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Barack Obama zur US-Wahl 2020: Und jetzt noch mal mit Gefühl

October 28
15:19 2020
Barack Obama in Florida: Als wäre er nie weg gewesen Icon: vergrößern

Barack Obama in Florida: Als wäre er nie weg gewesen

Foto: EVE EDELHEIT / REUTERS

Barack Obama joggt locker auf die Bühne, hüpft die Treppen hoch, winkt, setzt die Maske ab, auf der in weißen Lettern "VOTE" ("wählt") steht, und lächelt. Obama, der sich eigentlich nach der Wahl 2016 zur Ruhe setzen wollte, um Bücher zu schreiben und Netflix-Dokumentationen zu drehen, macht wieder Wahlkampf.

Der Auftritt findet bei einer Drive-in-Rally in Orlando, Florida, statt. Es ist eine Veranstaltung, zu der die Unterstützer im Auto anreisen, um den Mindestabstand während der Pandemie zu wahren. Sie wird live ins Internet übertragen. Noch eine Woche, dann stehe die "wichtigste Wahl in unserem Leben" an, sagt Obama. Der Demokrat, Joe Biden, tritt gegen den Amtsinhaber und Republikaner, Donald Trump, an. Obama beschwört die Zuschauer, wählen zu gehen. "Was wir in einer Woche machen, wird auf Jahrzehnte wichtig bleiben", sagt er.

Angst um die amerikanische Demokratie

Dass er während der Endphase des Wahlkampfs eine so große Rolle spielen würde, war lange nicht klar. Obama ist nach wie vor einer der beliebtesten Präsidenten, den die USA jemals hatten. Auf Twitter folgen ihm 124,3 Millionen Menschen. Der twitterwütige Trump hat nur 87,3 Millionen Follower auf der Plattform. Obama weiß, wie wirkungsvoll seine Stimme ist. Er setzt sie nur sehr dosiert ein. In den vergangenen dreieinhalb Jahren hat er sich selten zu seinem Nachfolger geäußert und ihn noch seltener persönlich angegriffen. Es entsprach seinem Ideal der präsidialen Etikette nicht.

Aber Obama hat es sich offenkundig anders überlegt. Auf seiner Twitter-Timeline reihen sich Videos von Auftritten in verschiedenen Formaten, kleine Wahlkampfspots und Tweets in denen er inspirierende Geschichten von Biden-Unterstützern teilt. Vor wenigen Tagen hatte er seinen ersten Wahlkampfauftritt bei einer Rally in Philadelphia, dann folgte ein Auftritt in Miami, nun ist er in Orlando. Obama besucht die wichtigen Swing States. Sein Sinneswandel hat einen Grund: Er sorgt sich um die Demokratie in den Vereinigten Staaten von Amerika.

In Orlando spricht Obama über die Versäumnisse der Trump-Regierung während der Corona-Pandemie. Trump beschwere sich, dass es zu viel um Covid gehe, nachdem über 220.000 Amerikaner gestorben seien, Tausende kleine Unternehmen hätten schließen müssen. "Er ist neidisch auf die Presse, die Covid bekommt", sagt Obama spottend. Trumps Stabschef Mark Meadows hatte vor wenigen Tagen in einem Interview gesagt, "wir werden die Pandemie nicht kontrollieren können". Obama zitiert ihn, sagt, das merkten sie, dass das Weiße Haus die Pandemie nicht kontrollieren würde. "Der Winter kommt, und sie winken mit der weißen Fahne der Kapitulation", sagt Obama.

Die unbegründete Sorge des Obama-Teams

Obama spricht pointiert, charismatisch, eindringlich. Er ist ein sehr guter Redner. Er spricht über Bidens Pläne zur Corona-Bekämpfung, darüber, dass Trump kaum Einkommensteuern gezahlt habe (laut "New York Times" waren es im Jahr 2017 gerade einmal 750 Dollar), über die Krankenversicherung Obamacare und darüber, dass Trump sich als wichtigsten Präsidenten für schwarze Menschen in Amerika "seit Abraham Lincoln" bezeichnet hat. Irgendwann fängt die Menge an zu johlen: "Si podemos", "Yes we can" auf Spanisch. Für einen kurzen Moment wirkt es, als mache Obama Wahlkampf für sich selbst.

Wenn er an diesem Tag über seine Erfolge als Präsident spricht, dann erwähnt er Biden im selben Atemzug. Obama habe gemeinsam mit Biden sichergestellt, dass Menschen mit Vorerkrankungen sich versichern dürften. Biden und er hätten mehr Jobs geschaffen als Trump.

Laut einem Artikel der "New York Times" aus dem Juni dieses Jahres habe es im Obama-Team Sorge darüber gegeben, ob Obama Biden überschatten könne, wenn er zu viel auftrete. Das sei ein Grund dafür, dass er sich bis zu dem Zeitpunkt noch nicht viel in den Wahlkampf eingemischt habe. "Überschattet uns ruhig", soll einer aus dem Biden-Team geantwortet haben.

Dass Obama doch eine größere Rolle spielen würde, konnte erahnen, wer seine Rede auf dem Parteitag der Demokraten Ende August verfolgte. Als er Joe Biden vor zwölf Jahren als seinen Vizepräsidenten nominiert habe, habe er nicht wissen können, dass er "einen Bruder" in ihm finden würde. Er sprach über die Bedeutung der Pressefreiheit und darüber, dass politische Gegner keine Feinde seien. "Ich bitte Sie, an Ihre eigene Verantwortung als Bürger zu glauben, um sicherzustellen, dass die grundlegenden Pfeiler unserer Demokratie erhalten bleiben. Das ist, was auf dem Spiel steht. Unsere Demokratie", sagte er damals.

"Wir müssen wählen, wie wir noch nie gewählt haben"

Der Obama dieser Tage klingt befreit, er scheint eine gewisse Freude daran zu haben, seinem Nachfolger endlich all das öffentlich vorwerfen zu können, was er laut diversen Medienberichten schon seit der Wahl 2016 denkt. Dass Trump das Amt nicht ernst nehme, dass er Verschwörungstheorien verbreite und mehrmals am Tag lüge. "Wir würden nicht akzeptieren, wenn ein Football-Coach das machen würde, warum sollen wir es akzeptieren, wenn es der Präsident der Vereinigten Staaten tut?", fragt er. Obama ist scharf in seinen Angriffen gegen Trump, schärfer als Biden, der darauf achtet, sich als Mann des Zusammenhalts zu inszenieren.

Dass es Obama ernst ist mit der Sorge um die amerikanische Demokratie, wird auch bei dem Auftritt in Orlando offenbar. In den vergangenen vier Jahren seien die schlimmsten Impulse der Amerikaner zum Vorschein gekommen. Aber auch die besten, zum Beispiel wenn Millionen Amerikaner gemeinsam für Black Lives Matter auf die Straße gingen. "Amerika ist ein guter und anständiger Ort", sagt er und bittet die Menschen, sich daran zu erinnern, worum es in Amerika gehe – nämlich darum, dass es jeder schaffen könne, unabhängig davon, woher man komme. "Wir müssen wählen, wie wir noch nie gewählt haben", ruft er seinen jubelnden Anhängern zu.

Als er fertig ist, bleibt er noch kurz auf der Bühne. Er winkt ein paar Mal, lächelt. Seine Auftritte sind wie kurze Momente der Erinnerung an 2008 und 2012. Als Obamas Name auf dem Wahlzettel stand. "Wie ein Atemzug an der frischen Luft", schreibt danach jemand auf Twitter.

Icon: Der Spiegel

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