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Bill Gates im SPIEGEL-Gespräch: «Ich habe das Coronavirus nicht erschaffen»

15 сентября
07:42 2020
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Bill Gates, der zweitreichste Mann der Welt

Foto: Daniel Berman / REDUX / laif

Microsoftgründer Bill Gates hält es für möglich, dass schon im kommenden Monat ein Corona-Impfstoff eine Notfallzulassung erhalten könnte. Es bestehe "eine winzig kleine Chance", dass die Pharmaunternehmen Pfizer und Moderna bis Ende Oktober genug Daten zusammen hätten, um diese für ihre Impfstoffe zu beantragen, sagte Gates im Gespräch mit dem SPIEGEL.

Gates hat mit der Bill & Melinda Gates Foundation in den vergangenen zehn Jahren mehr als 20 Milliarden US-Dollar in Impfstoffe investiert. Bei AstraZeneca, Johnson & Johnson, Novavax und Sanofi sowie den beiden RNA-Impfstoffen von Pfizer und Moderna erwarte er sicher, so Gates, "dass drei oder vier von diesen sechs Vakzinen bis Anfang 2021 eine Notfallzulassung erhalten".

Sogenannte RNA- und DNA-Impfstoffe gegen das Coronavirus wie sie derzeit auch die deutschen Pharmaunternehmen CurVac und Biontech entwickeln, seien laut Gates allerdings "wahrscheinlich nicht die große Lösung". Wenn man "weitere fünf oder zehn Jahre warten" könne, wären diese Impfstoffe wahrscheinlich so weit. Jetzt aber sei es "unwahrscheinlich, dass wir diese Impfstoffe in Entwicklungsländern in großem Maßstab einsetzen können".

Bevor die Pandemie unter Kontrolle sei, erwartet Gates Millionen Todesfälle durch Covid-19. "Die überwiegende Mehrheit der Todesopfer wird jedoch nicht Teil der offiziellen Opferzahlen sein", sagte er. Weil Covid-19 "die Räder der Weltwirtschaft verlangsamt" habe, seien 37 Millionen Menschen in extreme Armut zurückgefallen. Wenn die Kindersterblichkeit wieder nach oben gehen sollte, werde dies wahrscheinlich weitgehend auf einen Anstieg der Unterernährung zurückzuführen sein.

Lesen Sie hier das ganze Gespräch:

SPIEGEL: Mr. Gates, das Coronavirus hat inzwischen offiziell fast eine Million Menschenleben gekostet. Hat Sie diese Pandemie überrascht?

Gates: Manche Aspekte sind sehr überraschend. Gesundheitsexperten sprechen zwar seit Jahrzehnten über die Bedrohung der Welt durch ein per Tröpfcheninfektion und Aerosol übertragenes Virus. Aber sie sprachen vor allem untereinander. Und viele von ihnen haben nicht mit einem Coronavirus gerechnet. Nach Mers und Sars konnte man zwar sagen: Ja, diese Virusfamilie kann eindeutig die Artengrenze überschreiten und auf den Menschen überspringen. Aber Covid-19 ist eine sehr überraschende Krankheit. Wir haben lange gebraucht, um allein die Symptome zu verstehen.

SPIEGEL: Wie kann es sein, dass der Erreger uns so unvorbereitet erwischt hat?

Gates: 2015 habe ich im Zusammenhang mit der Ebola-Epidemie gewarnt, dass wir für die nächste Pandemie nicht gerüstet seien. Aber was seitdem für die Pandemievorbereitung getan wurde, war sehr, sehr bescheiden.

SPIEGEL: Hätte nicht auch die Gates-Stiftung mehr tun können?

