ihnen zu lernen, und waren nachmittags um 15 Uhr durch. Danach kamen Korrekturen und Besprechung. Erst am Abend waren wir fertig. Das ist nicht noch mal machbar.

Ich bin jetzt absolut dafür, Abstand zu halten und die Anti-Corona-Maßnahmen einzuhalten. Wir müssen wirklich keine großen Feste feiern. Aber an den Schulen muss guter Unterricht laufen, wenn nicht vor Ort, dann mindestens digital. Es ist traurig, dass dies nicht an jeder Schule garantiert ist. Wir denken über Privatlehrer und Privatschulen nach, weil wir nicht wissen, wie wir die Situation im Zweifel noch mal auffangen sollen.

Es ist absurd. Mein Mann und ich haben vor Corona öfter überlegt, wie schön es wäre, die Kinder mal für ein halbes Jahr aus dem Unterricht nehmen zu können, um reisen zu gehen. Das ist aufgrund der Schulpflicht aber nicht möglich, und nun wirkt es, als sei sie plötzlich ausgesetzt."

"Ich ärgere mich über die teils massive Kritik an der Schulpolitik"

Holger Schmenk, Schulleiter an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen

"Ich bin sonst eher gelassen, war aber kurz vor Beginn des neuen Schuljahrs besorgt. Ich nehme Corona sehr ernst und empfinde eine große Verantwortung für die rund 1200 Schülerinnen und Schüler und das Kollegium an meiner Schule, die wieder bei voller Besetzung im Klassenraum loslegen sollten. Der Schulstart verlief bei uns dann aber zum Glück weitgehend problemlos.

Im alten Schuljahr hat das Ministerium teils sehr kurzfristig, etwa am Samstag, per Mail Ansagen gemacht, die wir am Montag umgesetzt haben sollten. Das war ein Ärgernis. Zum neuen Schuljahr gab es dagegen rechtzeitig recht klare Vorgaben, etwa zur Maskenpflicht im Unterricht und zum Thema Lüften. Wir können diese gut umsetzen. Alle Kollegen haben Schlüssel für unsere abschließbaren Fenster bekommen. Sie lassen zudem die Türen offen. Um Gedränge in den Fluren zu vermeiden, gibt es ein Einbahnstraßensystem. Sport wird bisher nur draußen durchgeführt.

Ein IT-Team hat ein Konzept für digitalen Unterricht entwickelt. So schalten wir zum Beispiel Schüler in Quarantäne per Video zu und stellen Aufgaben in unsere neue Lernplattform ein. Leider scheitert manches, weil wir teilweise kein WLAN haben und die Schule nicht am Glasfasernetz angeschlossen ist.

Alles in allem können wir sicher nicht perfekt arbeiten, aber ich ärgere mich über die teils massive Kritik an der Politik. Wenn man bedenkt, dass wir eine besondere Situation haben, läuft doch vieles bemerkenswert gut. Und was wäre die Alternative?

Die Schulen zu öffnen, ist für mich der absolut richtige Schritt. Kinder und Jugendliche müssen lernen, und während des Lockdowns drohten manche zu vereinsamen. Ich bin sehr froh, dass die meisten nun wieder da sind. Ich weiß, dass das nicht jeder so sieht. Es gibt bei uns die ganze Bandbreite von teils überbesorgten Eltern bis hin zu wenigen Corona-Leugnern. Um Ängste zu nehmen und aufzuklären, versuchen wir, sehr viel mit allen Beteiligten zu kommunizieren, sei es über die Website oder persönlich. Transparenz ist hier der einzig richtige Weg."

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