Gates: Um die Welt auf Kriege, Naturkatastrophen, Klimawandel oder Epidemien vorzubereiten, dafür sind Regierungen und Nationen verantwortlich, nicht wir. Ja, Stiftungen können zur Finanzierung von Wissenschaftlern beitragen. Aber wir sind keine Stiftung, die alle Gesundheitsprobleme der Welt lösen kann. Wir konzentrieren uns auf diejenigen Krankheiten, von denen die Entwicklungsländer unverhältnismäßig stark betroffen sind, denen die reiche Welt keine Aufmerksamkeit schenkt: HIV, Tuberkulose, Malaria. Wir wissen viel über Impfungen, weil wir die besten Leute von allen Impfstoffunternehmen einstellen. Aber es steht nicht auf unserer Charta, eine Pandemie zu bekämpfen. Das tun die Regierungen.

SPIEGEL: Welche Fehler im Kampf gegen die Pandemie irritieren Sie am meisten?

Gates: Wir wussten zum Beispiel nicht, dass Masken so wichtig sein würden. Zuerst hieß es, man solle keine Masken tragen, weil wir sie fürs Gesundheitspersonal brauchen. Dann hieß es, na ja, wenn man krank ist, ist eine Maske vielleicht hilfreich. Es dauerte eine Weile, bis klar war, dass das Tragen einer Maske auch nicht infizierten Menschen hilft, um das Infektionsrisiko zu verringern.

SPIEGEL: Sehen Sie denn Fortschritte bei der Entwicklung einer Therapie gegen Covid-19?

Gates: Die Therapiestudien waren bislang extrem schwach. Wir wissen zum Beispiel immer noch nicht, ob das Blutplasma von Genesenen akut Kranken helfen kann. Es ist Wahnsinn, dass wir nicht längst weiter sind! Selbst beim Medikament Remdesivir sind die Wirksamkeitsdaten immer noch ziemlich schwach. Und die Diagnostik wurde sehr schlecht orchestriert, vor allem in den USA, wo man erwartet hätte, dass so was gut gemacht wird.

SPIEGEL: Wie viel Verantwortung trägt Donald Trump für das Versagen der Vereinigten Staaten in der Coronakrise?

Gates: Die Reaktion der USA war sehr, sehr schlecht, allein schon bei den Tests. Wir hätten nie für Testergebnisse zahlen sollen, die länger als 24 Stunden brauchen. Wir sollten dafür sorgen, dass Tests in den ärmeren Stadtvierteln verfügbar sind, wo die Corona-Last am größten ist, und nicht nur für wohlhabendere Patienten. Die Reaktion der USA ist so viel schlechter, als sie hätte sein sollen. Und dafür ist die politische Führung voll und ganz verantwortlich.

SPIEGEL: Trump hat beschlossen, dass die USA aus der Weltgesundheitsorganisation WHO austreten. Können Initiativen wie Ihre Stiftung solche Lücken füllen?

Gates: Nein, nie. Unsere Stiftung füllt keine Lücken, die die US-Regierung schafft. Das ist nicht unsere Aufgabe. Das Letzte, was man tun will, ist, Regierungen zu helfen, die sich unverantwortlich verhalten.

SPIEGEL: Halten Sie es für möglich, dass die amerikanische Regierung den WHO-Austritt noch einmal revidiert? Hängt das vom Ausgang der Präsidentschaftswahl ab?

Gates: Wenn diese Wahl in die eine Richtung geht, werden die USA natürlich in der WHO bleiben und ihre Beiträge ohne Unterbrechung weiterzahlen. Wenn die Wahl in die andere Richtung geht, hoffe ich immer noch, die Regierung davon überzeugen zu können, dass das Geld für die WHO gut angelegt ist — selbst unter dem Motto "America First", einer völlig egoistischen Messlatte.

SPIEGEL: Das Wahlergebnis könnte auch davon abhängen, ob die US-Arzneimittelbehörde FDA einem Coronavirus-Impfstoff noch vor dem 3. November im Blitzverfahren eine Notfallzulassung erteilt. Es gibt allerdings Sorge, dass es über die Wirksamkeit und Sicherheit des Impfstoffs dann noch zu wenig Daten gibt. Wäre eine solche Freigabe das Risiko wert?

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